Erste Bilanz nach Lockdown: Nur mehr ein Viertel der Fälle rückverfolgbar

Die Corona-Krise gerät in Österreich offenkundig außer Kontrolle. Zuletzt wurde nur noch bei 27 Prozent der Infektionsfälle die Quelle geklärt. Gesundheitsminister Anschober will vorerst keine weiteren Corona-Maßnahmen wie Schulschließungen, so lange man nicht weiß, wie der Lockdown wirkt. Erst nächsten Freitag werde man entscheiden, ob weitere Schritte nötig sind.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).
© HERBERT NEUBAUER

Wien - Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) will vorerst keine weiteren Corona-Maßnahmen wie Schulschließungen, so lange man nicht weiß, wie der Lockdown wirkt. Erst Freitag kommender Woche will die Regierung zusammentreten und entscheiden, ob weitere Schritte nötig sind. Sollte sich allerdings die Lage in einem bestimmten Bereich dramatisch verändern, könnte man auch kurzfristig eingreifen. Das sagte er bei einer Pressekonferenz am Freitag in Wien.

Evaluierung am nächsten Freitag

Zur Wirksamkeit des Lockdowns, der am Dienstag in Kraft getreten war, könne man jetzt noch keine Aussagen treffen, meint Anschober. Das würde zumindest zehn Tage dauern, weshalb es die Evaluierung am kommenden Freitag, dem 13. November geben werde.

Der erste Lockdown in Österreich wurde auch ein einem Freitag, dem 13. verkündet - im März. Der Gesundheitsminister rechnet jedenfalls mit einer "spürbaren Stabilisierung" in der kommenden Woche. Erste Priorität sei nun, Triagen in Spitälern zu verhindern und sicherzustellen, dass die Kapazitäten im Gesundheitsbereich ausreichen.

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"Ein Wettlauf mit der Zeit"

Noch sei es nicht erforderlich, dass Patienten von einem ins andere Bundesland verteilt werden müssen. In der zweiten Novemberhälfte bewege man sich aber "in Richtung Kapazitätsgrenzen", sagte Anschober. Dann könnten Triagen notwendig werden, in denen Ärzte wählen müssen, welche Patienten hochprofessionelle Behandlungen erhalten - und welche nicht.

"Wir müssen verhindern, dass Österreich in diese Situation kommt", wiederholte Anschober seinen Appell, dass die Bevölkerung ihre Kontakte reduzieren muss. "Es ist ein Wettlauf mit der Zeit", konstatierte der Gesundheitsminister.

"Gesundheitssystem stößt an seine Grenzen"

421 Covid-19-Patienten mussten am Freitag auf Intensivstationen behandelt werden. Für 18. November werden 750 Personen auf Intensivstationen prognostiziert, sagte Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH. Damit stößt das Gesundheitssystem an seine Grenzen. Insgesamt in Spitalsbehandlung sollen laut der Prognose dann 3.500 Patienten sein - am Freitag waren es bereits 2.504 Patienten. Ostermann betonte, dass die Prognosen aber darauf basieren, dass die Maßnahmen befolgt werden und eine dämpfende Wirkung haben.

Der Gesundheitsminister habe zunehmend eine guten Eindruck, dass die Beschränkungen eingehalten werden. Das Bewusstsein, dass die Situation ernsthaft sei, komme zunehmend bei der Bevölkerung an, meldeten Bezirkshauptleute dem Gesundheitsminister. Anschober selbst sei gestern noch spät mit seinem Hund eine Runde gegangen - wie er ja dürfe - und da sei praktisch niemand mehr in den Öffis oder draußen unterwegs gewesen, außer ein paar Läufer.

Nur noch 27 Prozent der Infektionsfälle geklärt

Fakt ist: Zuletzt wurden nur noch bei 27 Prozent der Infektionsfälle die Quelle geklärt. In der Kalenderwoche 39 gab es noch einen zufriedenstellenden Anteil an nachverfolgten Fällen, dieser Wert sei aber stark gesunken. Bei 72 Prozent der Fälle sei die Infektionsquelle unklar, erläuterte Daniela Schmid, Sprecherin der Corona-Kommission.

Es wurde allerdings betont, dass die Zuordnung der Fälle in der jetzigen Lage mehr Zeit beansprucht, da bei tägliche mehreren tausend neuen Infektionsfällen natürlich auch die Kontaktpersonen-Nachverfolgung mehr Zeit in Anspruch nimmt. Dadurch verzögert sich die Quellensuche, es ist aber davon auszugehen, dass sich in den kommende Wochen die Zahl der geklärten Infektionsquellen wieder erhöht, erläuterte Schmid.

