Polizei bekommt neue "mannstoppende" Munition

Die neue Einsatzmunition für die Polizei ist umstritten: Das Deformationsgeschoss durchschlägt den Körper nicht einfach, sondern geht ähnlich wie ein Fallschirm auf. Dadurch wird der Angeschossene zurückgeworfen und ist für mindestens drei Sekunden handlungsunfähig.

Die Munition der Polizei wird aufgerüstet: Künftig sollen nicht mehr Vollmantelgeschosse eingesetzt werden, sondern Deformationsgeschosse.
© HANS KLAUS TECHT

Wien – Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) hat einen Auftrag zur Lieferung neuer Einsatzmunition für die Polizei erteilt. "Mir ist es wichtig, dass unseren Polizistinnen und Polizisten die bestmögliche Ausrüstung zur Verfügung steht. Dazu gehört auch die modernste Einsatzmunition", sagte der Innenminister in einer Aussendung.

Geordert wurde ein schadstoffreduziertes Deformationsgeschoss, das "aus einem mantellosen Metall-Körper mit einem vorderen, sich zur Spitze des Geschosses hin verjüngenden Teil und einem hinteren, zylindrischen Teil" besteht. "Die höhere Energieabgabe ermöglicht eine schnellere Wirkung und im Zusammenhang mit einer geringeren Durchschlagskraft zusätzlich die Verringerung einer Fremdgefährdung", so Nehammer.

Munition soll Getroffenen handlungsunfähig machen

Was aus dem Mund des Innenministers etwas kryptisch klingt, ist laienhaft erklärt eine Munition mit "Mannstoppwirkung". Durch die Munition soll der Getroffene möglichst schnell bewegungs- und handlungsunfähig gemacht werden, sei es durch Verletzung oder Tod, oder bei nichttödlichen Waffen durch Schmerzwirkung, Blendung oder Narkotisierung.

Die neue Einsatzmunition ist umstritten: Das Deformationsgeschoss durchschlägt den Körper nicht einfach, sondern geht ähnlich wie ein Fallschirm auf, es "pilzt". Dadurch wird der Angeschossene zurückgeworfen und ist für mindestens drei Sekunden handlungsunfähig. Der Getroffene kann durch diese Art des Geschosses wesentlich schwerere Verletzungen davontragen, als durch herkömmliche Munition, so Kritiker der Munition.

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Bereits unter Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) wurde mannstoppende Munition für die Exekutive geordert, er hatte das mit „höchsten Anforderungen beispielsweise im Falle von Terrorlagen“ und der „gestiegenen Gewaltbereitschaft gegenüber Polizisten“ gerechtfertigt. (APA/TT.com)

Wie funktioniert "mannstoppende Munition"

Vollmantelgeschosse bestehen aus einem Bleikern umhüllt von hartem Metall: Das erhöht die Durchschlagskraft. Der große Nachteil solcher Geschosse ist allerdings, dass sie im Ziel leicht von der Bahn abkommen und große Schäden anrichten können. Sie können auch glatt durchschlagen und weitere Personen treffen. Durch die fehlende Energiefreisetzung kommt es immer wieder vor, dass der Angeschossene noch eine Zeit lang aktiv bleiben kann. Das birgt eine weitere Gefahr für Umstehende oder Polizisten.

Bei so genannten Deformationsgeschossen lässt man den Metallmantel an der Spitze weg. Bei einem Aufschlag wird das Blei somit in die Breite gepresst (umgsprl. "es pilzt auf"). Dadurch bremst das Geschoss stärker ab, mehr Energie wird freigesetzt. So soll ein Durchschuss verhindert werden. Auch die Eindringtiefe ist viel geringer als bei einem Vollmantelprojektil.

Die große Kritik ist allerdings, dass eine Verwundung schwerer ausfallen kann, speziell dann, wenn sich der Bleikern zerlegt. Man kennt das als „Dum-Dum-Munition“, daher ist Teilmantelmunition für Kriegswaffen aus humanitärer und völkerrechtlicher Sicht geächtet. Moderne Teilmantelkugeln, die viele Polizeieinheiten benützen, bleiben laut den Angaben hingegen kompakt und setzen weniger Energie frei, als Gewehrmunition. Die Verwundung, die sie verursachen, werden bei der Exekutive als „beherrschbar“ und „akzeptabel“ gehandelt.


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