"Überlastung droht": Regierung entscheidet am Samstag über Lockdown

Das Coronavirus breitet sich rasant in Österreich aus. Am Donnerstag wurde mit rund 4500 Neuinfektionen ein neuer Höchstwert erreicht. Am Samstag will die Regierung neue Verschärfungen bekanntgeben.

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Regierung und Experten traten am Donnerstag vor die Pressevertreter und sprachen über die Auslastung der Spitals-Kapazitäten.
© HERBERT NEUBAUER

Wien - Die Bundesregierung wird am Samstag bekanntgeben, welche weiteren Verschärfungen zur Eindämmung der Coronapandemie umgesetzt werden. Diesen Termin nannte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Donnerstag nach einer Expertenrunde im Bundeskanzleramt. Sollten die derzeit hohen Neuinfektionszahlen weiter steigen, drohe bereits "Mitte, Ende November" die Überlastung der Intensivstationen, warnte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).

Genannt wurde am Donnerstag lediglich der Fahrplan, Fragen zu inhaltlichen Details zu den Maßnahmen wurden nicht beantwortet. "Wir sind nicht in einer Phase, wo es um Stunden geht", sagte Kurz. Die Entwicklung sei seit Langem absehbar. Am Freitag wird es ihm zufolge Gespräche mit den Sozialpartnern geben, am Samstag mit den Landeshauptleuten und der Opposition sowie dem Bundespräsidenten.

Im Anschluss an diese Gespräche werde die Öffentlichkeit über die notwendigen Maßnahmen informiert, kündigte Kurz an. Unklar blieb am Donnerstag auch, ab wann die neuen Maßnahmen gelten sollen. Wichtig sei, "kühlen Kopf zu bewahren und entschlossen zu handeln".

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Für das Allerheiligen-Wochenende verwies Kurz auf die Empfehlungen, soziale Kontakte zu reduzieren und auf Familienzusammenkünfte zu verzichten. Fix sei, dass es zu keiner Überlastung des Gesundheitssystem kommen dürfe: "Wir werden nicht zulassen, das Ärzte entscheiden müssen, wer leben darf und wer sterben muss."

"Wir sind nicht in einer Phase, wo es um Stunden geht", sagte Kurz zur Frage, ab wann die neuen Maßnahmen gelten werden. Die Entwicklung sei seit Langem absehbar gewesen. Klar sei, dass Österreich derzeit in Richtung einer Phase gehe, "wo wir massiv gegensteuern müssen, weil es sonst zu einer Überforderung der Spitäler und der Intensivmedizin kommen würde".

"Nichts von dem, was wir gerade in Europa oder Österreich erleben, ist überraschend. Wir haben immer gewusst, wenn wir in ein exponentielles Wachstum kommen, muss man das stoppen, weil sonst kommt es zu Überlastung der Intensivkapazitäten". Relevant sei nicht die Frage, wie viele erkrankt sind, sondern: "Wie schnell ist das Wachstum".

Kanzler appelliert an Bevölkerung

Und Kurz appellierte erneut an die Bevölkerung, die Maßnahmen mitzutragen: "Die Schritte, die wir als Bundesregierung setzen können, ist ein Teil, das andere ist das Mitmachen der Bevölkerung." Die Herausforderung sei, "dass es bei vielen Menschen eine gewisse Müdigkeit gibt, ein Nicht-mehr-Wollen", sagte Kurz. Er mache diesbezüglich niemandem einen Vorwurf, "weil ich das persönlich sehr gut nachvollziehen kann", es handle sich um Einschränkungen, die niemand möchte.

Die Strategie der Bundesregierung gegenüber der Pandemie habe sich jedenfalls seit dem Frühjahr "nicht geändert und wird sich nicht ändern. Weil was ist die Alternative? Ich habe keine vernünftige Alternative gehört", sagte Kurz. Man wolle auch nicht, dass - wie es in andern Staaten bereits notwendig ist - "Patienten aus Österreich in anderen Ländern behandelt werden müssen, weil die Kapazität nicht ausreicht".

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In 24 Stunden 4453 Corona-Neuinfektionen in Österreich

Am Donnerstag wurde ein neuer Rekordwert an Neuinfektionen gemeldet - 4453 kamen österreichweit hinzu, es ist der bisher höchste Wert seit Ausbruch der Pandemie. Enorme Zuwächse gab es auch bei den Patienten im Spital, so benötigten 248 Intensivpflege - seit 15. Oktober hat sich ihre Zahl verdoppelt.

