Was Händedruck und Gesicht über Belohnung und Verlangen verraten

Menschen suchen Belohnungen, weil sie Freude bereiten. Unser Belohnungssystem kann uns aber auch dazu zwingen, schädliche und gefährliche Situationen einzugehen – etwa bei Drogenabhängigkeit. Wiener Psychologen haben die Rolle zweier Belohnungssysteme im menschlichen Gehirn untersucht.

Den Studienteilnehmern wurden verschiedene Arten von Belohnungen angeboten. Es konnte festgestellt werden, dass beim Wollen und Mögen von Belohnungen unterschiedliche neurochemische Systeme beteiligt sind.
© Hartmann

Wien – Was sich bei der Erwartung einer Belohnung bzw. beim Konsum einer solchen in Menschen abspielt, haben Wiener Psychologen im Rahmen eines Experiments analysiert. Anhand des Händedrucks oder des Gesichtsausdrucks der Studienteilnehmer schließen sie im Fachblatt eLife darauf, dass das Verlangen nach Belohnung – das „Wollen“ – und das Vergnügen nach Erhalt – das „Mögen“ – auf teils unterschiedlichen Abläufen im Gehirn beruhen. Bisher wurde dies vor allem bei Tieren beobachtet.

Als Belohnung kann bekanntlich vieles fungieren – von einer schlichten Berührung durch nahestehende Personen bis zum „Kick“, den eine Extremerfahrung oder der Konsum von Drogen versprechen. Gemeinsam ist alldem, dass das Gehirn darauf reagiert, wenn jemand eine Belohnung erwartet oder sie konsumiert. So kann die Aussicht auf einen attraktiven Reiz die Motivation vielfältig beflügeln, sind Belohnungssysteme jedoch fehlgeleitet oder überschießend, kann dies zur Entwicklung von Süchten, oder umgekehrt dazu führen, dass es Menschen an Motivation fehlt bzw. sie kein Vergnügen an Belohnungen mehr empfinden.

Wann Opioid- und das Dopaminsystem angesprochen werden

Für die Verarbeitung von Annehmlichkeiten sind vor allem zwei neurochemische Systeme verantwortlich: das Opioid- und das Dopaminsystem. Werden diese beiden Botenstoffe in jeweils bestimmten zusammenhängenden Gehirnteilen ausgeschüttet, erzeugt dies im Fall von Dopamin vor allem Glücksgefühle oder reduziert im Fall von Opioiden das Schmerz- oder Stressempfinden.

Aufgrund von Erkenntnissen aus Tierversuchen geht die Wissenschaft davon aus, dass diese beiden wichtigen Systeme im Gehirn auf etwas verschiedene Art und Weise angesprochen werden. Demnach wird das Opioidsystem gleichsam aktiv, wenn es einem nach einer Belohnung verlangt, sowie auch wenn man sie tatsächlich erhält und konsumiert. Dagegen scheint das Dopaminsystem nur dann zu reagieren, wenn es um das „Wollen“ geht, und nicht so sehr um das „Mögen“, heißt es am Dienstag in einer Aussendung der Universität Wien.

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Studie mit 131 Teilnehmern

Wie sich das beim Menschen verhalten könnte, haben Wissenschafter um Giorgia Silani von der Fakultät für Psychologie der Uni Wien, von der Medizinischen Universität Wien und von der Uni Essex (Großbritannien) anhand der Reaktionen von 131 Untersuchungsteilnehmern analysiert. Ihnen winkte entweder eine soziale Belohnung in Form einer Berührung des Unterarms oder mit unterschiedlich viel Schokolade versetzte Milch als nicht soziale Belohnung. Zusätzlich bekamen sie entweder eine wirkungslose Substanz oder Mittel verabreicht, die die Wirkung von Dopamin oder von Opioiden abschwächen.

Durch das feste Drücken eines Kraftmessgeräts konnten sie ihre Chancen auf den Erhalt der angekündigten Annehmlichkeit erhöhen. Die Aktivität der Gesichtsmuskeln wurde mit Elektroden aufgezeichnet. Damit konnten die Psychologen ablesen, wie sehr sich Erwartung und Genuss im Gesicht ausdrückten.

Auswirkungen von Dopamin-und Opioidblockern

Erwarteten die Teilnehmer eine Belohnung, wendeten sie tatsächlich auch messbar weniger Kraft auf, wenn sie zuvor Dopamin-und Opioidblocker bekommen hatten. Außerdem zeigten sie unter Einfluss beider Substanzen mehr negative Gesichtsausdrücke. Das werten die Wissenschafter als Ausdruck einer Reduktion des Verlangens oder „Wollens“. Im Gegensatz dazu wurde beim Konsumieren der Annehmlichkeit nur dann weniger gelächelt, wenn das Opioidsystem medikamentös abgeschwächt war.

Das lege den Schluss nahe, dass beim „Wollen“ und „Mögen“ zum Teil tatsächlich andere neurochemische Abläufe am Werk sind, schließen die Forscher in ihrer Arbeit. Für Silani sind die Ergebnisse wichtig, „da sie zu neuen therapeutischen Interventionen führen können, um Fälle von extrem starken oder extrem schwachen Reaktionen auf Belohnungen zu behandeln“. (APA)


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