Neue Maßnahmen in Tirol: Kultureller Schulterschluss im Licht der roten Ampel

Tiroler Kulturschaffende treten angesichts neuer Corona-Maßnahmen die Flucht nach vorne an: Es soll weitergehen – mit Konzept und Vorsicht.

Eine bunt gemischte Allianz demonstriert Einigkeit: (v. l.) Hans Oberlechner (Musik Kultur St. Johann), Daniela Oberrauch (IG Freie Theater Tirol), Julia Mumelter (Kulturlabor Stromboli), Arno Ritter (aut), Johannes Reitmeier (Landestheater), Helene Schnitzer (TKI) und Hannah Crepaz (Osterfestival).
© Vanessa Rachlé

Innsbruck – Die Botschaft war klar und eindeutig – und sie erfolgte just wenige Stunden, bevor die Corona-Ampel in Teilen Tirols auf die höchste Warnstufe Rot geschaltet wurde. „Wir wollen weitermachen!“, verlautete gestern eine spartenübergreifende Allianz aus Tiroler Kulturschaffenden vor der Presse. Vom quasi „staatlichen“ Tiroler Landestheater über private Veranstalter bis zur freien Künstlerschaft reichte die Spannweite des Schulterschlusses.

Der kumulierte Auftritt glich einem Déjà-vu-Erlebnis. Nach dem Lockdown im März fühlt sich der Kulturbetrieb erneut übergangen, in wesentliche Entscheidungen nicht eingebunden. Quälende Unsicherheit sei die Folge.

Am Rande der Planbarkeit

Etwas mehr Klarheit besteht seit gestern Abend. So werden in Tirol Veranstaltungen mit Publikum und zugewiesenen Plätzen auf 250 Personen beschränkt. Mit behördlich genehmigtem Anti-Corona-Konzept sind laut LH Günther Platter aber auch größere Veranstaltungen zulässig, etwa im Landestheater.

Sich häufig ändernde Vorschriften wie diese haben viele Veranstaltungen an den Rand der Planbarkeit gebracht. Die tiefere Bedeutung einschlägiger Verordnungen ist mitunter so rasch nicht zu ergründen. Muss kulturelles Treiben ebenfalls um 22 Uhr enden, so wie der Verzehr von Speis und Trank in einer Gaststätte? Dazu gebe es unterschiedliche Auslegungen, berichtete Julia Mumelter vom Haller Kulturlabor Stromboli.

Am Beispiel des Osterfestivals Tirol wird das Auf und Ab der letzten Monate deutlich. Der Absage im Frühjahr folgten mehrere Umplanungen mit dem Ziel, wenigstens einen Teil des Programms nachzuholen. Am 20. Oktober soll das Festival nun redimensioniert starten. Ganz sicher ist sich Organisatorin Hannah Crepaz auch Tage vor dem Auftakt nicht: „Schränkt eine rote Ampel auch die Bewegungsfreiheit der Menschen in den betroffenen Bezirken ein? Niemand konnte mir darüber Auskunft geben“, berichtete Crepaz von fruchtlosen Recherchen.

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.“

Landestheaterchef Johannes Reitmeier zeigte sich als Vertreter der öffentlich finanzierten Kultur solidarisch mit der freischaffenden. Er verwies auf die Sicherheitskonzepte. Bisher sei bei Kulturevents kein einziger Corona-Cluster entstanden. Reitmeier: „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.“ Die Registrierungspflicht, die ab Montag auch in Tirols Gastronomie gilt, sei bei Kulturveranstaltungen längst Usus.

Helene Schnitzer von den Tiroler Kulturinitiativen (TKI), der Interessenvertretung der freien Szene, baut auf die Kraft von Daten und Fakten. 150.000 Personen seien österreichweit in der Kreativszene beschäftigt, mit einem Anteil von fast 10 Milliarden Euro am Bruttoinlandsprodukt. „In Kunst und Kultur sind mehr Menschen und mit einem größeren Anteil am BIP beschäftigt als in der Landwirtschaft“, bemühte Arno Ritter (Architekturforum „aut“) einen Vergleich.

„Kunst und Kultur politisch nach wie vor ein Leichtgewicht“

Die versammelten Sprecher würdigten den „sehr guten Austausch“ mit den kulturpolitisch Verantwortlichen in Land Tirol (Landesrätin Beate Palfrader) und in Wien (Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer). Sie gaben aber auch zu verstehen, dass der Kultur nach wie vor die Lobby fehle. Auf die Frage, ob der Wechsel im Staatssekretariat (Andrea Mayer löste im Mai die glücklose Ulrike Lunacek ab) ohne Wirkung verpufft sei, reagierte Hannah Crepaz emotional: „Vizekanzler Werner Kogler ist als Minister für die Kultur verantwortlich, er muss dazu stehen, er hat schon einmal eine Frau hinausgekickt.“

Helene Schnitzer zog ein nachdenkliches Resümee: „Der Bereich Kunst und Kultur ist politisch nach wie vor ein Leichtgewicht.“


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