Lockdown in Tschechien, drastische Maßnahmen in Irland ab heute

Europa kämpft derzeit mit einer zweiten Welle der Corona-Pandemie. Angesichts sprunghaft steigender Fallzahlen haben eine Reihe europäischer Länder weitere Restriktionen beschlossen, teils gibt es wieder Lockdowns.

Einen kompletten Lockdown gibt es in Irland nicht. Die Schulen und Kindergärten im Land bleiben geöffnet. Pubs und Restaurants können weiterhin Lieferdienste anbieten.
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Prag – In der vergangenen Woche schoss die Zahl der SARS-CoV2-Neuinfektionen in Europa um 44 Prozent in die Höhe. In mehreren Ländern wächst die Sorge, ob das jeweilige Gesundheitssystem über genügend Kapazitäten verfügt, um die steigende Zahl an Corona-Patienten angemessen zu behandeln. Einen erneuten wirtschaftsschädigenden Lockdown wollen die Regierungen mit aller Kraft vermeiden. Dennoch sahen sich einige gezwungen, wieder restriktive Maßnahmen wie Ausgangssperren zu verhängen. Ein Überblick.

Landesweiter Lockdown in Tschechien

Angesichts sprunghaft steigender Corona-Zahlen – innerhalb von 24 Stunden wurden fast 15.000 neue Fälle gemeldet – sind in Tschechien am heutigen Donnerstag drastische Maßnahmen in Kraft getreten, die einem landesweiten Lockdown gleichkommen. Seit 6.00 Uhr müssen fast alle Geschäfte geschlossen bleiben. Ausgenommen sind Lebensmittelgeschäfte und Supermärkte sowie Drogerien und Apotheken. Zudem wurden Ausgangsbeschränkungen wie im Frühjahr verhängt.

Ausnahmen gelten nur für den Arbeitsweg, notwendige Einkäufe sowie Arzt- und Familienbesuche. Erlaubt sind auch Spaziergänge in Parks und der freien Natur – allerdings nur allein, zu zweit oder mit Familienmitgliedern. Die neuen Restriktionen gelten zunächst bis zum Ende des Notstands am 3. November, der seit Anfang Oktober gilt. Tschechien hatte zuletzt bereits alle Schulen und Restaurants geschlossen. Sowohl in Innenräumen als auch im Freien gilt eine weitgehende Maskenpflicht.

Ohne die Maßnahmen würde das Gesundheitssystem in weniger als drei Wochen zusammenbrechen, erklärte Tschechiens Ministerpräsident Andrej Babis.
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Zweiwöchiger Lockdown in Wales

Am morgigen Freitag um 18 Uhr beginnt dann auch im britischen Landesteil Wales ein zweiwöchiger Lockdown. Nur dringend benötigte Arbeitskräfte dürfen ihr Zuhause in dieser Zeit verlassen, Treffen mit Menschen außerhalb des eigenen Haushalts sind dann nur Alleinlebenden und Alleinerziehenden gestattet. Nur Geschäfte mit lebensnotwendigen Waren dürfen öffnen, Pubs und Restaurants bleiben geschlossen. Die strengen Kontaktbeschränkungen sollen bis zum 9. November gelten.

Dies sei notwendig, um die Ausbreitung des Erregers etwas zu bremsen und das Gesundheitswesen vor dem Kollaps zu bewahren, erklärte der Regierungschef von Wales, Mark Drakeford. Wales ist ein Landesteil des Vereinigten Königreichs. Mit fast 47.000 Corona-Toten weist Großbritannien die höchste Opferzahl Europas auf.

Kein Lockdown, aber drastische Maßnahmenverschärfung in Irland

Auch Irland verschärft seine Maßnahmen im Kampf gegen das Virus drastisch. In der Nacht auf Donnerstag trat für sechs Wochen die höchste von fünf Maßnahmen-Stufen in Kraft. Wer kann, muss bis zum 1. Dezember von zu Hause aus arbeiten. Nur für das tägliche Leben unverzichtbare Geschäfte wie Supermärkte dürfen noch geöffnet bleiben. Treffen mit anderen Haushalten zu Hause oder selbst im heimischen Garten sind untersagt.

