Rüpels Rückzugsgefecht: TT-Leitartikel zum TV-Duell Trump gegen Biden

Der US-Präsident hat in der TV-Debatte die Chance auf ein Comeback im Wahlkampf ausgelassen. 
Stattdessen rüstet er für eine politische Schlacht, die möglicherweise auf den Wahltag folgt.

US-Präsident Donald Trump (r.) war bei der Debatte gegen Ex-Vizepräsident Joe Biden nur darauf aus, die Debatte zu zerstören.
© OLIVIER DOULIERY

Von Floo Weißmann

All jene, die darauf hoffen, dass US-Präsident Donald Trump abgewählt wird, dürfen vorerst aufatmen. Seine erste TV-Debatte gegen Joe Biden mag chaotisch und im Stil widerlich gewesen sein – ein Tiefpunkt der politischen Auseinandersetzung. Aber sie hat die Dynamik im amerikanischen Wahlkampf wohl kaum verändert. Und das ist eine gute Nachricht für Biden, dessen Vorsprung in den Umfragen seit Monaten relativ konstant bleibt.

Trump ist sich in der Debatte selbst treu geblieben, vielleicht kann er auch nicht anders. Er agierte rüpelhaft und untergriffig, ignorierte die für die Debatte vereinbarten Regeln und die Normen des politischen Anstands. Sein Auftritt war gespickt mit Übertreibungen und Unwahrheiten, wie man sie von ihm seit Jahren kennt. Anstelle von politischen Konzepten präsentierte er sich selbst als genialen Anführer.

Das mag seinen Anhängern gefallen, die ihm durch alle Skandale und Tabubrüche hindurch die Treue gehalten haben und die auf sein Dominanzgebaren anspringen. Aber es wird seine Wählerbasis kaum erweitern. Im Gegenteil: Der auffallendste Wählertrend in den vergangenen Jahren war, dass Frauen aus der weißen Mittelschicht den Republikanern den Rücken kehren. Trumps Gebaren in der TV-Debatte dürfte diesen Trend nach Ansicht von Experten eher verstärken als umkehren. Das könnte zum entscheidenden Faktor werden und nicht allein die Niederlage des Präsidenten besiegeln, sondern auch die seiner Republikaner bei der Kongresswahl.

Biden hat auch keine Glanzleistung abgeliefert. Aber er war vorbereitet und leistete sich bis zum Schluss keinen groben Schnitzer. Damit hat er die Mindestanforderung erfüllt – nämlich für all jene wählbar zu bleiben, die Trump loswerden wollen. Doch das Rennen ist noch nicht vorbei. Vor vier Jahren wirkte Hillary Clinton gegenüber Trump klar im Vorteil – und schaffte es doch nicht ins Weiße Haus.

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Auf der Strecke bleibt in jedem Fall die politische Kultur in Amerika, die unter Trump ohnehin schon stark gelitten hat. Und die TV-Debatte hat die Aussicht verdüstert, dass das Drama am Wahltag ausgestanden ist. Der Präsident hat seine Anhänger erneut auf einen angeblichen massiven Wahlbetrug seiner Gegner eingestellt. Er hat sie aufgerufen, Wahllokale zu beobachten und sogar einer extrem rechten Gruppe öffentlich ausgerichtet, sie möge sich bereithalten – eigentlich unerhört in einer Demokratie, aber wenig überraschend für Trump. Amerika steht das Schlimmste seiner Ära womöglich noch bevor.


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