Unabhängig von Ausgang: "Kein Zurück zu traditionellem Verhältnis zu EU"

EU-Experte Stefan Lehne vom Carnegie-Think Tank erwartet ein Jahrzehnt das von der Rivalität zwischen USA und China geprägt sein. Biden würde versuchen "Europäer als Allianzpartner" zu gewinne. Trump hingegen würde die EU weiter auseinanderdriften lassen.

Auszählung der Stimmen in Detroit. Es droht einen wochenlange Hängepartie.
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Brüssel, Washington, EU-weit – Unabhängig vom Ausgang der aktuellen US-Wahl erwartet der EU-Experte Stefan Lehne "kein Zurück zum traditionellen transatlantischem Verhältnis" zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. "Auf jeden Fall wird dieses Jahrzehnt von der Rivalität zwischen den USA und China geprägt sein", erklärte der österreichische Polit-Analyst vom Brüsseler Thinktank Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden (CEIP).

Während der amtierende US-Präsident Donald Trump alle Bündnispartner geringschätze, werde Herausforderer Joe Biden "die Europäer als Allianzpartner gegenüber China gewinnen und instrumentalisieren wollen", lautet seine Prognose. Der Spielraum für Europa könnte sich damit "eher enger" gestalten. "Nachdem China der zweitwichtigste Handelspartner ist, wird dies eine heikle Angelegenheit werden", ist Lehne der Meinung.

"Lähmung der USA durch monatelanges Chaos für alle schädlich"

Die große Mehrheit der EU-Regierungen hofft seiner Ansicht nach "sicher" auf einen Sieg von Biden, allerdings habe auch Trump "seine Fans in einigen östlichen Mitgliedstaaten", so seine Einschätzung. "Alle wünschen sich, dass es zumindest ein klares Ergebnis gibt. Eine Lähmung der USA durch monatelanges Chaos wäre für alle schädlich." Als vorbereitet auf einen neuen US-Präsidenten sieht der österreichische Experte die EU nicht unbedingt an.

Die EU und die Mitgliedstaaten sind derzeit voll mit dem Corona-Krisenmanagement ausgelastet. Die Außenpolitik wurde weitgehend zurückgefahren.
Stefan Lehne

Für den Fall, das US-Präsident Trump im Amt bleibt, erwartet Lehne kein Zusammenrücken, sondern eher ein Auseinanderdriften der EU-Mitglieder sowie die Besinnung auf das Eigeninteresse und das Verhältnis jedes einzelnen EU-Landes zu den USA. "So wünschenswert die erste Alternative wäre, die zweite erscheint mir wahrscheinlicher", kommentierte Lehne die beiden Szenarien. "Man konnte in den letzten vier Jahren kein besonderes Zusammenrücken der Europäer feststellen. Trump wäre weiterhin äußerst negativ zur EU und vermutlich in der Lage, die Haltung verschiedener Mitgliedstaaten durch bilateralen Druck zu beeinflussen."

Die gegenwärtigen Brexit-Verhandlungen werden laut dem Politanalysten durch das US-Wahlergebnis "kaum beeinflusst", er erwartet jedoch, dass das Verhältnis zwischen Großbritannien und den USA zumindest zu Beginn bei einer Präsidentschaft Bidens "schwieriger" wäre. "Während Trump Johnson (Premierminister Boris, Anm.) als 'britischen Trump' schätzt, gehören Bidens Leute zu den Brexit-Skeptikern". (APA)


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