Wien wählt: Politische Veränderungen in Zeiten einer dominanten Kraft

Bürgermeister Michael Ludwig führt die Wiener SPÖ erstmals in die Wahl. Wird er auch Rot-Grün fortführen? Die ÖVP mit Gernot Blümel könnte ihren Wähleranteil verdoppeln. Außer sie verlieren zu viel an die NEOS. Abstürzen wird die FPÖ. Verantwortlich: Heinz-Christian Strache.

Der Stephansdom in Wien.
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Von Michael Sprenger

Wien – Am kommenden Sonntag blickt Österreich auf die Bundeshauptstadt. Die spannendste Wahl des Jahres findet in dem mit 415 Quadratkilometern kleinsten Bundesland statt. Doch mit rund 1,9 Millionen Menschen hat Wien die meisten Einwohner.

Der alten Kaiserstadt wird seit Jahren weltweit höchste Lebensqualität bescheinigt. Zum Tragen kommt dabei das hohe Maß an Sicherheit, funktionierende Infrastruktur, überragendes Kulturangebot. Nur die zuletzt so pulsierende Wirtschafts- und Tourismusregion hat mit der Corona-Pandemie einen schweren Dämpfer erhalten.

Wien zeichnet sich bislang durch politische Stabilität aus. Kann hier das Virus eine Veränderung bewirken? Wohl nicht an der Spitze, doch die Kräfteverhältnisse sollten sich verschieben – am 11. Oktober.

Dies hat aber in erster Linie mit den politischen Veränderungen in den vergangenen drei Jahren zu tun – und ist keine Folge des Virus.

Großveranstaltungen gibt es aufgrund der Corona-Krise nicht, aber das plakative Straßenbild in Wien ist auf Wahlkampf abgestimmt.
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Wien ist seit Jahrzehnten eine Hochburg der SPÖ. Aufgrund der aktuellen Umfragen dürfte dies so bleiben. Obwohl die SPÖ bundesweit weiterhin orientierungslos agiert – und in Wien erstmals Michael Ludwig die Partei als Bürgermeister in die Wahl führt –, werden den Roten sogar leichte Zugewinne vorhergesagt. Also braucht man keinen besonderen Mut, wenn man behauptet, dass Ludwig Bürgermeister bleiben wird.

Doch sonst ist alles unsicher. Auch die künftige Koalition. Seit der Wahl 2010 regiert in Wien Rot-Grün. Doch damals hatte Michael Häupl das Sagen in der SPÖ und bei den Grünen war Maria Vassilakou an der Spitze. Beide, Häupl und Vassilakou, haben sich von der politischen Bühne verabschiedet. Und ihre Nachfolger, dort Michael Ludwig, hier Birgit Hebein, können nicht so gut miteinander. Ludwig würde gerne mit der ÖVP, wenn dort der Wirtschaftskämmerer Walter Ruck das Sagen hat. Aber die ÖVP ist auch in Wien nicht mehr schwarz. Sebastian Kurz’ enger Vertrauter, Finanzminister Gernot Blümel, führt die ÖVP in die Wahl. Und die Türkisen werden am Sonntag feiern. Seit Kurz das Kanzleramt für die ÖVP 2017 erobert hatte, gibt es allerorten einen türkisen Aufwärtstrend. Auch in Wien, wo man vor fünf Jahren nur noch auf 9,2 Prozent gelandet war. Laut Umfragen könnte sich die ÖVP nun verdoppeln.

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Die ÖVP könnte zweitstärkste Kraft in Wien werden. Sie dürfte von einem Wähleraustausch der FPÖ hin zur ÖVP profitieren. Nach dem Ibiza-Skandal müssen sich die Blauen daran gewönnen, an Wahlsonntagen ein kräftiges Minus zu verkraften. Das wird auch am Sonntag so sein. Ihr Spitzenkandidat Dominik Nepp bemüht sich zwar um Optimismus und erfreut sich schon daran, dass die FPÖ nach zuvor fünf bis sechs Prozent in manchen Umfragen knapp zweistellig ausgewiesen wurde. Aber auch das wäre ein tiefer Fall – ausgehend vom 2015 gesetzten Rekord von 30,8 Prozent. Auf den Höhenflug gebracht hatte die Partei der damalige Bundes- und Wiener Parteichef Heinz-Christian Strache – der sie nach seinen Eskapaden nicht nur in die Tiefe riss, sondern seiner Heimatpartei jetzt auch noch Konkurrenz macht.

Dies könnte am Sonntag die spannendste Frage sein: Schafft Strache mit seiner Partei den Einzug in den Landtag und Gemeinderat? Laut Umfragen wird es knapp.

Mit leichten Zugewinnen können die NEOS rechnen. Und dies, obwohl Christoph Wiederkehr ein ziemlich unbekannter Spitzenkandidat ist.

