Gesundheitssystem: Ab wann ein Kollaps des Systems drohen könnte

Mit noch mehr Abstand geht es in die Herbstferien. Die neue Corona-Verordnung tritt mit Sonntag in Kraft. Gleichzeitig ist ein Lockdown nur möglich, wenn das Gesundheitssystem kracht. Wann aber droht das? Ein Überblick zu häufigen Fragen.

Vor knapp einer Woche kündigte die Regierung neue Corona-Regeln an, mit diesem Sonntag gelten sie: Was die neue Verordnung polizeilich und medizinisch bedeutet, beschäftigt viele.
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Innsbruck – Die mit Montag angekündigte Bundesnovelle des Covid-19-Maßnahmengesetzes gilt ab Sonntag. Zuletzt gab es viele Unsicherheiten. Die TT am Sonntag klärt wichtige Fragen – mit Hilfe der Landespolizeidirektion Tirol und der Pressestelle der Tirol Kliniken:


👮 Was bedeutet die 6-Personen-Regel in Privaträumen für die Polizei: Wird diese – etwa, wenn Nachbarn Lärmbelästigung melden – bezüglich Gruppengröße kontrollieren?

  • Polizeikontrollen in Privaträumen sind nicht möglich. Das sieht das Covid-19-Maßnahmengesetz auch nicht vor. Die Polizei macht nur gewöhnliche Einsätze – etwa wegen Lärmbelästigung oder Körperverletzung. Sollten vor Ort viele Personen anwesend sein, können die Beamten diesbezüglich nur an Vernunft und Eigenverantwortung appellieren.
  • Sollte die Polizei in Vereinslokalen mehr als sechs Personen antreffen, ist mit einer Anzeigenerstattung zu rechnen. Da es sich um Verwaltungsübertretungen handelt, kommen nach dem Verwaltungsstrafgesetz mitunter auch sofort zahlbare Strafen in Frage.

👮 Müssen größere Zusammenkünfte, die als Veranstaltung gelten, ausnahmslos angezeigt werden?

  • Veranstaltungen – auch sportliche oder gesellige Zusammenkünfte – mit mehr als sechs Personen müssen bei der Gesundheitsbehörde (Bezirkshauptmannschaft bzw. Magistrat in Innsbruck) schriftlich angezeigt werden. Dazu muss auch ein „Covid-19-Präventionskonzept“ abgegeben werden.
  • Die Polizei empfiehlt dringend, einen Nachweis für die erfolgte Anzeige bereitzuhalten (z. B. Ausdruck). Öffentliche Veranstaltungen müssen zudem (wie bisher) bei der Veranstaltungsbehörde schriftlich angemeldet werden.

👮 Werden alle, die behördlich in Quarantäne sind, weiterhin polizeilich auf ihre Präsenz zu Hause hin überprüft?

  • Ja, seit Beginn der Covid-19-Pandemie in Tirol hat die Polizei bisher über 55.000 Quarantäne-Überprüfungen nach dem Epidemiegesetz durchgeführt. Wer in Quarantäne zu Hause ist, muss auch künftig mit einer Kontrolle der Polizei rechnen.

▶️ In Tirol stehen derzeit 44 Betten zur Verfügung, 33 auf Normal- und elf auf Intensivstationen. Gleichzeitig zählt Salzburg 41 Intensivbetten. Tirol betont, dass man bei Bedarf zusätzliche Ressourcen freimachen könne. Warum werden in jedem Bundesland andere Zahlen genannt? Und ab welchem Prozentsatz wären die Kapazitäten der Versorgung von Covid-19-Patienten hier ausgeschöpft?

  • Im Unterschied zur ersten Welle versuchen die Kliniken jetzt, ein Herunterfahren des Betriebs (und damit mögliche Kollateralschäden) möglichst lange zu verhindern und, wenn nötig, dann nur im erforderlichen Ausmaß umzusetzen. Durch das Herunterfahren sind in der ersten Phase Betten frei geworden und haben leer darauf gewartet, dass sie gebraucht werden. Aktuell werden deshalb nur so viele Betten freigemacht wie benötigt.
  • Wie die unterschiedlichen Zahlen zustande kommen, kann z. B. seitens der Tirol Kliniken nicht beantwortet werden – so wie es aussieht, wird in jedem Bundesland anders gezählt. Ein genauer Prozentsatz, ab wann die Kapazitäten wirklich erschöpft sind, lässt sich nicht nennen, da der limitierende Faktor nicht die Betten, sondern das Personal ist.

▶️ Was sagt eine bloße Zahl an offenen Betten überhaupt aus?

  • Tatsächlich sagt diese Zahl nur bedingt etwas aus.

▶️ Welche Parameter an der Klinik Innsbruck gibt es, um einen Zusammenbruch der Versorgung zu attestieren? Wenn das Personal der Knackpunkt ist – um wie viel mehr Aufwand handelt es sich, wenn Covid-19-Patienten etwa pflegerisch betreut werden müssen?

  • Es gibt keinen offiziellen Wert, wann man einen Zusammenbruch attestieren kann. Die Pläne der Tirol Kliniken gehen sehr weit und theoretisch bis hin zu einer Art Lazarettbetrieb. Auch dann ist es kein Zusammenbruch, aber natürlich ist die Versorgung dann nicht mehr auf dem gewohnt hohen Niveau zu gewährleisten. Davon sind wir allerdings weit entfernt. Patienten auf Intensivstationen haben generell einen höheren Bedarf an professioneller Pflege.
  • Neben den klassischen Pflegemaßnahmen müssen diese Patienten zum Beispiel regelmäßig im Bett gewendet werden, wozu mehrere Pflegekräfte benötigt werden und was körperlich anstrengend ist. Dazu kommt ein erhöhter Aufwand bei der Beobachtung und Medikation. Pflegekräfte müssen außerdem auf viele verschiedene Geräte geschult sein (ECMO, Dialyse, Beatmung ...). Und auch die Dokumentation ist aufwändiger als auf einer Normalstation.

▶️ Ab wann (ab wie vielen Covid-19-Patienten auf der Intensivstation) wird es personell knapp an der Klinik Innsbruck? – Es heißt, dass Österreichs Gesundheitssystem in Gefahr ist, wenn 40 Prozent der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt sind. Kurzfristig seien 50 Prozent verkraftbar. Gilt das auch für Innsbruck?

  • Das sind natürlich eher theoretische Zahlen, die sicher nicht falsch sind, sagt dazu Johannes Schwamberger, Pressesprecher der Tirol Kliniken. Die tatsächliche Situation sei aber weitaus komplizierter und vielschichtiger. Wann kollabiert ein System? Wenn eine Pflegekraft nicht mehr für zwei, sondern für drei Patienten zuständig ist, oder für vier? Natürlich sinkt dann die Qualität und die Kollateralschäden würden zunehmen, aber niemand würde von einem Zusammenbruch sprechen.

▶️ Wie viele Covid-19-Patienten werden derzeit an der Klinik Innsbruck betreut – wie viele davon sind auf Intensivstationen? Und was kann man über die Altersstruktur der Betroffenen sagen?

  • Derzeit (Stand Samstag) sind in Innsbruck 52 Patienten auf Normalstationen in Behandlung und fünf auf einer Intensivstation. In Hall sind es sieben auf einer Normal- und eine Person auf der Intensivstation. Damit haben wir jetzt jene Zahlen von April erreicht.
  • Das Durchschnittsalter schwankt aufgrund des stetigen Wechsels der Patienten zwischen Intensiv- und Normalstation ständig. Man kann aber sagen, dass das Durchschnittsalter der Patienten derzeit wieder ansteigt.

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