Ohne Skandale und Zwischenrufe: Zweite US-Debatte verlief gesittet

Die erste Debatte zwischen US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden war in andauernden Zwischenrufen untergegangen. In der Nacht auf Freitag bot sich den Zuschauern ein anderes Bild. Die beiden Kandidaten debattierten großteils ruhig und sachlich über Themen wie die Corona-Krise, Klimawandel oder Außenpolitik.

US-Präsident Donald Trump und Ex-Vizepräsident Joe Biden bei der zweiten und letzten TV-Debatte vor der Wahl am 3. November.
© MORRY GASH

Von Matthias Sauermann

Nashville – Chaos, Skandal, Schande: Nach der ersten Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden überschlugen sich die negativen Kommentare. Der Amtsinhaber war dem Herausforderer andauernd ins Wort gefallen, an eine inhaltliche Diskussion war nicht zu denken. Für das zweite Duell hat sich die unabhängige Kommission entschieden, während der ersten zwei Minuten Antwort eines Kandidaten beim Gegenüber das Mikrofon stumm zu schalten. Im Vorfeld würde darüber gerätselt, wem das nützen würde – und ob die Änderung sinnvoll oder kontraproduktiv sei. Die Stunde der Wahrheit dafür schlug in der Nacht auf Freitag.

Bereits nach wenigen Minuten war klar: Es würde sich eine vollkommen andere Debatte entwickeln als zuletzt. Präsident Donald Trump verwarf offenbar die Strategie, Biden durch Unterbrechen zu irritieren, ließ sein Gegenüber aussprechen. Tatsächlich entwickelte sich so eine Diskussion über Inhalte, die Zuschauer konnten aufatmen.

Biden wirft Trump Versagen vor, Trump verspricht Impfung

Gleich das erste Themensegment sollte den größten Teil der Diskussion einnehmen. Dabei ging es um die Coronavirus-Pandemie und deren Auswirkungen. 220.000 Amerikaner sind bis heute mit oder an den Folgen von SARS-CoV-2 gestorben. Biden warf dem Amtsinhaber wiederholt vor, für die vielen Todesopfer verantwortlich zu sein. Trump hielt dagegen, die Auswirkungen des Herunterfahrens der Wirtschaft seien schlimmer als das Virus selbst. Man müsse damit leben und könne sich nicht "im Keller einsperren", so Trump. Es werde bald eine Impfung angekündigt werden.

Als Trump erwähnte, dass es 99 Prozent der Corona-Patienten wieder gut gehe, sprach Biden wieder direkt in die Kamera und wandte sich an jene Familien, die wegen des Coronavirus jetzt "einen leeren Sessel an ihrem Küchentisch stehen" haben. Biden hielt seine Maske in die Höhe und sagte, dass es allein durch eine Maskenpflicht 100.000 Tote weniger hätte geben können. "Wer für so viele Tote verantwortlich ist, sollte nicht Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bleiben", sagte Biden.

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Die optimistischen Äußerungen Trumps quittierte Biden mit der Aussage, dass sie "vom gleichen Typen kommen, der euch sagte, dass das zu Ostern vorbei sein wird. Der gleiche Typ, der euch sagte, macht euch keine Sorgen, wir werden das bis Sommer beenden. Wir stehen vor einem dunklen Winter, einem dunklen Winter, und er hat keinen Plan", so Biden. Er äußerte Biden die Befürchtung, dass es bis Jahresende weitere 200.000 Corona-Toten im Land geben könnte.

Ein entscheidender Schlagabtausch war, als Trump meinte: "Wir müssen mit dem Virus leben". Biden entgegnete: "Wir sterben damit".

📽️ Video | Die Debatte zum Nachsehen

Trump wirft Biden Korruption vor, Biden kontert

Auch im Fortlauf der Debatte zeigten sich beide Kandidaten zivilisiert und verzichteten bis auf wenige Momente auf Zwischenrufe und Unterbrechungen. Selbst als Donald Trump – ohne Beweise – Biden Korruption vorwarf, entwickelte sich kein hitziges Wortgefecht. Biden konterte die Vorwürfe teils mit ungläubigem Kopfschütteln, teils mit ruhiger Antwort. Trump warf Biden vor, Millionen aus dem Ausland zu erhalten und seine Familie zu bereichern. "Ich habe niemals in meinem Leben einen Penny von einer ausländischen Quelle angenommen", sagte Biden am Donnerstagabend (Ortszeit) in Nashville im US-Bundesstaat Tennessee. Trump warf Biden vor: "Ich mache kein Geld mit China, Sie schon. Ich mache kein Geld mit der Ukraine, Sie schon."

Biden entgegnete, es sei vielfach bestätigt worden, dass das falsch sei. Trump sei es gewesen, der sich einem Impeachment-Verfahren stellen musste, weil er versucht habe, die Ukraine zu erpressen, erinnerte Biden. Auch sprach er an, dass Trump im Gegensatz zu ihm die Steuererklärungen nicht veröffentlicht habe. Er habe seine Steuererklärungen der vergangenen 22 Jahre offengelegt. "Sie haben kein einziges Jahr ihrer Steuererklärungen herausgegeben", sagte Biden zu Trump. "Was haben Sie zu verbergen?"

Trump sagte erneut, er wolle seine Steuererklärungen veröffentlichen, sobald eine Buchprüfung der Steuerbehörde IRS abgeschlossen sei. "Er sagt das seit vier Jahren", erwiderte Biden. "Zeigen Sie sie uns einfach. Hören Sie auf, Spiele zu spielen."