Spannend wird die Wahl für die Grünen, nicht nur wegen der Koalitionsfrage. Schadet die Regierungsbeteiligung im Bund? Zumindest laut Umfragen wird der Öko-Partei ein Plus vorausgesagt. Hebeins Wahlziel ist also realistisch: „Das beste Ergebnis“ soll es werden. Das waren bisher 14,6 Prozent aus 2005, und in den Umfragen liegen die Grünen bei 15 bis 17 Prozent.

Auch wenn die Blauen abstürzen, überholt dürften die Grünen von der ÖVP werden.

In der Koalitionsfrage kann es sich Michael Ludwig bequem machen. Er könnte wohl mit jeder im Gemeinderat vertretenen Partei zumindest rechnerisch eine Mehrheit finden. Weil das Wahlrecht in Wien eine Absolute schon mit 47 Prozent möglich macht, braucht er vielleicht gar keinen Partner.

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Arena. Auf dem früheren Schlachthof St. Marx im dritten Bezirk entstand ein alternatives Kulturzentrum. Das mittlerweile etablierte Zentrum musste erkämpft werden. 1976 kam es zu einer Besetzung des Arena-Geländes.

⏩ Burgtheater. Wien ist eine pulsierende Theaterstadt. Für viele gilt das 1888 eröffnete Burgtheater (mit dem Akademietheater) als Olymp der Theaterkunst. In den vergangenen Jahren bewegte sich immer mehr auch das Theater in der Josefstadt auf Augenhöhe zur Burg.

⏩ Chuzpe. In der Wiener Alltagssprache haben sich viele jiddische Begriffe erhalten. Chuzpe steht für „Dreistigkeit, Unverschämtheit“. Das jüdische Leben ist nach den dunklen Nazi-Jahren, Zigtausende Juden wurde nach 1938 vertrieben und ermordet, in der (Leopold-)Stadt wieder sichtbar geworden.

⏩ Donauinsel. Die Donauinsel ist das Nebenprodukt der Errichtung eines Entlastungsgerinnes, um das Hochwasser zu beherrschen. Politisch anfangs von ÖVP-Seite bekämpft, hat sich die 21,5 Kilometer lange Insel längst zu einem Freizeitparadies gemausert. Die Donauinsel trennt die Donau von der „Neuen Donau“, die wiederum nicht mit der „Alten Donau“ und schon gar nicht mit dem „Donaukanal“ zu verwechseln ist.

⏩ Erdäpfel. Steht für die Wiener Küche. In kaum einer anderen Stadt finden sich so viele Gasthäuser (Beisl), die mit solch einer gepflegten und preisgünstigen Küche aufwarten. Und immer wieder dieselbe Frage: Wo gibt es das beste Wiener Schnitzel mit dem perfekten Erdäpfelsalat? Eine gewagte Antwort sei erlaubt. Das beste Schnitzel und das beste Gulasch der Stadt gibt es im Anzengruber im Vierten.

⏩ Falter. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre wurde von dem gebürtigen Vorarlberger Armin Thurnher das alternative Wiener Wochenblatt gegründet. Heute ist der Falter fixer Bestandteil der Medienlandschaft

⏩ Gänsehäufel. Der Sommer in Wien findet für viele an der Alten Donau statt. Das Gänsehäufel ist das mit Abstand größte Strandbad – mit bis zu täglich 30.000 Besuchern.

⏩ Heuriger. Wenn der Wiener beim Heurigen sitzt und einen „Gemischten Satz“ trinkt, wird er leutselig. Beim Heurigen wird nur der Tropfen aus den Wiener Weinbergen ausgeschenkt. Vorausgesetzt, es ist „ausg’steckt“. Der Tourist genießt den Wein in Grinzing, der Wiener liebt ihn in Stammersdorf. Achtung! Gspritzter ist mit Soda, wenn man Mineralwasser haben will, sagt man Mischung. Michael Häupl sagt dazu „Spritzwein“.

⏩ Imperial. Der Wien-Tourismus lebt (wohl auch nach Corona) von der Vergangenheit als kaiserliche Residenzstadt. Werbeträger sind Franz Joseph und Elisabeth („Sisi“) und überhaupt der Habsburger-Mythos. Auf das Erbe der Monarchie berufen sich viele Hotels – darunter das „Imperial“, nahe Schwarzenbergplatz, in dem viele Staatsgäste absteigen.

⏩ Jugendstil. Wien nahm an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, am Übergang zur Moderne, eine Avantgarde-Stellung in der Baukunst ein. Die Bauten von Otto Wagner prägen seither das Stadtbild. Am Beginn des Naschmarktes sieht man die Secession mit ihrer goldenen Kuppel, von den Wienern „Krauthäupl“ genannt. Adolf Loos verfolgte wiederum einen puristischen Stil – und dies sehr zum Missfallen des Kaisers. Loos war das Ornament in der Baukunst ein Gräuel.

⏩ Kaffeehaus. „Im Kaffeehaus sitzen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“ Was der Schriftsteller Alfred Polgar (1873–1955) einst von sich gegeben hat, stimmt heute noch. Nur ein Manko hat das Wiener Kaffeehaus – und das ist die Qualität des Kaffees. Dafür gibt es Melange und Mokka.

