TV-Duell Trump gegen Biden: Das war die erste Konfrontation

US-Präsident Donald Trump und Ex-Vizepräsident Joe Biden standen sich erstmals auf der Bühne gegenüber. Eine sinnvolle Debatte suchte man meist vergeblich. Der Amtsinhaber ließ seinen Herausforderer kaum zu Wort kommen.

US-Präsident Donald Trump und der demokratische Kandidat Joe Biden auf der Bühne.
© JIM WATSON

Von Matthias Sauermann

Cleveland – Es war ein seit Monaten mit Spannung erwarteter Moment im US-Wahlkampf: Um 3 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit schritten US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden erstmals gleichzeitig auf die Bühne, um über die Zukunft des Landes zu debattieren. Schon über die Begrüßung war im Vorfeld gerätselt worden. Würde es zu einem Handschlag kommen (laut Covid-Regeln wäre ein solcher eigentlich verboten)? Was macht Biden, wenn Trump einfach zu einem Handschlag ansetzt? Würden die Kandidaten mit Maske erscheinen oder ohne?

Auch das Studio verdeutlichte den Ernst der Lage in der Pandemie: Die wenigen Zuschauer waren auf Stühlen platziert, die mit Abstand zueinander aufgestellt waren. Sowohl First Lady Melania Trump als auch Jill Biden erschienen mit Mund-Nasen-Schutz. Um kurz nach 3 Uhr bat Moderator Chris Wallace (Fox News) die beiden Kandidaten schließlich auf die Bühne. Beide erschienen ohne Maske, jedoch mit deutlich Abstand zueinander von verschiedenen Seiten der Bühne. Zu einem Handschlag kam es nicht.

Präsident Donald Trump (r.) versuchte, Joe Biden persönlich anzugreifen. Dieser sprach direkt in die Kamera zu den Wählern.
© JIM WATSON

Höchstgericht und Krankenversicherung

Als erstes Thema kam die Nachfolge von Ruth Bader Ginsburg zur Sprache. US-Präsident Donald Trump hatte am Wochenende die konservative Richterin Amy Coney Barrett nominiert. "Wir haben die Wahlen gewonnen, Wahlen haben Konsequenzen", verteidigte Trump die Nominierung. Die Republikaner hatten 2016 die Nominierung eines Obama-Kandidaten für Monate blockiert. Coney Barrett sei "sehr respektiert", so Trump. "Die Demokraten würden es umgekehrt genau so machen."

"Die Amerikaner haben ein Recht darauf, bei der Nominierung mitzureden", entgegnete Biden. Die Wahl habe bereits begonnen, viele Menschen hätten schon gewählt. Der einzige Weg, den Menschen ein Mitspracherecht zu geben, sei es, die Wahl abzuwarten. Präsident Trump versuche, Obamacare abzuschaffen, so Biden. Der Demokrat stellte die Nominierung von Barrett als Versuch von Trump dar, das Gesetz für eine leistbare Krankenversicherung im Höchstgericht zu Fall zu bringen.

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Bereits in dem ersten Fragerunde konfrontierte Trump Biden mit dem Vorwurf, dieser wolle Sozialismus verbreiten. Biden lächelte erst und versicherte dann, er sei derzeit die demokratische Partei und bestimme das Programm. Moderator Chris Wallace konfrontierte Trump damit, dass er entgegen seiner Versprechen nie einen Ersatz für Obamacare entworfen habe. Trump widersprach und erklärte, man habe durch die Aufhebung der Pflicht zur Versicherung das System sogar besser gemacht.

Als Trump Biden andauernd ins Wort fiel, wurde Biden erstmals deutlich: "Alles, was er gerade gesagt hat, ist eine Lüge. Ich werde nicht jede seiner Lügen benennen. Jeder weiß, dass er ein Lügner ist", so Biden deutlich. "Fallen Sie ihm nicht ins Wort", meinte Moderator Chris Wallace. "Er weiß nicht, wie das geht", meinte Biden, nachdem Trump ihn weiter nicht ausreden ließ. Am Ende des Segments verlor Biden dann doch die Nerven: "Halt die Klappe, Mann", murmelte Biden, als Trump ihm in einem entscheidenden Moment nicht zu Wort kommen ließ.

🎥 Video: Die Debatte zum Nachsehen

Die Lage in der Pandemie

Als die Debatte auf die Pandemie kam, verdeutlichte Biden erst einmal die Lage in der Pandemie mit den hohen Todeszahlen. Trump habe daraufhin gesagt: "Es ist, was es ist". Das verdeutliche die Persönlichkeit Trumps, so Biden. Trump sei in Panik verfallen, er habe das Virus verharmlost. Er, Biden, habe bereits im Frühjahr darauf gedrängt, was getan werden müsse, um Menschen zu retten.