📽️ Video | Kohl (ORF) über das Duell zwischen Trump und Biden

Biden will sich gegenüber Kontrahenten hart zeigen

Biden warnte ausländische Regierungen vor einer Einmischung in die US-Wahlen. "Jedes Land, das sich einmischt, wird einen Preis bezahlen, weil es unsere Souveränität verletzt", sagte er während der zweiten und letzten Fernsehdebatte vor der Präsidentschaftswahl am 3. November. Biden warf Trump vor, nicht entschieden genug auf Einmischungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu reagieren. "Ich weiß nicht, warum der Präsident das nicht will." Trump erwiderte, er habe doch Panzerabwehrwaffen an die Ukraine geliefert. "Es gibt niemanden, der härter gegen Russland eingestellt ist als Donald Trump."

Dieses Motiv bemühte Trump auch bei der Debatte über Rassismus. "Ich bin der am wenigsten rassistische Mensch. Ich sehe die Menschen hier im Publikum nicht weil es dunkel ist, aber ich bin der am wenigsten rassistische Mensch hier im Raum", behauptete Trump.

Trump sieht sich in Außenpolitik auf richtigem Kurs

US-Präsident Donald Trump hat nach eigenen Angaben einen Krieg mit Nordkorea verhindert. Ohne seine Politik des Dialogs wären bei einem Krieg "Millionen Menschen" gestorben, behauptete Trump. Von der Vorgängerregierung unter Präsident Barack Obama und Vizepräsident Biden habe er in Sachen Nordkorea eine "Schweinerei" geerbt. Jetzt hätten beide Länder "ein sehr gutes Verhältnis".

"Und wir hatten ein gutes Verhältnis zu Hitler, bevor er in Europa einfiel", meinte Biden als Vergleich. Damit wollte er klarmachen, dass er Trumps Kurs gegenüber autoritären Herrschern für zu weich und damit für eine Gefahr für den internationalen Frieden hält.

Trump traf sich mehrfach mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un, um das Land zur Aufgabe seines Atomwaffenprogramms zu bewegen. Dies ist bislang nicht gelungen.

Biden warf Trump vor, Kim mit seinen Treffen "Legitimation" verliehen zu haben. Durch seine Treffen habe er Nordkorea Zeit verschafft, das eigene Waffenprogramm noch weiter zu entwickeln. Inzwischen habe Nordkorea "viel gefährlichere Raketen, die das US-Festland erreichen können", sagte Biden. Kim sei ein "Gangster", fügte er hinzu, mit dem man sich nicht ohne klare Bedingungen treffen könne.

Trump sieht in Biden-Plan "Sozialismus", Biden nennt Pläne

Bezugnehmend auf das Gesundheitssystem meinte US-Präsident Donald Trump, sein Herausforderer wolle eine "sozialistische Medizin". Er hingegen wolle das von seinem Vorgänger Barack Obama eingeführte und als "Obamacare" bezeichnete System der Krankenversicherung und Pflege abschaffen und "eine wunderschöne neue Gesundheitsversorgung" einführen, die auch die Zustimmung im Kongress finden werde.

"Jeder sollte das Recht auf eine bezahlbare Gesundheitsversorgung haben", sagte Biden. Dabei solle es die Wahl geben zwischen einer Privatversicherung und der Option auf eine öffentliche Versorgung. Das von ihm geplante System einer "Bidencare" solle auch erschwingliche Presse für Arzneimittel ermöglich. Das habe nichts mit Sozialismus zu tun oder den Plänen von anderen demokratischen Politikern wie Bernie Sanders zu tun. Mit Blick auf die Vorwahlen in der eigenen Partei sagte Biden zu Trump: "Er ist verwirrt. Er tritt gegen Joe Biden an, nicht gegen die anderen. Ich habe die anderen geschlagen, weil ich andere Meinung war als sie."

Auch hier sprach Biden wieder direkt in die Kamera: "Wie viele von euch liegen heute im Bett und sorgen sich darüber, was passiert, wenn ihr krank werdet?"

Zivilisierte Debatte sorgt für mehr Klarheit

Ob über die Corona-Krise, Außenpolitik, Klimawandel oder Rassismus: Die zweite Debatte zwischen US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden erlaubte endlich, direkt von den Kandidaten zu hören, was sie zu sagen haben. Auf CNN hieß es anschließend: Eigentlich war es eine Wiederholung der ersten Debatte – mit der Ausnahme, dass man diesmal "die Kandidaten verstehen konnte".

Dabei war es vor allem offensichtlich, dass Präsident Donald Trump sich bemühte, ein anderes Gesicht zu zeigen als in der ersten Debatte. Er verzichtete zwar nicht auf neue persönliche Angriffe auf Biden und dessen Familie, aber verzichtete auf andauernde Zwischenrufe. Biden griff wie in der ersten Debatte wieder auf die Strategie zurück, direkt in die Kamera zu sprechen. Trump tat dies damit ab, dass dies "typisch für einen Politiker" sei. Er sei "anders", versicherte Trump.

Moderatorin Kristen Welker dankte den beiden Kontrahenten schließlich nach 20.30 Uhr Ortszeit (04.30 Uhr MESZ) in Tennessee für die gut 90-minütige Diskussion. Biden hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zuvor auf die Uhr geschaut. Welker schloss mit einem Aufruf an die Zuseher, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Gewählt wird am 3. November. (mats, APA)


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