⏩ Lobau. Im Osten Wiens befindet sich der Dschungel. Die Lobau ist Teil des Nationalparks Donau-Auen, ein ideales Naherholungsgebiet.

⏩ Maschekseite. Der Ausdruck kommt aus dem Ungarischen. Und bedeutet, dass man von der unerwarteten Seite, von hinten, kommt.

⏩ Neujahrskonzert. In mehr als 90 Ländern, bis hin zu den Bahamas, ist die Fernsehübertragung des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker aus dem Großen Saal des Musikvereins zu sehen. 50 Millionen Menschen schauen zu. Der Musikverein ist nicht umsonst ein Touristenziel ersten Ranges.

⏩ Oasch. Der Wiener Dialekt ist reichhaltig und vielfältig. Das Wort 
Oasch als kleiner Anschauungsunterricht: „Du bist a Oasch.“ „Alles oasch.“ „Jetzt bin ich im Oasch.“

⏩ Prater. Wo einst der Kaiser auf die Jagd ging, macht sich nun der Wiener fit für den Alltag. 
Er joggt durch die sechs Quadratkilometer große Grünanlage. Wenn man nicht aus Wien stammt, meint man bei Prater den Vergnügungspark.

⏩ Qualtinger Helmut. Der Sänger, Schauspieler, Kabarettist und Rezitator (1928–1986) hat mit dem „Herrn Karl“ (gemeinsam mit Carl Merz) dem Opportunisten (nicht nur in Wien) ein literarisches Denkmal gesetzt. Und wer in Wien die „Eden-Bar“ kennt, der kennt auch Bronner/Qualtingers „Der Papa wird’s schon richten“.

⏩ Rotes Wien. Mit Ausnahme des Austrofaschismus und der Nazi-Zeit wurde Wien im 20. Jahrhundert und bis heute politisch von der Sozialdemokratie geprägt. Der Begriff des „roten Wien“ steht vor allem für sozialen Wohnbau, Gesundheits- und Bildungspolitik in der Ersten Republik. Der Karl-Marx-Hof wurde zum Sinnbild für die Wohnungspolitik im roten Wien. Der Bau, er gilt als der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt, steht in Döbling. Im Bürgerkrieg verschanzten sich dort die Arbeiter und Schutzbündler. Das Gebäude stand unter Artilleriebeschuss durch Bundesheer und Heimwehr.

⏩ Schmäh. Wien ist Klischee. Der Wiener ist grantig. Aber er hat einen Schmäh. In geradezu perfekter Kombination erlebte man Grant und Schmäh beim Herrn Ober im Kaffeehaus.

⏩ Transdanubien. Die Bezirke Floridsdorf und Donaustadt liegen aus Sicht der Innenstadt jenseits der Donau, also in Transdanubien. Jeder der beiden Bezirke hat mehr Einwohner als die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck. Die großen „Flächenbezirke“ – dazu zählen auch Favoriten, Simmering und Liesing – gelten wegen ihrer großen Bevölkerungsanzahl als wahlentscheidend.

⏩ U-Bahn. Ende der 1970er-Jahre wurde die U-Bahn in Wien offiziell eröffnet. Über eine Million Passagiere werden damit täglich befördert. Bislang gibt es fünf Linien: U1, U2, U3, U4, U6. Und was ist mit der U5? Diese Linie wurde nicht vergessen, aber ist erst seit Kurzem im Bau. 2025 soll die türkise Linie dann in Vollbetrieb gehen.

⏩ Violett. In Wien ist dies keine Parteifarbe. Obwohl!? Die Violetten sind der bürgerliche Fußballverein. Obwohl sich die Roten eher zu Rapid Wien hingezogen fühlen, gibt es mit dem früheren Wiener Bürgermeister Michael Häupl und dem ehemaligen Kanzler Christian Kern prominente rote Anhänger der Wiener Austria.

⏩ Wienerlied. Im Dialekt wird das Wienerische in all seinen Facetten besungen. Todtraurig bis witzig, von Karl Hodina bis Ernst Molden und Voodoo Jürgens.

⏩ Xenophobie. Die Ausländerfeindlichkeit ist in der Hauptstadt, die nicht zu Unrecht als lebenswerteste Stadt der Welt gilt, weit verbreitet. Die FPÖ konnte in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in den Flächenbezirken mit ihrer ausländerfeindlichen Politik punkten und zur zweitstärksten Kraft aufsteigen. Am Sonntag wird ihnen ein Verlust vorhergesagt. Dies hat aber nicht mit gestiegener Menschenliebe der Wiener zu tun.

⏩ Yppenplatz. Die Bobo-Szene hat inmitten von Ottakring ein neues Grätzel in Beschlag genommen.

⏩ Zentralfriedhof. Die größte Friedhofsanlage Europas gilt aufgrund der Ehrengräber und Bauwerke als Sehenswürdigkeit der Stadt.


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