Trauern 2.0 in Tirol: Corona, die Digitalisierung und das Gedenken

In Tirol gab es schon einen digitalen Grabstein. Die Pandemie veränderte das (virtuelle) Trauern einmal mehr. Eine Bestandsaufnahme anlässlich Allerheiligen.

Symbolbild
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Von Benedikt Kapferer

Innsbruck – Home-Office, Home-Schooling, Online-Party und virtuelle Spieleabende: Mit der Corona-Pandemie verlagerten sich viele Bereiche des Alltags vom analogen, öffentlichen in den digitalen, privaten Raum.

Trauerfeiern oder Begräbnisse konnten seit März bekanntlich nur eingeschränkt stattfinden. Mit Social Distancing, oder besser, physischer Distanz lässt sich Totengedenken nicht einfach umsetzen. Gerade die Zeit der Trauer erfordert körperliche Nähe und Unterstützung durch engste Vertraute und Angehörige. Eine Nähe, die unter den aktuellen Sicherheitsvorkehrungen nur schwer möglich ist.

Derzeit empfinden Betroffene den Umgang mit dem Trauern – sei es in der Zeit nach dem Tod des Angehörigen oder bei der nur eingeschränkt stattfindenden Zeremonie – häufig als besondere Last. Es sei ein beklemmendes Gefühl, wenn nahestehende Menschen einem am Friedhof nicht mehr nahestehen dürfen.

„Worte können nie so erfüllen wie eine Umarmung"

Diesen Eindruck bestätigt Christine Pernlochner-Kügler, Innungsmeister-Stellverteterin bei der Wirtschaftskammer Tirol (WK), Bestatterin und Psychologin. Im TT-Gespräch schildert sie, wie sie die eingeschränkten Feierlichkeiten auf den Friedhöfen wahrgenommen hat: „Den Menschen hat der Körperkontakt gefehlt. Worte können nie so erfüllen wie eine Umarmung."

Gleichzeitig musste man wegen der Ausgangsbeschränkungen im Frühjahr vielfach auf eine mündliche Anteilnahme setzen. Während am Arbeitsplatz oder in der Schule die Videokonferenzen und Online-Tools boomten, scheint das Trauern davon unberührt geblieben zu sein. Gerade deshalb ist es wert, anlässlich Allerheiligen und Allerseelen der Frage nachzugehen, wie sich das Gedenken im Rahmen der Corona-Krise und der Digitalisierung verändert.

Allerheiligen als Chance, um über Tod und Trauer zu sprechen

Für viele Menschen ist es seit jeher ein Brauch, an den ersten beiden Novembertagen allein oder mit der Familie den Friedhof zu besuchen. Im engsten Kreis gedenken Angehörige ihrer Verstorbenen bei den Gräbern. Sie kommen zusammen, besuchen eine Messe oder halten gemeinsam in Ruhe inne.

Mit der aktuellen Entwicklung der Zahl der Neuinfektionen wird jedoch geraten, physische Treffen einzuschränken und Ansammlungen zu vermeiden. Dadurch gestalten sich die beiden Feiertage in diesem Jahr für viele als umso größere Herausforderung. Speziell für sogenannte „Risikogruppen" ist die Rückkehr in die Isolation ohnehin schon belastend genug. So wären die beiden Feiertage eine willkommene Gelegenheit für echte Nähe und Austausch mit Familie, Freunden und Bekannten gewesen.

Dabei können Allerheiligen und Allerseelen in diesem Jahr mehr als sonst ein Anlass sein, um über die Trauer zu sprechen. Denn das Thema Tod ist häufig noch ein gesellschaftliches Tabu. Aufgrund der Fortdauer der Pandemie erfordert es jedoch einen offeneren und bewussteren Umgang. Nicht zuletzt ist das Coronavirus ein Phänomen, welches das gesamte Leben von Jung bis Alt drastisch beeinflusst. Auch die rasant voranschreitende Digitalisierung hält keineswegs still – eine Chance für eine Bestandsaufnahme über vergangene, aktuelle und zukünftige Entwicklungen.

Digitale Kondolenzen, virtuelle Grabkerzen

Mit dem Aufkommen des Internets rückten virtuelle Foren in die Mitte der Gesellschaft. Durch Facebook (gegründet 2004) oder Twitter (2006) wurden Social Media Teil des Alltags von Millionen von Menschen in Österreich. Seit der Verbreitung von Smartphones ab 2007 begleitet uns die digitale Welt auch in der Hosentasche. Laut der Website internetlivestats.com haben allein die beiden genannten Online-Netzwerke zusammen knapp drei Milliarden aktive Userinnen und User weltweit.

