Hunger bekämpfen: Friedensnobelpreis für Welternährungsprogramm

Das World Food Programme (WFP) wird unter anderem für seine Bemühungen im Kampf gegen den Hunger sowie seinen Beitrag zur Verbesserung der Friedensbedingungen in Konfliktgebieten ausgezeichnet, so das Komitee.

Ein WFP-Center in Sanaa im Jemen.
© AFP/Huwais

Oslo – Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP). Es wird ausgezeichnet für seinen Kampf gegen den Hunger in der Welt. Die UNO-Organisation trage mit ihrer Arbeit dazu bei, die Voraussetzungen für Frieden in den Konfliktregionen zu verbessern, begründete das norwegische Nobelkomitee am Freitag in Oslo seine Entscheidung. Bundespräsident Alexander Van der Bellen gratulierte "von Herzen".

"Die Notwendigkeit internationaler Solidarität und multilateraler Zusammenarbeit ist augenfälliger denn je", so die Vorsitzende des Komitees, Berit Reiss-Andersen, vor Journalisten. Es sei eine der ältesten Waffen der Welt, Menschen in Konfliktsituationen auszuhungern, um dann in ihr Territorium einzudringen, sagte sie. Leider werde von dieser Waffe noch heute sehr aktiv in Kriegen und Konflikten Gebrauch gemacht.

Und insbesondere in Zeiten der Corona-Pandemie sei der Kampf gegen den Hunger in der Welt erforderlich. Diese habe zu einem starken Anstieg der Zahl der Hungeropfer beigetragen, erklärte Reiss-Andersen. "Die Pandemie hat das Bedürfnis an Nahrungsmittelhilfe gesteigert. Lebensmittel sind wegen des Virus für manche Bevölkerungen weniger verfügbar."

Aufruf, das Programm nicht unterzufinanzieren

Schätzungen des WFP zufolge litten innerhalb eines Jahres 265 Millionen Menschen Hunger. "Dies ist natürlich auch ein Aufruf an die internationale Gemeinschaft, das Welternährungsprogramm nicht unterzufinanzieren", betonte die Vorsitzende. Hunger zu verhindern, trage dazu bei, Stabilität und Frieden in der Welt zu schaffen.

"Das ist eine starke Erinnerung für die Welt, dass Frieden und #kein Hunger (#ZeroHunger, Anm.) Hand in Hand gehen", twitterte das WFP kurz nach der Bekanntgabe. Ein Sprecher des in Rom ansässigen Welternährungsprogramms sagte, dies sei ein "stolzer Moment".

Der Friedensnobelpreis ist mit zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 950.000 Euro) dotiert und wird am 10. Dezember in Oslo verliehen - am Todestag des Stifters Alfred Nobel. Wegen der Corona-Pandemie finden die Feierlichkeiten in diesem Jahr allerdings in kleinerem Rahmen oder online statt.

📽️ Video | Bekanntgabe Friedensnobelpreis 2020

Das Welternährungsprogramm konzentriert sich auf Nothilfe, Wiederaufbau und Entwicklungszusammenarbeit und unterstützt nach eigenen Angaben jedes Jahr rund 97 Millionen Menschen in etwa 88 Ländern. Weltweit habe einer von neun Menschen nicht genug zu essen. Die Helfer unterstützen auch Opfer von Krieg, Dürre, Sturm und Erdbeben, zusätzlich planen sie auch langfristige Entwicklungsprogramme. Chef ist der Amerikaner David Beasley, ein früherer Gouverneur des US-Staates South Carolina.

"Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich sprachlos bin. Das ist unglaublich", sagte Beasley in einem Video auf seiner Twitter-Seite. "Wow! Wow! Wow!" Die Auszeichnung gehe an die gesamte "WFP-Familie". Dem norwegischen Sender NRK sagte er, als er gerade in Niger unterwegs war: "Wir denken nicht an diejenigen, die wir gerettet haben, wenn wir ins Bett gehen. Wir denken an die, denen wir nicht helfen konnten, wegen Geldmangels oder weil wir sie nicht erreichen konnten."

📽️ Video | David Beasley auf Twitter

WFP-Sprecher Tomson Phiri sagte in Genf, die Nominierung für den Preis allein habe schon ausgereicht. "Aber dann zum Friedensnobelpreisträger ernannt zu werden, ist nichts weniger als eine Leistung." Er verwies auf die Arbeit der Organisation bei der Bereitstellung von Lebensmitteln während der Coronavirus-Pandemie, als die Fluggesellschaften ihren Betrieb eingestellt hatten. Dies sei über die Pflichterfüllung des WFP hinausgegangen.

In Österreich gratulierte der Bundespräsident "von Herzen". Mit seinem Ziel, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, rette das Welternährungsprogramm täglich Leben "in einer Welt, in der eine von neun Personen an Hunger leidet", schrieb Van der Bellen auf Twitter.