"Wenn wir auf dich gehört hätten, wären die Grenzen offen geblieben", entgegnete Trump. Biden habe das damals verurteilt, behauptete er. Seine Antwort auf die Krise würde von allen Seiten gelobt, behauptete Trump. "Präsident Trump hat einen phänomenalen Job gemacht, sagen sie", so Trump. Biden lachte. "Die Fake News geben dir gute Berichterstattung und mir schlechte", so Trump. Biden hätte nie einen so guten Job machen können, das zeige etwa die Reaktion auf die Schweinegrippe. "Damals sind 14.000 Menschen gestorben, nicht 200.000", entgegenete Biden.

Moderator Chris Wallace sprach Trump darauf an, dass er Wissenschaftern widerspreche. Trump antwortete, er habe mit vielen Menschen gesprochen und etwa in der Frage der Impfungen sei es wahrscheinlich, dass diese viel früher verfügbar seien. Das widerspricht der Haltung seiner eigenen Top-Experten. "Ich stimme nicht mit ihnen überein", so Trump. "Vielleicht würde es ja helfen, Bleichmittel zu spritzen", nahm Biden ironisch auf einen "Tipp" Bezug, den Trump in einer Pressekonferenz einmal gegeben hatte.

Bereits zum zweiten Mal wandte sich Biden direkt in die Kamera und sprach zum amerikanischen Volk. Dieses solle die Lügen Trumps nicht glauben. Trump reagierte darauf mit einem persönlichen Angriff. "Du hast den Namen deines Colleges vergessen. Du hast als einer der schlechtesten dort abgeschnitten. Erwähne niemals das Wort "klug" mir gegenüber. An dir ist nichts Kluges", giftete Trump.

Warum er trotz Pandemie große Versammlungen abhalte, verteidigte Trump damit, dass "die Leute hören wollen, was ich zu sagen habe". Biden meinte, Trump kümmere sich nicht um die Menschen, sondern nur um sich selbst. Wieder versuchte er, direkt in die Kamera zu sprechen.

Wirtschaft und Trumps Steuern

"Wir haben die großartigste Wirtschaft in der Geschichte geschaffen und sie wegen der Pandemie herunterfahren müssen", so Trump. Das sei sehr schwer gewesen. "Er hätte das nicht gemacht", behauptete Trump mit Blick auf Biden. Es sei aber das richtige gewesen. "Dieser Typ würde das ganze Land dicht machen", beschrieb Trump ein Horrorszenario.

"Er wird der erste Präsident in der Geschichte sein, der sein Amt verlässt mit einer geringeren Anzahl an Jobs als zu seiner Amtseinführung", sprach Biden direkt in die Kamera. "Man kann die Wirtschaft nicht wieder reparieren, bevor man nicht die Covid-Krise meistert", meinte Biden. Aber Trump würde keine Anstalten machen, dies zu schaffen.

Dann kam die Sprache auf die Steuern Trumps. Der Präsident weigerte sich, auf die Frage zu antworten, ob er tatsächlich 2016 und 2017 nur etwa 700 Dollar an Bundessteuern gezahlt habe. "Ich habe Millionen an Steuern gezahlt", meinte Trump und nahm damit offenbar auf andere Abgaben Bezug, nicht auf Bundessteuern. Auch auf Nachfrage blieb Trump bei diesen "vielen Millionen". Trump sei deshalb in der Lage, Steuern zu vermeiden und weniger Steuern zu zahlen als Lehrer, weil das Gesetz das erlaube, so Biden. Deshalb wolle er das Steuergesetz ändern.

Biden versprach, Steuern für besonders reiche Unternehmen zu erhöhen, die derzeit fast keine Steuern zahlen würden. "Warum hast du das nicht gemacht, als du Vizepräsident warst?", fragte Trump. "Weil erst du das ermöglicht hast", spielte Biden den Ball zurück. "Wenn du meine Steuerreform wieder aufhebst, wirst du in eine Rezession schlittern", so Trump. Biden antwortete auch hier: Obama habe eine hervorragende Wirtschaft übergeben, und Trump sei nun in eine Rezession geschlittert.

Trump griff dann zu Vorwürfen gegen Bidens Sohn. "Das ist alles nicht wahr", so Biden. Als er das erläutern wollte, fiel Trump ihm sofort ins Wort und ließ ihn keine drei Wörter sprechen. "Es ist schwer, überhaupt irgendetwas zu sagen bei diesem Clown, Verzeihung, diesem Präsidenten", so Biden.