Anschober rechnet mit bis zu 5800 Neuinfektionen pro Tag in der kommenden Woche. Setzt sich dieser Trend so fort, könne "eine Überschreitung der Kapazitätsgrenzen Mitte, Ende November eintreten", warnte Anschober. Deshalb gebe es nun "akuten Handlungsbedarf, um diese Entwicklung zu stoppen".

Problematisch sei, dass derzeit der Altersschnitt steigt und vermehrt Infektionen in Alters- und Pflegeheimen auftreten. Bei den Erkrankten seien die über 85-Jährigen nach den 15- bis 24-Jährigen bereits die am zweithäufigsten betroffene Altersgruppe, so der Minister. In Aussicht stellte Anschober eine Reaktivierung der telefonischen Krankschreibung. Dazu sei man aktuell in Gesprächen, sagte er.

Am Donnerstag wurde mit Experten die Frage erörtert, ab welcher Anzahl neuer Infektionen das heimische Gesundheitssystem überlastet wäre, sagte Kurz. Vor zwei Wochen habe er geschätzt, dass diese Zahl bei 6000 neuen Fällen täglich über einen Zeitraum von einigen Wochen liege. "Das wurde uns so bestätigt", sagte der Kanzler. Sollte dies über Wochen so bleiben, müssten im Extremfall Ärzte entscheiden, wer behandelt wird und wer nicht, "das werden wir nicht zulassen".

Patienten werden "rasant mehr"

Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich (GÖG), sagte, dass im Schnitt momentan einer von 100 Neuerkrankten im Spital und in weiterer Folge auf der Intensivstation lande, wo er durchschnittlich 12,5 Tage behandelt werden müsse. Die Patienten werden "rasant mehr". Anfang bis Mitte November würden laut Prognose 400 bis 500 Corona-Patienten auf Intensivstationen liegen, sagte Ostermann. Diese sind auch "versorgbar".

Im Schnitt gibt es 2000 Intensivbetten in Österreich, belegt werden können sie laut Ostermann mit rund 1800 Menschen. Ungefähr 60 Prozent der Intensivbetten werden akut benötigt, also nach Unfällen oder wegen nicht verschiebbarer Eingriffe. Somit gebe es ein Potenzial von 700 Betten, die in einem Notfall für Coronapatienten zur Verfügung gestellt werden können.

Klaus Markstaller, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), sagte, dass die Situation auf den Intensivstationen bereits jetzt angespannt sei. Werde die Intensivmedizin (bei Neuinfektionszahlen über 6000 pro Tag) an ihre Grenze gebracht, "dann wären wir nicht mehr in der Lage, bestmögliche Medizin bereitzustellen", warnte Markstaller.

Eine Überlastung trete aber nicht von einem Tag auf den anderen ein. Wichtig sei nun, "wirksame Maßnahmen" zu setzen, dabei gehe es nicht "um einen Tag hin oder her". Ab einer Zahl von rund 600 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen werden jedenfalls keine elektiven (aufschiebbaren, Anm.) Eingriffe mehr möglich sein. Man müsse nun "auf Sicht fliegen", konstatierte Markstaller.

Unabhängig von der Coronavirus-Pandemie betrage die Auslastung auf Intensivstationen (im Vollbetrieb, also etwa ohne Aufschub von planbaren Operationen) 85 bis 90 Prozent, sagte Markstaller. "Kleine Spitzen können wir jederzeit abfangen", sagte der Experte. "Für eine Pandemie ist das System nicht vorbereitet gewesen", konstatierte der Mediziner. Adaptieren lässt sich dies nur durch eine Verhinderung der Überlastung oder Erweiterung der Intensivmedizin, die aber kurzfristig nicht möglich ist.

Opposition über Regierungskommunikation empört

Empört reagierte die Opposition, sie kritisierte die Kommunikationspolitik der Bundesregierung scharf. Für die SPÖ ist es zwar erfreulich, dass Sozialpartner, Parlamentsfraktionen und Landeshauptleute an einen Tisch geholt werden sollen, "völlig unverständlich" sei aber, warum die Regierung damit bis zum Wochenende abwartet. Die FPÖ sprach von einem "Tiefpunkt des Regierungsmarketings", die NEOS orteten ein "Versagen" von Türkis-Grün. (TT.com, APA)


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