Die neuen Corona-Spielregeln treffen den Tiroler Sport hart

Wie Tirols Verbandsbosse auf das Aus des Amateursports reagieren und sie den Kampf um „Sonderstellungen“ noch nicht aufgegeben haben.

Reinhold Scherer, Geschäftsführer des Kletterzentrums Innsbruck, muss zum zweiten Mal eine Schließung in Kauf nehmen.
© Böhm

Innsbruck – Es kam wie befürchtet – und in manchen Fällen noch drastischer als angenommen. Der Amateursport wird ab Dienstag eingestellt. Hobbysportler dürfen nur noch im Freien ihrer Leidenschaft nachgehen, dort aber auch nur individuell und ohne Körperkontakt. Sämtliche Hallensportstätten sind nur noch für Spitzensportler und Behindertensportler zugänglich. Was sagen Tirols Fachverbände dazu? Die TT hat sich umgehört.

Fußball: So bedauerlich das vorzeitige Ende des Amateurgeschehens ist, so zufrieden zeigte sich TFV-Präsident Josef Geisler, „über gut 80 Prozent der angesetzten Spiele“ ausgetragen zu haben. „Das war im Frühjahr so nicht zu erwarten.“ Was die Fußball-Akademie betreffe, sei er guter Hoffnung, „dass es uns seitens des ÖFB gelingt, mit einem entsprechenden Präventionskonzept die Akademie, die den Unterbau des Profisports bedeutet, weiterlaufen zu lassen.“ Die traditionelle TFV-Hallen-Nachwuchsmeisterschaft stehe freilich unter keinem guten Stern. Geisler: „Stand heute ist die Durchführung der Hallenmeisterschaft nicht realistisch. Keiner weiß, wie es mit der Verfügbarkeit von Hallen ausschaut. Welcher Verein tut sich unter diesen Auflagen eine Ausrichtung an, wenn er auch keine Kantine stellen kann und somit keine Einnahmen verzeichnet?“

Tennis: „Wir wollen die Hallensaison retten“, gibt Tirols Tennisverbands-Präsident Walter Seidenbusch als Direktive für kommende Verhandlungen aus. Der Graubereich, in dem sich Tennis als Einzelsport bewegt, soll Farbe bekommen – und der Anstrich würde dann vor allem dem Nachwuchs die Chance geben, in den Hallen zu trainieren. Wenn möglich könnte in weiterer Folge auch der Breitensport und Amateurbereich profitieren. „Da werden wir in den nächsten Tagen Verhandlungen führen, nachdem das nicht genau deklariert wurde“, ergänzte Seidenbusch. Was die Profis betrifft, sollen wie schon im ersten Lockdown im Frühjahr die Top 30 trainieren dürfen. Wetterfeste Freiluft-Plätze sollen offen bleiben.

Schwimmen: Noch weiß Verbandschef Markus Senfter nicht, ob eines oder mehrere Tiroler Schwimmbäder in den kommenden Wochen offen sein werden. Nach Absprache mit dem Österreichischen Schwimmverband wurden 35 Tiroler Kaderschwimmer nominiert, die weiterhin trainieren können. In seinem Brotberuf als Schwimmschulleiter wird Senfter am Montag ein letztes Mal Kurse geben – und bricht zuvor noch ganz allgemein eine Lanze für seinen Sport: „Schwimmen ist etwas Elementares und kann Leben retten. Auch das sollte in den Überlegungen berücksichtigt werden.“

Handball: „Natürlich tut diese Pause speziell für Kinder, die Bewegung brauchen, weh. Natürlich könnte man auch in der Halle auf Distanz gehen. Aber bei diesen Infektionszahlen war man zum Handeln gezwungen. Und die Maßnahmen müssen akzeptiert werden, mit zig Ausnahmen ist auch keinem geholfen“, notiert Verbandspräsident Thomas Czermin.

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Klettern: Beim Blick aus dem Fenster und auf den Wetterbericht atmet KVÖ-Sportdirektor Heiko Wilhelm durch. „Momentan ist für unsere Athleten der Plan ganz klar: Draußen trainieren, was geht. Da spielt uns das Wetter in die Karten“, sagt der Ötztaler. Irgendwann wird der Winter aber vor der Tür stehen, dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Gut 20 Athleten aus dem Nationalteamkader dürfen in der Halle trainieren, der Rest wird sich wohl mit dem Zuschauen begnügen müssen. Inwiefern Gruppen aus demselben Haushalt gemeinsam klettern dürfen, stehe laut Wilhelm noch in den Sternen. „95 Prozent der Leute in unserer Halle sind Breitensportler“, erklärt Reini Scherer, Leiter des Kletterzentrums Innsbruck.

Kontaktsport: Besonders hart betroffen von den Maßnahmen sind einmal mehr die Kampfsportarten. „Wir werden uns dem Sportverbot beugen und das Judozentrum Innsbruck vorübergehend schließen“, sagt Tirols Judo-Präsident Martin Scherwitzl. Wichtig sei, dass Profis wie Bernadette Graf mit dem Nationalteam weiterhin trainieren können, damit der Traum von einer Olympia-Teilnahme in Tokio nicht platzt. Was Scherwitzl stört, ist die rasche Abfolge an Änderungen. Die Sechs-Personen-Regel im Trainingsbetrieb sei erst seit wenigen Tagen in Kraft, zudem sei bisher keine Cluster-Bildung bei Judovereinen aufgetreten. „Wir werden uns dennoch nach den Vorgaben richten und mit dem Sportministerium zusammenarbeiten.“ Tirols Ringer-Präsident Franz Pitschmann pflichtet bei. „Der RSC Inzing hat von sich aus eine Trainingspause beschlossen, die Trainingshalle in Hatting ist schon länger durch die Gemeinde geschlossen worden“, sagte der viermalige Olympia-Teilnehmer. Pitschmann geht davon aus, dass Profis wie Daniel Gastl und Michael Wagner als Polizeisportler weitertrainieren dürfen. Auch bei ihnen geht es um Olympia. (m. i., ben, rost, lex)


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