Mit Shopping ist in Irland vorerst Schluss: Nur für das tägliche Leben unverzichtbare Geschäfte wie Supermärkte dürfen geöffnet bleiben.
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Um einen kompletten Lockdown handelt es sich jedoch nicht. Die Schulen und Kindergärten im Land bleiben geöffnet. Sport im Freien darf in einem Radius von fünf Kilometern betrieben werden. Pubs, Restaurants und Cafés können zumindest Lieferdienste anbieten. Kontakte etwa zur Unterstützung von Alleinerziehenden und Senioren zwischen zwei Haushalten sind erlaubt. Auch Hochzeiten sind mit bis zu 25 Gästen noch gestattet. Das Baugewerbe soll weiter seiner Arbeit nachgehen. Der öffentliche Verkehr wird auf 25 Prozent reduziert.

Slowakei entscheidet heute über Lockdown

Der slowakische Regierungschef Igor Matovic schließt nach einem Rekordzuwachs von 2202 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages einen Lockdown für sein Land ebenfalls nicht mehr aus. Um einen ähnlich raschen Zuwachs der Fallzahlen wie im Nachbarland Tschechien zu verhindern, helfe womöglich nur mehr, „das ganze Land abzuriegeln“. Eine Entscheidung darüber soll der für heute Donnerstag einberufene nationale Corona-Krisenstab treffen.

Schweiz prüft Schließung aller Geschäfte

In der Schweiz wurden am Mittwoch innerhalb von 24 Stunden fast 6000 neue Corona-Infektionen gemeldet. Das ist ein Rekord, die Zahl ist doppelt so hoch wie am Tag zuvor und gemessen an der Bevölkerungsgröße über siebenmal so hoch wie die von Deutschland. Die Regierung prüft derzeit, ob eine zeitlich begrenzte Schließung aller Geschäfte nötig ist, etwa für 14 Tage.

Bereits am vergangenen Sonntag beschloss die Schweizer Regierung eine Maskenpflicht in geschlossenen öffentlichen Räumen wie Geschäften und Lokalen. Außerdem gelten seit Montag Beschränkungen für private Feiern und öffentliche Versammlungen mit mehr als 15 Menschen. Als erster Kanton untersagte Bern wieder Versammlungen mit mehr als 1000 Menschen.

Nächtliche Ausgangssperre in Slowenien und Belgien

In Slowenien gilt seit Dienstag eine Ausgangssperre zwischen 21.00 und 6.00 Uhr sowie ein Verbot von Auslandsreisen. Nur für Volksschüler findet noch Präsenzunterricht statt, die Obergrenze für private Treffen wurde auf sechs Menschen gesenkt.

Wie am Wochenende in Paris und acht weiteren französischen Städten trat am Montag auch in Belgien eine nächtliche Ausgangssperre von Mitternacht bis 5.00 Uhr in Kraft. Ab 20.00 Uhr ist außerdem der Verkauf von Alkohol verboten. Angesichts überlasteter Krankenhäuser müssen landesweit alle Cafés und Restaurants für mindestens vier Wochen schließen. Belgiens Bürger dürfen nur noch mit maximal einem Menschen außerhalb ihres Haushalts engen Kontakt ohne Maske haben.

In Belgien gilt eine nächtliche Ausgangssperre.
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Spanien: Abriegelung von Madrid soll am Freitag enden

Spanien hat am Mittwoch als erstes EU-Land die Marke von einer Million Corona-Infektionen durchbrochen. Immer mehr Gemeinden, Städte und ganze Regionen des Landes werden mehr oder weniger abgeschottet oder haben dies für die nächsten Tage angekündigt, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Knapp acht Millionen Menschen sind davon betroffen. Die Regionalregierungen von Navarra und der Weinregion La Rioja im Norden des Landes ordneten sogar eine weitgehende Absperrung des gesamten Gebietes für zwei Wochen an.

In der Hauptstadt Madrid mit immer noch hohen Corona-Zahlen und umliegenden Städten endet hingegen am Freitag die von der Zentralregierung gegen den Willen der Regionalregierung angeordnete zweiwöchige Abriegelung. Die Stadt erwägt danach die Abriegelung einzelner besonders betroffener Stadtgebiete sowie eine nächtliche Ausgangssperre. Diese Möglichkeit wurde auch für ganz Spanien diskutiert. Allerdings müsste das Parlament dafür der Ausrufung des Notstandes zustimmen, was als unwahrscheinlich galt. (TT.com, APA/dpa/AFP)


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