Proteste gegen Rassismus und Gewalt auf den Straßen

Biden erinnerte noch einmal an die Proteste in Charlottesville, bei denen Rechtsextreme und Neonazis marschiert waren und auch auf Gegendemonstranten gestoßen waren. Eine Frau war damals von einem Rechtsextremisten getötet worden. Trump habe daraufhin gesagt: "Es hat sehr gute Menschen auf beiden Seiten gegeben". Als nun vor wenigen Monaten Menschen friedlich vor dem Weißen Haus gegen Rassismus protestiert hätten, hätte Trump diese mit Tränengas vertrieben. "Dieser Präsident soll für Afroamerikaner da sein?", fragte Biden. Trump behauptete, Biden hätte Afroamerikaner als "Superpredators" bezeichnet. Er, Trump, schneide bei Afroamerikanern besser ab als jeder Republikaner vor ihm.

Als die Sprache auf Rassismus und Polizeigewalt kam, meinte Biden: "Natürlich gibt es systematischen Rassismus". Die meisten Polizisten seien gute Menschen, aber es gäbe auch faule Äpfel. Auch die meisten Polizisten seien entsetzt darüber, was George Floyd passiert sei. Friedlicher Protest dagegen sei absolut gerechtfertigt. "Gewalt ist niemals gerechtfertigt, Gewalt ist niemals gerechtfertigt", betonte Biden. Trump behauptete daraufhin, Biden würde gewaltsamen Protest gutheißen. Er, Biden, stehe für den Kampf gegen Rassismus. "Wir können das schaffen", so Biden. Trump behauptete, unter der Obama-Administration habe es sogar noch mehr Gewalt gegeben.

"Die Polizei muss fähig sein, mit dem umzugehen, was auf sie zukommt. Ich bin nicht dafür, ihnen Gelder zu streichen", betonte Biden. Trump insistierte: "Er will der Polizei Gelder streichen". "Das ist nicht wahr", so Biden. Was Portland betreffe sei er derzeit nicht im Amt, er sei ein ehemaliger Vizepräsident. Trump hingegen sei daran interessiert, Öl ins Feuer zu gießen. Trump weigerte sich auf direkte Nachfrage, weiße Neonazi-Gruppen zu verurteilen. Stattdessen sagte er zum Entsetzen von Kommentatoren über eine Neonazi-Gruppe: "Stand back and stand by" (so viel wie: "Haltet euch zurück und haltet euch bereit").

Biden und Trumps bisherige Geschichte und Erfolge

"Es hat noch nie eine Regierung gegeben, die mehr getan hat, als wir in vier Jahren. Trotz der Russland-Lüge", verteidigte Trump seine bisherige Amtszeit. Vor der Pandemie habe es eine großartige Wirtschaft gegeben. Er werde sie wieder neu aufbauen. Am Ende seiner Amtszeit werde es hoffentlich drei Höchstrichter geben, die von ihm ernannt wurden. Obama habe ihm 120 Richterstellen zu besetzen gelassen, so Trump. "Das kann kein guter Präsident sein".

"Wir sind unter der Trump-Regierung schwächer, kränker und ärmer geworden", griff Biden Trump an. Obama habe die Wirtschaft aufgerichtet, Trump habe sie zugrunde gerichtet, so Biden. Zu Zeiten der Obama-Regierung habe es 15 Prozent weniger Gewalt gegeben als heute, so Biden. Dann griff er Trump direkt an wegen dessen angeblicher Aussage, gestorbene Soldaten seien "Loser". Biden wurde an dieser Stelle emotional und erinnerte an seinen verstorbenen Sohn Beau.

Moderator Chris Wallace hatte Mühe, für eine gesittete Debatte zu sorgen. Stellenweise benannte Wallace auch direkt, dass Trump besonders fleißig dabei sein, dem anderen ins Wort zu fallen.

Dann kam die Sprache auf den Klimawandel. "Ich bin für reines Wasser und reine Luft", so Trump. Dafür müsse man alles tun. Auf die Frage, ob er an den menschengemachten Klimawandel glaube, meinte Trump, zu einem gewissen Ausmaß sei das wohl richtig. Wieder meinte Trump, in Europa gebe es "Waldstädte". Dort werde besser für die Wälder gesorgt als in Kalifornien. Moderator Wallace meinte: "Wenn Sie an den Klimawandel glauben, warum haben Sie dann Regeln aus der Obama-Administration zur Beschränkung der Emissionen aufgehoben?" - "Weil die Preise durch die Decke gegangen sind", meinte Trump.