Professionell betreute, niederschwellige Trauerforen können allein mit dem symbolischen Anzünden einer digitalen Kerze viel bewirken.
Christine Pernlochner-Kügler, Bestatterin und Landesinnungsmeister-Stellvertreterin bei der Wirtschaftskammer Tirol

Dieser Boom in der virtuellen Kommunikation wirkte sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch auf den Umgang mit dem Tod, dem Sterben und dem Trauern aus. So entstanden neue Formen, um Anteil zu nehmen, den Schmerz zu verarbeiten und mit Angehörigen zu interagieren.

Beispiele dafür sind Internetseiten wie traueranzeigen.tt.com oder trauerhilfe.at. Letztere gehört laut WK-Branchenverteterin Christine Pernlochner-Kügler zu den ältesten Online-Plattformen für Bestattungs- und Trauerarbeit. Seit etwa 15 Jahren sei das Angebot ein Ort für digitale Todesanzeigen, Kondolenzen oder virtuelle Gedenkkerzen. Was damals bei vielen Unmut hervorrief, sei heute nicht mehr wegzudenken. „Professionell betreute, niederschwellige Trauerforen können allein mit dem symbolischen Anzünden einer digitalen Kerze viel bewirken", so die Bestatterin und Psychologin.

Ein niederschwelliger, einfacher Zugang ist zentral für Beratung und Unterstützung in einer schwierigen Zeit wie der Trauerphase. So ist etwa die Tiroler Hospiz-Gemeinschaft neben der eigenen Internetseite auch auf Facebook und Twitter aufzufinden (siehe Infobox für Anlaufstellen unten).

Petra Missomelius vom Institut für Medien, Gesellschaft und Kommunikation der Universität Innsbruck beschäftigt sich in ihrer Forschung mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf das tägliche Leben. Sie sieht die Hinwendung zum Internet als eine Möglichkeit, „Zeit und Raum zu überschreiten und Trauernden einen Platz zum Erinnern zu schaffen".

So gebe es heutzutage vermehrt das Bedürfnis, multimedial zu gedenken: mit Filmclips, Tonaufnahmen oder Fotos. Eine Entwicklung, die sich im vergangenen Jahr auch hierzulande bemerkbar machte.

Von Tirols erstem digitalen Grabstein ...

Der Friedhof selbst schien lange Zeit als ein von der Digitalisierung unberührter Ort. Neueste Technik, Klicks und Likes machten an der letzten Ruhestätte bisher noch Halt. Doch das änderte sich im Herbst 2019 mit Tirols erstem digitalen Grabstein.

Wie die TT berichtete, besitzt das Gedenkzeichen am Pradler Friedhof in Innsbruck einen eingebauten Bildschirm in der Größe eines Tablets. Dieses eröffnet mit einem QR-Code, eine Art Strichcode für einen Scan mit der Handy-Kamera, neue Wege der Interaktion. Die Technologie bildet dabei gleichsam ein eigenes soziales Netzwerk: Berechtigte Personen können etwa Kommentare hinzufügen, Bilder des oder der Verstorbenen ansehen oder deren Lieblingsmusik anhören.

Damals gab es zum digitalen Grabstein gemischte Reaktionen. Einige Gemeinden sprachen sich gegen diese virtuelle Erweiterung am Friedhof aus. Seitdem beruhigte es sich in der Sache wieder, wie Alexander Legniti von der städtischen Friedhofsverwaltung meint. Dies sei für ihn auch auf die Corona-Pandemie zurückzuführen.

Für Medienwissenschafterin Petra Missomelius ist die hybride Form des digitalen Grabsteins aus heutiger Sicht durchaus interessant. Gerade in Zeiten der Pandemie könne er geografisch verstreute Angehörige mit den Trauernden vor Ort verbinden. Die Vernetzung über weite Entfernungen ist bei der derzeit eingeschränkten Mobilität für viele das Gebot der Stunde.

... zu neuen Wegen in Corona-Zeiten

Vor einem Jahr fertigte die Tiroler Firma Steinmetz Lutz den ersten digitalen Grabstein im Land an. Laut Peter Lutz hat es seitdem die eine oder andere Anfrage gegeben, aber vorerst sei kein weiteres Exemplar mehr umgesetzt worden.

Stattdessen zwingt die Corona-Pandemie die Branche zum Umdenken. Der Steinmetz wendet sich daher bereits einem nächsten Projekt in der digitalen Trauerarbeit zu. Derzeit laufe eine Testphase für eine eigene Videokonferenz-Plattform: „Home Grieving", also „Trauern Zuhause".