Vorerst keine Schulschließungen

Unterdessen nimmt der Altersdurchschnitt weiter zu und liegt derzeit bei 43 Jahren. Der Fokus liegt bei den unter 25-Jährigen, da es darum geht, zu erforschen wie viele Ansteckungen im Bildungsbereich stattfinden. Nach wie vor stellen Schulen für zehn bis 14-Jährige keine relevanten Cluster dar.

Derzeit gebe es keine zunehmende Übertragungsaktivität zwischen den Schülern - meist wird das Virus von Erwachsenen in die Schulklassen eingeschleppt, sagte Schmid. Die zweite Gruppe, die im Fokus steht, sind die über 60-Jährigen. Dabei wolle man verstehen, welche Risikogruppe innerhalb dieser Altersgruppe auch verstärkt eine Behandlung im Krankenhaus brauchen.

Steigende Zahl an Fällen in Pflegeheimen

In Alten- und Pflegeheimen gebe es eine spürbar deutlich steigende Zahl an Fällen - österreichweit, erläuterte Anschober. Deswegen wird bei den Schutzmaßnahmen (Hygienekonzepte, Masken tragen etc.) in diesem Bereich noch einmal nachjustiert, es soll auch mehr getestet werden.

Der Gesundheitsminister forderte, dass beim Contact Tracing unbedingt die Wahrheit gesagt werden müsse, damit auch alle Kontaktpersonen kontaktiert werden können. Kontaktpersonen sollen selbstständig Verantwortung übernehmen und sich in Quarantäne begeben, sagte Schmid. Das Kontaktpersonenmanagement werde jedenfalls voll und ganz aufrechterhalten bleiben, betonte Anschober.

Intensivbetten-Auslastung stieg von elf auf 19 Prozent

Das am Freitag veröffentlichte Arbeitsdokument der Corona-Kommission zeigt österreichweit eine Zunahme der Auslastung von ICUs (Intensivstationen) von elf auf 19 Prozent (Stichtag Mittwoch der Kalenderwoche 44 bzw. 45). Vorarlberg hebt sich mit 49 Prozent Intensivbetten-Auslastung weit vom Durchschnitt ab. Österreichweit werden für 18. November 750 Personen auf Intensivstationen prognostiziert, in einer Woche stieg deren Zahl von 224 auf 383 und damit um 70 Prozent.

Die Zahlen für die Risikoeinstufung der Kommission zeigen die zum Teil extremen regionalen Unterschiede bei der Entwicklung der Intensivpatienten auf: So lag die Auslastung in Vorarlberg in der Vorwoche bereits bei rund 22 Prozent - also über dem aktuellen Durchschnitt in ganz Österreich -, in Zahlen bedeuten die Plus 49 Prozent in Vorarlberg eine Verdopplung von elf auf 25. Am Donnerstag stieg der Belag noch einmal um zwei Personen, und dieser Trend war noch nicht zu stoppen, denn Vorarlberg verzeichnete auch eine Rekordzunahme an Neuinfektionen und einen Höchststand an aktiv Infizierten über der Marke von 3.000.

Tirol und Oberösterreich sind die zwei weiteren Bundesländer, bei denen die Zahl der belegten Intensivbetten über dem bundesweiten Schnitt von 19 Prozent liegt: 20,2 bzw. 25,1 war hier die Auslastung am Stichtag dieser Woche nach 9,3 bzw. 13,6 in der Woche davor. Nachdem sich die positiven Auswirkungen des Lockdown seit Dienstag erst nach zehn bis 14 Tagen in der Statistik niederschlagen werden und auch die Krankenhausaufenthalte ebenfalls zeitverzögert zur Infektion mit SARS-CoV-2 erfolgen, wird sich dieser Trend auch in der kommenden Woche fortsetzen.

Die Entwicklung bei der prozentuellen Anzahl an positiven PCR-Tests zeigt ebenfalls einen negativen, ansteigenden Trend: Waren es vor vier bzw. drei Wochen österreichweit - bei leicht angestiegener Zahl an Tests - noch sechs und acht Prozent, gibt es jetzt eine Positivitätsrate von 18,5 Prozent bis Mittwoch, nach 13,5 in der Woche davor. Damit rangiert Österreich weit über der WHO-Positivitätsrate von fünf Prozent, die in Deutschland zuletzt bei 7,5 Prozent gelegen ist. Ihre Höhe ist ein Indiz für die Anzahl der übersehenen Fälle und liegt in der aktuellen Kalenderwoche in Oberösterreich bereits bei alarmierenden 25 Prozent und bei 30 in Vorarlberg, also den beiden Bundesländern, die jetzt schon den höchsten Grad der Auslastung im Intensiereicreich haben.


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