Gläubigerschützer erwarten exorbitanten Anstieg verschuldeter Haushalte

Durch pauschale und unkontrollierte Stundungen bedingte Insolvenzverschleppungen würden laut Alpenländischer Kreditorenverband (AKV Europa) der Realwirtschaft höhere Forderungsausfälle bescheren.

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© Keystone

Wien – "Die hohe Arbeitslosenquote, die uns nach Einschätzung des AMS über 2021 hinaus erhalten bleiben wird, lässt einen exorbitanten Anstieg der verschuldeten Haushalte erwarten", warnt der Alpenländischer Kreditorenverband (AKV Europa). Der Rückgang um ein Viertel der eröffneten Privatkonkursen in den ersten drei Quartalen 2019 auf 5406 eröffnete Verfahren im heurigen Jahr sei ausschließlich auf die wochenlange Schließung von Gerichten und Beratungsstellen zurückzuführen.

Es sei daher damit zu rechnen, dass die Rekordzahlen der eröffneten Privatinsolvenzen der Jahre 2018 und 2019 von annähernd 10.000 eröffneten Privatinsolvenzen pro Jahr ab dem Jahr 2021 wieder erreicht werden. Die Durchschnittsverschuldung pro Privatkonkurs liege bei knapp 160.000 Euro.

Insolvenzrecht anpassen

Wirtschaftskammer-Generalsekretär Karlheinz Kopf hat sich angesichts der Krise für die eine oder andere Anpassung im Insolvenzrecht ausgesprochen, "um Unternehmen quasi eine zweite Chance zu eröffnen", wie er dem "Kurier" (Montag) sagte. Es brauche Maßnahmen, damit nicht an sich gesunde Firmen wegen vorübergehend zu geringen Eigenkapitals (unter acht Prozent) keine Kredite mehr bekommen und deswegen zum Sanierungsfall werden.

▶️ Kopf: "Es gibt zum Beispiel in der Schweiz die Idee, dass man staatlich besicherte Kredite nicht in die Schuldenquote einrechnet."

Kopf wiederholte auch die langjährige Forderung der Wirtschaftskammer, Eigenkapital dem Fremdkapital gleichzustellen, um fiktive Zinsen als Aufwand geltend machen zu können. Es könne nicht sein, dass man Bankzinsen absetzen kann, aber nicht sein eigenes eingesetztes Kapital, so Kopf.

Gesamtpassiva auf 4,45 Milliarden Euro gestiegen

Zu den erwarteten Firmeninsolvenzen meint der AKV: Als düstere Vorboten einer zukünftigen Entwicklung seien der exorbitante Anstieg der Gesamtpassiva und die Anzahl der gefährdeten Arbeitsplätze zu sehen. Trotz rückläufiger Insolvenzzahlen seien die Gesamtpassiva auf 4,45 Milliarden Euro "explodiert", der zweithöchste Wert in der Nachkriegszeit nach dem Rekordpleitenjahr 2013.

Auffallend sei , dass die Anzahl der Insolvenzen österreichweit deutlich zurückgegangen ist. In Tirol ist dieser Rückgang besonders deutlich ausgefallen: mit 41Prozent weniger Firmeninsolvenzen als noch im Vorjahr liegt Tirol hier auch noch deutlich über dem Bundesschnitt von einem Drittel.

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Verlauf der bevorstehenden Wintersaison entscheidend

Die mit Abstand an Passiva größte Insolvenz Tirols in diesem Jahr ist die der im Unterland ansässigen Klausner Nordamerika Beteiligungs GmbH mit angemeldeten Passiva von rund 115 Millionen Euro. Allerdings ist der größte Teil dieser angeblichen Forderungen aktuell noch bestritten. Den unrühmlichen Platz zwei nimmt hier die Konzernschwester Klausner Trading International GmbH mit angemeldeten Forderungen von knapp 30 Millionen Euro ein.

Für Tirol als Tourismusland werde auch der Verlauf der bevorstehenden Wintersaison entscheidend sein: sollte kein einigermaßen normaler Winterbetrieb (mit überschaubaren Umsatzrückgängen) möglich sein, rechnet der AKV auch im Tourismusbereich (Hotellerie und Tourismus-Betriebe, die vorwiegend auswärtige Kunden haben) mit einem deutlichen Anstieg der Insolvenzen.

Mit Auslaufen der staatlichen Hilfspakete werden mit geringer Zeitverzögerung ab 2021 die Firmeninsolvenzen wieder steigen - nach Einschätzung des AKV um bis zu 15 Prozent gegenüber dem Jahr 2019. "Die durch pauschale und unkontrollierte Stundungen bedingten Insolvenzverschleppungen werden auch der Realwirtschaft höhere Forderungsausfälle bescheren", betont der Kreditorenverband.

"Sachlich nicht gerechtfertigte zeitliche Verschleppungen"

Durch staatliche Gegenmaßnahmen wie Stundungen, keine Insolvenzantragsstellungen seitens der öffentlichen Hand, Corona-Kurzarbeit und einiges mehr konnte seit März 2020 die Anzahl der eröffneten Firmeninsolvenzen mehr als halbiert werden, teilte AKV Europa in einer Aussendung mit.

Zum Ausblick hieß es: "Sachlich nicht gerechtfertigte zeitliche Verschleppungen werden nicht nur der Realwirtschaft in weiterer Folge viel höhere Forderungsausfälle bescheren, sondern auch der Anteil der uneinbringlichen Abgaben wird zunehmend steigen und den Staatshaushalt massiv beeinträchtigen."

Die bisher in den ersten neun Monaten des heurigen Jahres eröffneten Großinsolvenzen (u.a. Commerzialbank, Meinl Bank, Vapiano, Kremsmüller, Odebrecht, ATB Spielberg) stünden in keinem oder nur untergeordnetem Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. (APA)


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