Biden meinte, es sei nicht wahr, dass mehr Kampf gegen den Klimawandel die Wirtschaft schädigen würde. Man müsse auf erneuerbare Energie setzen. Man müsse auf elektrische Fahrzeuge und Ladestationen setzen, kündigte Biden eine Infrastrukturoffensive an. "Es gibt so viel, was wir tun könne, um Tausende Jobs zu schaffen", so Biden. Diese seien noch dazu gut bezahlt. Das alles könne grüne Infrastruktur schaffen. Er werde auch dem Pariser Klimaabkommen wieder beitreten.

Hier wurde die Debatte erstmals spezifisch und kam auf den Plan Bidens, die Wirtschaft aufzurichten und gleichzeitig den Klimawandel zu bekämpfen. "Würde das nicht eher der Wirtschaft schaden?", fragte Moderator Wallace. Im Gegenteil, versicherte Biden. Sein Plan würde die Wirtschaft stärken und Jobs schaffen.

Die Integrität der Wahlen

Schließlich kam die Sprache darauf, wie sicher die Kandidaten seien, dass die Wahl fair ablaufen würden. "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Briefwahl gefälscht sei", so Biden. Man müsse wählen gehen. Man müsse dafür sorgen, dass die Wahl vor Ort sicher sei, Distanz gehalten werden könne. Trump versuche das Gegenteil: Er versuche Wähler davon abzubringen, zur Wahl zu gehen. "Gehen Sie zur Wahl", sprach Biden direkt in die Kamera. "Wenn ich gewinne, werde ich das akzeptieren, wenn ich verliere, werde ich das akzeptieren", grenzte sich Biden von Trump ab. Aber genügend Stimmen könnten sicherstellen, dass er gewinne, appellierte er an seine Unterstützer.

Trump behauptete, auch bei ihm habe es keine friedliche Machtübergabe gegeben und stellte sich in der Russland-Affäre als Opfer einer Verschwörung dar. Was die Briefwahl betrifft, ergänzte Trump: "Das wird ein Betrug, wie es noch nie einen gegeben hat.". Man werde vielleicht monatelang das Ergebnis nicht kennen. Er vertraue auf das Höchstgericht, sich das genau anzuschauen. Er behauptete, Wahlzettel würden in Flüssen entsorgt. "Dafür gibt es keine Beweise", meinte Biden.

Auf die Frage, ob man auf die eigenen Unterstützer einwirken würde, in der Phase der Auszählung Ruhe zu bewahren, meinte Trump: "Ich wirke auf meine Unterstützer ein, die Wahl genau zu beobachten. Sie betrügen, sie betrügen", meinte Trump. Biden meinte hingegen: "Natürlich. Viele Briefwahlstimmen können erst ab dem Wahltag ausgezählt werden." Er bekannte sich dazu, erst dann einen Sieger zu benennen, wenn die Wahl von unabhängiger Stelle bestätigt sei. Egal wie die Wahl ausgehe, werde er den Sieger unterstützen, so Biden im Schlusswort.

Kommentar: Eine unmögliche Debatte

Monatelang wurde auf die erste TV-Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden hingefiebert. Wer sich eine Diskussion erwartet hat, wurde enttäuscht. Und das hatte einen Grund: den Amtsinhaber. Trump ließ seinen Gegenspieler kaum zu Wort kommen, kaum eine Antwort beenden. Trump war darauf aus, die Debatte zu zerstören. Die versprochenen zwei Minuten ohne Unterbrechung bekam Biden fast nie. Trump wurde oft persönlich, und als Biden sich verteidigen wollte, schrie Trump über seinen Kontrahenten.

Inhaltlich brachte der Abend deshalb kaum etwas Neues. Aber er erlaubte einen Einblick in die Persönlichkeit der beiden Personen. Biden hatte sichtlich Probleme, mit dem Charakter des Gegenübers umzugehen. Beachtlich war dabei die wohl vorbereitete Strategie, auf Angriffe zu reagieren: Biden versuchte, direkt in die Kamera zu sprechen und die Wähler so direkt zu erreichen. Aber auch diese Taktik machte Trump großteils zunichte, weil er andauernd dazwischenfuhr und einfach lauter sprach.

Verloren haben diejenigen, die erhofft haben, zu erfahren, was die beiden Kandidaten für die kommenden vier Jahre planen. Auf einer anderen Ebene war der Abend dennoch aufschlussreich. (Matthias Sauermann)


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