SPÖ gewinnt Wien-Wahl klar vor VP, FPÖ stürzt ab, Strache scheitert

Die Wahl eines neuen Wiener Gemeinderats bzw. Landtags ist geschlagen. Die SPÖ bleibt deutlich auf Platz eins, dahinter kommen die ÖVP auf Platz zwei und die Grünen auf Platz drei. Die FPÖ stürzt ab, das Team Strache verpasst den Einzug.

Bürgermeister und SPÖ-Chef Michael Ludwig kann nun aus drei potenziellen Koalitionspartner wählen - eine bequeme Mehrheit geht sich nicht nur mit seinem bisherigen Partner, den Grünen, und mit der erstarkten ÖVP, sondern auch mit den NEOS aus.
© ROLAND SCHLAGER

Wien – Die Wien-Wahl am Sonntag hat mit einem klaren Wahlsieg der SPÖ geendet. Die Sozialdemokraten übertrafen ihr Ergebnis von 2015 deutlich - und kommen inklusive Briefwahlstimmen-Schätzung der Hochrechner auf 42,2 bis 42,9 Prozent der Stimmen. Die ÖVP verdoppelte ihren Stimmenanteil, die FPÖ erlitt einen Absturz in die Einstelligkeit und deren Ex-Chef Heinz-Christian Strache scheitert mit seiner Liste am Einzug. Zuwächse brachte die Wahl für die Grünen wie auch die NEOS.

📊 Hochrechnung SORA (inklusive Briefwahlprognose)

Das vorläufige Ergebnis vom Sonntagabend (ohne Briefwahlkarten und ohne Wahlkarten aus fremden Bezirken, die ab Montag ausgezählt werden) ergab für die SPÖ 43,09 Prozent Stimmenanteil. Das Ergebnis inkl. Briefwahlstimmen (laut Hochrechnungen von ARGE Wahlen und SORA/ORF) von 42,9 bzw. 42,2 bedeutet gegenüber 2015 (damaliges Ergebnis: 39,59 Prozent) einen Zuwachs von rund drei Prozentpunkten.

Über eine Stimmen-Verdoppelung darf sich die ÖVP freuen. Bei der Urnenwahl kamen die Stadt-Türkisen auf 18,47 Prozent, die Hochrechnung der ARGE Wahlen sieht in der Endabrechnung inklusive Briefwählern 19,2 Prozent für die ÖVP, SORA/ORF erwartet 18,8 Prozent. Gegenüber dem Rekord-Negativergebnis von 2015 (9,24) legt die Volkspartei damit rund zehn Prozentpunkte zu.

📊 Hochrechnung ARGE Wahlen (inklusive Briefwahlprognose)

FPÖ-Absturz, Strache gescheitert

Der Absturz der FPÖ fiel noch deutlicher als erwartet aus. Während die Freiheitlichen in der Urnenwahl auf 8,92 Prozent kamen, dürfte das Ergebnis inklusive Briefwahlstimmen noch schlechter ausfallen. Die Hochrechnungen sehen die FPÖ schlussendlich bei 8,2 Prozent (ARGE) bzw. 7,7 Prozent (SORA). Damit büßte die Partei gegenüber dem letzten Wien-Ergebnis (30,79) deutlich mehr als 20 Prozentpunkte ein.

Gescheitert ist die FPÖ-Abspaltung des blauen Ex-Parteiobmannes Heinz-Christian Strache. Das Team HC Strache verpasste die notwendige Fünfprozenthürde. In der Urnenwahl kam Strache auf 4,32 Prozent, letztendlich dürfte des Ergebnis noch schlechter ausfallen: Die ARGE Wahlen-Hochrechnung sieht Strache bei 4 Prozent, SORA bei 3,6 Prozent.

Die Grünen konnten leicht zulegen und kamen in der Urnenwahl auf 12,2 Prozent. Die Briefwahlstimmen werden das Ergebnis verbessern, laut ARGE Wahlen auf 13,3, laut SORA auf 14 Prozent. 2015 war die Öko-Partei auf 11,84 Prozent der Stimmen gekommen.

Ein Plus gab es auch für die NEOS, die bei den Präsenzwählern auf 6,92 Prozent kamen. Inklusive Briefwählern können die Pinken mit 7,3 (ARGE) bzw. 7,8 Prozent (SORA) der Stimmen rechnen. Ob sie schlussendlich tatsächlich vor der FPÖ auf Platz vier kommen, wie dies die SORA-Umfrage darlegt, ist noch offen.

📽️ Video | Das sagen die Spitzenkandidaten zur Wien-Wahl

💬 Ludwig lässt sich alle Koalitionsoptionen offen

Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) hat sich im Sonntag alle Koalitionsoptionen offengelassen und sich explizit nicht auf den bisherigen grünen Partner festgelegt.

"Man wird sehen, wo es politisch die größten Schnittmengen gibt." Er habe vor der Wahl immer gesagt, dass er eine Koalition nur mit der FPÖ und dem Team HC ausschließe und das gelte auch nach der Wahl, so Ludwig. "Alle anderen Koalitionsoptionen sind möglich."

Dass Rot-Grün bestätigt worden sei, wollte er nicht zwingend so sehen. Außer der FPÖ seien "alle Parteien bestätigt worden", so der Bürgermeister.

Michael Ludwig (SPÖ) und seine bisherige Koalitionspartnerin Birgit Hebein (Grüne).
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📽️ Video | Rendi-Wagner: "Sensationelles Ergebnis"

SPÖ-Bundesvorsitzende Pamela Rendi-Wagner spricht von einem "sensationellen Ergebnis". Sie sieht eine Stärkung für die Wiener Partei und will den "Schwung für die Bundespartei mitnehmen".