Für die Bundesregierung gratulierten Außenminister Alexander Schallenberg und Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (beide ÖVP). Schallenberg bezeichnete das WFP als "würdigen Träger des Friedensnobelpreises". Es leiste "nicht nur einen Beitrag zur Linderung der Folgen der Pandemie, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zu Friedenssicherung", so Schallenberg in einer Stellungnahme für die APA. Für die Versorgung von Menschen in Not mit Nahrungsmitteln sei das Welternährungsprogramm "unersetzbar" und rette damit "Millionen Menschenleben", unterstrich Köstinger. Gerade in der Coronakrise seien diese Hilfsleistungen noch wichtiger geworden.

Auch Petra Bayr, SPÖ-Bereichssprecherin für globale Entwicklung, gratulierte dem WFP und lobte dessen "wahrlich wichtige Arbeit". Gleichzeitig kritisierte sie den "beschämend" geringen Beitrag Österreichs zum Welternährungsprogramm. Es sei "höchst an der Zeit, dass die Regierung einen angemessenen Betrag leistet", forderte Bayr in einer Aussendung.

© APA

Österreichs Beiträge für WFP relativ niedrig

Nach einer starken Erhöhung der österreichischen Zahlungen an das WFP in den Jahren 2015 und 2016 (rund 6 Millionen US-Dollar) sank der Beitrag unter türkis-blau 2017 auf 530.000 bzw. 2018 auf 1,8 Millionen US-Dollar. 2019 stellte Österreich 4,8 Millionen zur Verfügung gestellt. Im laufenden Jahr überwies die Regierung dem WFP bisher (Stand 3. Oktober) 2,3 Millionen US-Dollar. Österreich liegt damit deutlich hinter vergleichbaren Ländern wie Schweden (156 Millionen) oder der Schweiz (73 Millionen US-Dollar).

318 Kandidaten – 211 Personen und 107 Organisationen – waren für den diesjährigen Friedensnobelpreis nominiert. Das ist die vierthöchste Zahl in der Geschichte des Preises, der 1901 erstmals verliehen wurde, und zwar an den Gründer des Roten Kreuzes, Henry Dunant. Zweimal erhielten bisher Österreicher die Auszeichnung: 1905 die Schriftstellerin und Pazifistin Bertha von Suttner und 1911 der Journalist Alfred Hermann Fried.

Wer auf der Kandidatenliste steht, wird erst 50 Jahre nach der Verleihung offiziell mitgeteilt. Bekannt ist jedoch, dass diesmal unter anderem US-Präsident Donald Trump, die Klimaaktivistin Greta Thunberg sowie die Klimaschutzbewegung Fridays for Future nominiert waren. Vorschläge dürfen frühere Preisträger, Politiker und Akademiker unterbreiten.

Im vergangenen Jahr hatte der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed den Friedensnobelpreis für seine Politik der Versöhnung mit dem Nachbarland Eritrea erhalten. Unter Ahmeds Führung hatten sich die beiden Staaten am Horn von Afrika wieder angenähert, nachdem sie vor Jahrzehnten einen blutigen Grenzkrieg (1998 bis 2000) ausgefochten hatten. (APA/Reuters/dpa)

Die Friedensnobelpreisträger seit 2010

Der Friedensnobelpreis wurde erstmals im Jahr 1901 vergeben. Besonders kontrovers diskutiert wurde die Verleihung an den damaligen US-Präsidenten Barack Obama 2009. Seitdem gab es diese Preisträger:

2019: Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed für seine Bemühungen für Frieden und internationale Zusammenarbeit und vor allem für seine Initiative zur Lösung des Grenzkonflikts mit dem Nachbarland Eritrea.

2018: Denis Mukwege (Kongo) und Nadia Murad (Irak) für ihren Einsatz gegen sexuelle Gewalt als Waffe in Kriegen und bewaffneten Konflikten.

2017: Die Internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican) für ihre Bemühungen, die Aufmerksamkeit auf die katastrophalen Folgen des Gebrauchs von Atomwaffen zu richten, sowie ihren bahnbrechenden Einsatz für einen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen.

2016: Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos für seine entschlossenen Bemühungen, den mehr als 50 Jahre währenden Bürgerkrieg in seinem Land zu beenden.

2015: Das Quartett für den nationalen Dialog in Tunesien für seinen entscheidenden Beitrag zum Aufbau einer pluralistischen Demokratie in Tunesien nach der sogenannten Jasmin-Revolution 2011.

2014: Malala Yousafzai (Pakistan) und Kailash Satyarthi (Indien) für ihren Kampf gegen die Unterdrückung von Kindern und jungen Leuten sowie für das Recht aller Kinder auf Bildung.

2013: Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) für ihren Einsatz gegen die weltweit geächteten Massenvernichtungswaffen.

2012: Die Europäische Union (EU) für ihren mehr als sechs Jahrzehnte währenden Beitrag für Frieden, Demokratie und Menschenrechte in Europa.

2011: Ellen Johnson-Sirleaf und Leymah Gbowee (beide Liberia) sowie Tawakkul Karman (Jemen) für den gewaltfreien Kampf zur Stärkung der Rechte von Frauen.

2010: Liu Xiaobo (China) wegen seines langen und gewaltfreien Einsatzes für die Menschenrechte in seiner Heimat.


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