Dabei gehe es Lutz keineswegs um einen Ersatz traditioneller Trauerzeremonien. Vielmehr wolle er ein geeignetes Programm für die aktive Vernetzung von Angehörigen in der Phase der Trauer anbieten. „Durch die Covid-Pandemie hat sich auch die Friedshofskultur verändert", ist er überzeugt. Die Software soll sich nach den Wünschen der Kunden orientieren und vielfältig gestaltbar sein. Ob sie sich im großen Technik-Teich gegen etablierte Dienste wie Skype, Zoom & Co. behaupten kann, ist allerdings fraglich.

Bei Bestattungsfirmen ist eindeutig von einem „Digitalisierungsschub" zu sprechen, wie Christine Pernlochner-Kügler einschätzt. Viele hätten laut der Innungsmeister-Stellvertreterin ihre Kataloge erstmals digitalisiert und online gestellt. Die einst mehrstündigen, sehr persönlichen Beratungsgespräche konnten während dem Lockdown nur per Telefon oder Email abgewickelt werden. Der zwischenmenschliche Kontakt mit den Kunden fiel gänzlich weg.

Die Bestatterin ist sich hinsichtlich der digitalen Möglichkeiten während der Trauer dennoch sicher: „In Zeiten wie diesen ist es ein Behelf, aber es kann den persönlichen Kontakt und die Begegnung nicht ersetzen."

Home-Schooling, Home-Office und bald auch Home-Grieving? Die Covid-Pandemie hinterlässt auch in der Trauerarbeit ihre Spuren. Ob neue Formate auf große Nachfrage stoßen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Doch Videokonferenzen und QR-Codes bleiben nicht länger die einzigen Innovationen am digitalen Horizont.

Was die Zukunft bringt: Künstliche Intelligenz?

Fest steht, dass sich das Trauern und allgemein der Alltag mit der fortlaufenden Digitalisierung ständig weiter entwickeln. Insbesondere Technologien wie künstliche Intelligenz (KI) scheinen neue Wege zu eröffnen.

Dabei sind der Einfluss von Algorithmen, das Aufkommen von Robotern oder die Wirksamkeit von maschinellem Lernen genau zu beobachten. Letzteres beschreibt die Verbesserung von Systemen, Software oder Abläufen, indem große Datenmengen ausgewertet werden.

Einen noch fiktiven Vorgeschmack auf ein Trauern in der Zukunft bietet die Episode „Wiedergänger" (im Original „Be Right Back") der Netflix-Serie Black Mirror. Die erste Folge der zweiten Staffel aus dem Jahr 2013 lässt einen Verstorbenen für seine Witwe als virtuelle Erscheinung und schließlich als authentischen Roboter zurückkehren. Die künstliche Intelligenz ermöglicht die Simulation auf Basis seiner Social-Media-Profile und Aktivitäten.

Die Art und Weise, wie ich mit digitalen Angeboten umgehe, ist entscheidend. Man darf sich nicht darin verlieren.
Alexander Legniti, städtische Friedhofsverwaltung Innsbruck

Was befremdlich klingen mag, ist eine Anregung dazu, sich des eigenen digitalen Fußabdrucks im World Wide Web bewusst zu sein. So gilt es, die gesellschaftlichen und technischen Veränderungen im Trauern und Gedenken aufmerksam zu beobachten und selbst mitzugestalten. Wie Alexander Legniti von der Innsbrucker Friedhofsverwaltung meint, kann das Digitale durchaus eine Hilfe sein. „Die Art und Weise, wie ich damit umgehe ist aber entscheidend. Man darf sich nicht darin verlieren."

Für Medienwissenschafterin Petra Missomelius sind all diese digitalen Phänomene eine Erinnerung daran, „dass unsere kulturelle Entwicklung trotz Lockdowns und Pandemie nicht stillsteht".

Kein Stillstand trotz Lockdowns und Pandemie. Eine Einsicht, die es wert ist, sich gerade zu Allerheiligen bewusst zu machen.

Anlaufstellen: Hilfe im Trauerfall

  • Tiroler Hospiz-Gemeinschaft: https://www.hospiz-tirol.at/
  • Kostenlose Telefonseelsorge der Diözese Innsbruck rund um die Uhr: ohne Vorwahl erreichbar unter 142, https://www.dibk.at/Media/Organisationen/Telefonseelsorge-Innsbruck
  • Corona-Sorgen-Hotline des Psychosozialen Krisendienstes Tirol und der Diözese Innsbruck: 0800 400 120 (täglich von 8 bis 20 Uhr)
  • Krisenintervention des Roten Kreuzes: Notruf 144
  • Rainbows Tirol – Hilfe für Kinder und Jugendliche in schwierigen Zeiten: 0512 57 99 30 oder 0650 9578869

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