💬 Hebein: "Ganz klarer Auftrag für Rot-Grün"

Die Grüne Spitzenkandidatin Birgit Hebein sieht hingegen einen "ganz klaren Auftrag" für eine Fortsetzung der Rot-Grünen Koalition. Sowohl der große als auch der kleine Koalitionspartner hätten gewonnen, nach zehn Jahren Koalition sei beiden Parteien der Rücken gestärkt worden, sagte die Vizebürgermeisterin. Koalitionsbedingungen wollte sie nicht nennen, der Ball liege jetzt bei Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ).

Der Grüne Bundessprecher Werner Kogler sieht ein "sehr, sehr gutes Ergebnis". Voraussichtlich werde es nach Mandaten das beste Ergebnis der Geschichte. Den rot-grünen Regierungskurs in Wien sieht der Vizekanzler "bestätigt".

📽️ Video | Hebein für "Rot-Grün II"

💬 Blümel sieht "Sensation und Wahnsinn"

VP-Spitzenkandidat Gernot Blümel hat das Ergebnis als "Sensation und Wahnsinn" für die Türkisen bezeichnet. "Ich kann es gar nicht glauben", sagte er in einer ersten Reaktion. steht "selbstverständlich für Koalitionsverhandlungen" bereit. Er sei angetreten, um mitzuregieren, sagte er gegenüber dem ORF und betonte, im Falle einer Regierungsbeteiligung in Wien zu bleiben. Jetzt müsse aber einmal das Endergebnis abgewartet und dann verhandelt werden.

Blümel hob hervor, dass die ÖVP den größten Zugewinn aller antretenden Parteien gemacht habe. Zudem bedankte sich der türkise Spitzenkandidat und Finanzminister bei Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), den er am Sieg beteiligt sah. Der große Zuspruch zeige, dass die Wienerinnen und Wiener mehr türkise Politik wollten.

📽️ Video | Kanzler Kurz sieht "türkisen Weg" bestätigt

"Für uns bedeutet dieses Ergebnis den achten Landtagswahl-Erfolg in Serie und ist ein Zeichen, dass der türkise Weg weiter an Zustimmung gewinnt", sagt Kanzler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz. Gernot Blümel sei es gelungen, "mit Sachlichkeit und einer Politik des Hausverstandes bei den Wählerinnen und Wählern zu punkten".

💬 Für FPÖ-Kandidat Nepp liegt Ursache in Ibiza

Für FPÖ-Spitzenkandidat Dominik Nepp liegt die Ursache für den freiheitlichen Absturz in Ibiza. Der Verlust sei "schmerzlich". Das Ergebnis habe aber in Ibiza seinen Ausgangspunkt. Jetzt gehe es darum, "mit harter konsequenter Arbeit" das Vertrauen wieder zurückzugewinnen, meinte er.

Gefragt danach, ob er an Rücktritt denke, meinte er, dass nun einmal das Ergebnis analysiert werden müsse. Zudem verwies er auf den Landesparteitag in den kommenden Monaten. Eine Versöhnung mit Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, sollte dieser in den Landtag einziehen, könne es erst geben, wenn dieser "Buße" tue.

Wahlverlierer: Dominik Nepp (FPÖ) und Heinz-Christian Strache (Team Strache).
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📽️ Video | FP-Hofer zieht keine personellen Konsequenzen

FPÖ-Chef Norbert Hofer wird keine personellen Konsequenzen aus dem Debakel seiner Partei bei der Wiener Gemeinderatswahl ziehen. "Die Talsohle ist durchschritten, jetzt kann es nur noch aufwärts gehen", meinte er. Auch inhaltlich will er nichts ändern, höchstens "weiche Themen" wie Pflege mehr beachten.

Es sei wichtig, dass die Partei nun zusammenhalte, so Hofer. Es sei von vornherein klar gewesen, dass es in Wien für die FPÖ nach dem Ibiza- und Spesenskandal von Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache besonders schwer sein werde. "Heute ist ein sehr schwerer Tag, aber es war zu erwarten", sagte er.

💬 Meinl-Reisinger erfreut über Zugewinne der NEOS

Die NEOS erklärten sich bereit, in eine Regierung mit der SPÖ zu treten. "Wir stehen auf jeden Fall bereit, wenn wir die Themen, die uns am wichtigsten sind, umsetzen können", sagte Spitzenkandidat Christoph Wiederkehr.

NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger jubelte über das gute Abschneiden: "Die Tatsache, dass wir vor der FPÖ liegen, ist sensationell", sagte sie am Abend in der NEOS-Parteizentrale. Erstmals sei es möglich, dass die NEOS in eine Koalition gehen und mit dieser eine solide Mehrheit bilden könnten. Die Freude sei riesengroß.

"Jetzt wollen wir auch beweisen, was noch weiter gehen würde, wenn die NEOS in einer Regierung sind", sagte Meinl-Reisinger. "Ich glaube, es war eine Teamarbeit, aber ganz vorn stand ein Mann, dem wenig zugetraut wurde", lobte sie den Spitzenkandidaten Christoph Wiederkehr.

📽️ Video | NEOS wollen in die Regierung

💬 Strache hat Hoffnung noch nicht aufgegeben

Der ehemalige Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat die Hoffnung, mit seinem Team Strache in den Gemeinderat einzuziehen, noch nicht aufgegeben. "Es ist nicht das, was ich mir erwartet habe, aber es gibt ja noch die Briefwahlkarten“, so Strache am Sonntagabend.

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