New York City: Wahlkater, Skepsis und ein Meer an Polizei

Die Wahlnacht in den USA ist ohne größere Ausschreitungen über die Bühne gegangen. Trumps Verhalten nach der Wahl bereitet den New Yorkern jedoch Kopfzerbrechen. "Immer noch Amerika, aber nicht mehr die Vereinigten Staaten von Amerika"?

Proteste in New York gegen die Republikaner.
© KENA BETANCUR

Von Marietta Steinhart/APA

New York City – Wir für alle Amerikaner gibt es auch Tage nach der eigentlichen Wahl für die New Yorker immer noch wenig Klarheit darüber, wer nun der nächste US-Präsident sein wird. Einer davon ist der berühmte Schriftsteller André Aciman, der sich wie so viele Menschen in der tiefblauen (als von Demokraten-Anhängern bevölkerten) Weltmetropole Sorgen um den Zustand seines Landes macht: "Ich denke, wir sind immer noch Amerika, aber wir sind nicht länger die Vereinigten Staaten."

Der in Ägypten geborene, amerikanische Autor des Erfolgsromans "Ruf mich bei deinem Namen" lebt in New York City, seitdem seine Familie 1968, als er siebzehn Jahre alt war, hierher auswanderte. Er geht gerade im Central Park spazieren, sagt er am Telefon der APA, und hört Marcel Prousts Roman "Im Schatten junger Mädchenblüte".

Ablenkung ist wohl dringend notwendig. So wie viele Menschen in den USA ist auch er verwirrt darüber, dass jemand wie Donald Trump von so vielen Amerikanern gewählt wurde, auch "weil die Umfragen darauf hinwiesen, dass Biden durch Amerika fegen würde - und das hat er nicht".

Versteckter Rassismus für Trump-Stimmen verantwortlich?

"Fünfzig Prozent des Landes haben für Trump gestimmt", sagt der 69-Jährige. "Das liegt nicht an Corona. Das liegt nicht daran, Amerika wieder großartig zu machen. Das liegt nicht an den Steuern der Reichen oder der Armen. Es hat mit Rassismus zu tun. Anders ausgedrückt: Menschen verstecken die meiste Zeit ihren Rassismus. Aber das macht jetzt alles sichtbar. Denn welchen möglichen Grund könnten Sie haben - außer Sie sind ein Idiot - für jemanden zu stimmen, der ein Lügner ist?"

Er ist nicht der einzige, der enttäuscht ist. Um gegen Rassismus zu demonstrieren hat sich wie jede Woche seit dem Sommer am Donnerstagabend eine kleine Menge von ein paar hundert friedlichen Menschen vor dem Stonewall Inn versammelt, um schwarze Transfrauen vor der berühmten West Village Bar singen und sprechen zu hören. "Diese Wahl unterscheidet sich nicht von der letzten Wahl", ruft eine Transfrau ins Mikrofon. "Schwarze waren nie frei. Im Jahr 2020 stimmen wir immer noch ab, damit wir leben können. Wir haben nichts zu verlieren außer unsere Ketten."

Viele Journalisten sind gekommen. Es ist ein seltsames Bild, das sich einem hier bietet und über das sich auch Passanten wundern. Eine Menge von NYPD-Polizisten steht in voller Montur mit Fahrrädern um die friedliche, regenbogenfarbene Gruppe herum. Wohl deshalb, weil es Mittwochabend Ausschreitungen und Verhaftungen bei einem friedlichen Marsch in der Stadt gegeben hatte.

Gewaltvorwürfe gegen New Yorker Polizei

Nach der Ankündigung Trumps, er wolle vor den Supreme Court ziehen, damit keine weiteren Stimmen nach der Schließung der Wahllokale mehr ausgezählt würden, gingen Hunderte von New Yorkern auf die Straße. "Die Gewalt ging von der New Yorker Polizei aus und nicht von den Demonstranten", sagt der 29-jährige Sozialist Kevin Nance. "Die Polizei warf Leute über Mistkübel. Sie trampelten sie nieder."

New York City ist tiefblau, also "demokratisch". Hier stehen abends keine MAGA-Anhänger vor dem Trump Tower. Manhattan ist die Insel der Demokraten. 84,5 Prozent stimmten hier für Joe Biden, aber die Polizeigewerkschaft steht hinter Trump. Die Polizei forderte die Geschäfte auch dazu auf, ihre Fensterläden mit Holzbrettern zu verriegeln - aus Angst vor Krawallen wie man sie im Frühjahr während der Black Lives Matter-Proteste gesehen hat. Und tatsächlich haben sich die meisten Geschäfte auf der berühmten 5th Avenue verbarrikadiert.

Im Grunde sind die bürgerkriegsähnlichen Tumulte, die man hier erwartet hat, allerdings bisher völlig ausgeblieben. Die Straßen und U-Bahnen sind menschenleer. An jeder Ecke in Manhattan stehen Polizisten, so viele, dass ein Protestierender die Stadt mit einem "Polizeistaat" vergleicht.

Betrugsvorwürfe ohne Basis aus dem Weißen Haus

Am Donnerstag hat Trump behauptet, die derzeit in Swing States gezählten legalen Briefwahlzettel seien "illegal" und Teil einer verschwörerischen demokratischen Maschine. Experten und Beobachter sehen diese Aussagen als falsch an. Der Amtsinhaber hat sich am 4. November frühzeitig zum Sieger erklärt, nach dem Stopp von Briefwahlauszählungen gerufen und mit Klagen gedroht.

"Jeder hält diese Bedrohungen für frivol - und sie sind frivol", sagt Aciman. "Die Stimmen werden auf die normalste Art und Weise gezählt, die man sich vorstellen kann."

Man ist vorsichtig optimistisch, aber niemand macht sich hier Illusionen: "Dieser Kerl ist ganz offensichtlich ein Scharlatan und niemand hat erwartet, dass er Sinatras 'My Way' singend abtritt", meint Kevin Nance, "er wird sich mit Händen und Füßen wehren." Er hat keinen von beiden gewählt, weil sich "beide nicht für die Arbeiter einsetzen".

"Trump wird nicht so einfach gehen"

"Hoffentlich gewinnt Biden", meint ein Türöffner, der am Eingang eines Hauses arbeitet und dann resignierend sagt, "aber es könnte sich noch bis Februar hinziehen.... Trump wird nicht so einfach gehen."

Die Spannungen bleiben auf einem Allzeithoch. Selbst wenn Joe Biden der nächste Präsident der USA sein sollte, so bleibt auch Aciman skeptisch: "Ich denke, es gibt Hoffnung, weil es im amerikanischen System eine Art Widerstandsfähigkeit gibt, die sich selbst korrigieren kann", sagt er, aber "ich fürchte, wenn er zum zweiten Mal Präsident wird, wird der Schaden zwei Generationen lang anhalten, weil er alle Institutionen zerstören wird. Es wäre sehr ähnlich wie ein Putsch. Und wir sind noch nicht am Ende angelangt. Selbst wenn er verliert, wissen wir nicht, welche Auswirkungen dies auf seine Anhänger haben wird."


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