Ein mahnendes Leben nach dem Holocaust: Ruth Klüger ist tot

Die österreichisch-US-amerikanische Autorin und Literaturwissenschafterin Ruth Klüger ist tot. Die Überlebende des Holocaust starb kurz vor ihrem 89. Geburtstag in der Nacht auf Dienstag nach langer Krankheit im Kreis ihrer Familie in Kalifornien, wie der Zsolnay Verlag in Wien mitteilte.

Klüger überlebte den Holocaust. „Ressentiments für ein angebrachtes Unrecht“ begleiteten sie ihr Leben lang.
© HERBERT NEUBAUER

Wien/Los Angeles – Sie galt als „unsentimental und unbestechlich", ihre Haltung zur Nazivergangenheit Deutschlands und Österreichs war eindeutig. Für die in Wien geborene und 1947 in die USA emigrierte Ruth Klüger gab es kein Verzeihen. Die jüdisch-amerikanische Holocaustüberlebende hat erst im Alter die große Öffentlichkeit gesucht und gefunden. Mit vielen Preisen geehrt, verstarb sie in der Nacht auf Dienstag nach langer Krankheit im Kreise ihrer Familie in Kalifornien.

📽️ Video | Autorin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger ist tot:

„Unlösbarer Knoten“

„Wir Überlebende sind nicht zuständig für Verzeihung", sagte Klüger einmal der APA. Und: „Ich halte Ressentiment für ein angebrachtes Gefühl für Unrecht, das nicht wiedergutzumachen ist." Zu groß waren die Enttäuschungen, die Kränkungen, die Trauer um von den Nazis getötete Menschen. Als „ein kleines Stück Wiedergutmachung" bezeichnete der damalige Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) dann auch die Würdigung Klügers mit dem Ehrendoktorat der Universität Wien im Jahr 2015. Die fand abermals kritische Worte für die Stadt, die sie vertrieben hatte, eine „Schaukel zwischen Ressentiment und Versöhnungsversuch, aber auf jeden Fall ein unlösbarer Knoten".

Klüger wurde am 30. Oktober 1931 als Tochter eines jüdischen Frauenarztes in Wien geboren. Im September 1942 deportierten sie die Nazis mit ihrer Mutter ins KZ Theresienstadt, dann nach Auschwitz-Birkenau und schließlich nach Christianstadt. Die Gefangenschaft hat sie nach eigenen Worten auch durch die Liebe zur Lyrik überlebt. Als damals zwölfjähriges Kind dichtete sie im Vernichtungslager Auschwitz: „Fressen unsere Leichen Raben? / Müssen wir vernichtet sein? / Sag, wo werd ich einst begraben? / Herr, ich will nur Freiheit haben / und der Heimat Sonnenschein." Auf einem Todesmarsch von Lager zu Lager gelang ihr mit ihrer Mutter die Flucht.

Einstieg ins literarische Fach Ende der 80er

Nach Kriegsende lebten Mutter und Tochter zunächst in Straubing in Bayern. 1947 emigrierten sie in die USA. In New York und in Berkeley im US-Bundesstaat Kalifornien studierte Klüger Bibliothekswissenschaften und Germanistik, wurde Expertin für mittelalterliche Literatur, Hochschullehrerin und Literaturkritikerin. Sie lehrte Germanistik an der University of Virginia, in Princeton sowie an der University of California in Irvine. Jahrzehnte lang hat Ruth Klüger nur als Wissenschafterin publiziert. Erst als sie Ende der 1980er-Jahre bei einem Verkehrsunfall in Göttingen lebensgefährlich verletzt wurde, begann sie, ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben.

„weiter leben – eine Jugend" wurde der erfolgreiche Start einer späten Karriere als Literatin. In der 1992 veröffentlichten Biografie (die 2008 als Gratisbuch in 100.000 Exemplaren in Wien verteilt wurde) schildert sie ihre Kindheit in Wien, ihre Jugend in den Konzentrationslagern und die Nachkriegszeit in Bayern, in „unterwegs verloren" (2008) ihre Lebensgeschichte nach der Emigration in den USA. Zu den bekanntesten weiteren Werken Klügers zählen „Frauen lesen anders" (1996), „Katastrophen. Über deutsche Literatur" (1997) und „Was Frauen schreiben" (2010). Unter dem Titel „Zerreißproben" (2013) versammelte sie erstmals ihre seit 1944 entstandenen Gedichte. Zuletzt erschien 2018 im Zsolnay Verlag „Gegenwind. Gedichte und Interpretationen".

„Ich kann keine G'schichterln erzählen"

Die Fiktion ist nicht ihr Genre. „Ich hab's mehrmals versucht, aber ich kann keine G'schichterln erzählen. Es ist ein ganz besonderes Talent, und je öfter ich es versuche, desto mehr bewundere ich die Romanciers und Geschichtenschreiber", umschrieb sie ihre Vorliebe fürs Autobiografische und Sachliche. Dass sie bei ihren Reden als „Holocaustüberlebende" vorgestellt wird, störte sie nicht. Was sie störte, war das aus ihrer Sicht sprachlich schiefe Bild des berühmten Brecht-Zitats „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch" über die Gefahr einer wiederaufkommenden Barbarei. Der Faschismus sei Männersache gewesen. „Die Machthaber waren alles Männer. Deswegen soll man nicht von einem Schoß sprechen. Die Metapher stört die Germanistin."

Als Festrednerin im Deutschen Bundestag zum 71. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau schilderte sie im Jänner 2016 nicht nur ihr Leid von damals, sondern verbeugte sich auch vor der damals gegenüber Flüchtlingen herrschenden deutschen Willkommenskultur. „Dieses Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie syrische und andere Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen.“

Zahlreiche Auszeichnungen

Ruth Klüger lebte zuletzt abwechselnd in Irvine im US-Bundesstaat Kalifornien und im deutschen Göttingen. Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen zählen der Österreichische Staatspreis für Literaturkritik (1997), der Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (2001), die Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen (2003), der Roswitha-Preis (2006), der Lessing-Preis (2007) und der Theodor-Kramer-Preis (2011). 2016 erhielt sie den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten sowie den Bayerischen Ehren-Buchpreis für ihr Lebenswerk. (APA)


Kommentieren


Schlagworte