Konkurswelle befürchtet: „Unternehmer wurden zu Bittstellern degradiert““

Klaus Hilber, Präsident von Tirols Steuerberatern, fürchtet eine Konkurswelle. Ökonom Leonhard Dobusch warnt vor Überförderung.

© Michael Kristen

Von Alexandra Plank

Innsbruck – Fünf Tage ließ sich Finanzminister Gernot Blümel Zeit, bis er am Freitag den Umsatzersatz konkretisierte, die TT berichtete. Für den Zeitraum der angeordneten Schließung wird den betroffenen Betrieben 80% ihres Umsatzes ersetzt, Basis ist der November-Umsatz 2019, der anhand der Steuerdaten automatisch berechnet wird. Der maximale Auszahlungsbetrag pro Unternehmen ist mit 800.000 Euro gedeckelt, bestimmte Corona-Hilfen müssen gegengerechnet werden, etwa Landesförderungen oder 100-Prozent-Garantien für Kredite. Der Fixkostenzuschuss und die Kurzarbeit werden indes nicht abgezogen. Umsätze von Restaurants mit Essenslieferung oder in Hotels aus Geschäftsreisen zählen auch nicht. Geplant sind zudem Hilfen für Firmen, die nicht direkt vom Lockdown betroffen sind.

Für Klaus Hilber, Präsident der Tiroler Steuerberater, kommen die konkreten Angaben zum Umsatz-Ersatz reichlich spät. Im Minutentakt wandten sich Unternehmer und Kollegen im Laufe der Woche an ihn, die Ankündigung warf viele Fragen auf. Die Lage sei Ernst: „Es ist eine Katastrophe, wenn den Unternehmen nicht rasch geholfen wird, weil Betriebe und Arbeitsplätze verloren gehen.“ Den Hilfen im Frühjahr stellt der Experte kein gutes Zeugnis aus: „Die Unternehmer wurden zu Bittstellern degradiert. Es gibt keine Bescheide und keine Rechtsmittel bei den Hilfen – gegen Ablehnungen kann man sich quasi nicht wehren.“ Rasche, unbürokratische Hilfe sei versprochen worden, doch Zahlungen nach Epidemiegesetz für den März praktisch noch gar nicht erfolgt. „Relativ gut hat der Härtefond funktioniert, doch dieses Geld reicht nur um privat halbwegs durchzukommen.“ Als „Frechheit“ bezeichnet er gar das Totalversagen des Familienfonds.

„Sehe die Gefahr einer Überförderung"

Leonhard Dobusch, BWL-Professor an der Universität Innsbruck und Co-Leiter des Momentum Instituts differenziert: „Den Firmen wurden mittels Kurzarbeit schnell die Personalkosten abgenommen, auch wenn die Abrechnung wegen der zu dünnen Personaldecke im AMS gedauert hat.“ Haftungen, Bankkredite und Steuerstundungen seien auch recht rasch bei den Firmen angekommen. Doch allein aus Salzburg und Tirol gebe es 10.000 Anträge von Betrieben, die auf die Auszahlungen des Verdienstentgangs warten. Die nunmehrige Regelung sei großzügig.

„Im ersten Lockdown habe ich 1000 Euro pro Monat Soforthilfe bekommen, das reichte gerade für die Miete.“ Lorena Tomasini (Vermögensberaterin seit 2019)
© Tomasini

Die erwarteten Umsätze für November 2020 würden wegen der Pandemie auch ohne Lockdown weit unter den Umsätzen des Vorjahres liegen, so Dobusch. „Ich sehe die Gefahr einer Überförderung. Viele Unternehmen haben nicht mehr den Personalstand von 2019, bekommen die Kosten aber trotzdem fiktiv ersetzt. Auch jene, die Leute in Kurzarbeit behalten haben, werden doppelt bezahlt.“ Dazu kämen geringere variable Kosten etwa für Waren- und Materialeinsatz, während des Lockdowns. Über einen fairen Umsatzersatz könne man reden. Eine Doppelt- und Dreifachförderung scheine ihm indes fragwürdig.

Es gelte, den Konsum anzukurbeln. Niederen Einkommensschichten solle man mehr Geld geben, etwa mit höherem Arbeitslosengeld: „Den stärksten volkswirtschaftlichen Effekt haben Hilfsmaßnahmen für Geringverdiener, die mit mehr Geld unmittelbar die Wirtschaft beleben.“ Weiters müsse die Kontaktnachverfolgung massiv ausgebaut werden. So könne vielleicht ein dritter Lockdown verhindert werden. Die Einstellung von 10.000 Contact-Tracern, würde nicht nur gegen die Pandemie, sondern auch die Wirtschaftskrise helfen: „Ein paar Millionen für Contact-Tracer sind nichts im Vergleich zu den Milliarden, die ein weiterer Lockdown kostet.“

Lorena Tomasini, Vermögensberaterin: „Ich habe meine Firma im August 2019 gegründet. Durch den ersten Lockdown konnte ich keine neuen Kunden ansprechen. Jetzt könnte ich die Menschen besuchen, aber viele haben Vorbehalte. Das verstehe ich, weil sie meinen, mein Erstgespräch hätte zu wenig Priorität. Ich werde natürlich versuchen, meine Beratung digital zu machen. Während des ersten Lockdowns habe ich an Soforthilfe 1000 Euro pro Monat bekomme, das reichte gerade für die Miete. Ohne Angestellte kommt man schon irgendwie durch. Jetzt schaue ich, ob ich 80 Prozent Umsatzentfall bekomme.“

„80 Prozent Umsatz­ersatz klingt toll, aber 80 Prozent von null ist null. Normal ist zu, jetzt gibt es Take-away.“ Barbara Kometer (Hotelierin, St. Anton, 10 Mitarbeiter)
© Kometer

Daniel Pehböck, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin: „Ich habe 2016 meine Firma Simulation. Tirol gegründet. Wir veranstalten medizinische Fortbildungen für Ärzte und medizinisches Fachpersonal. In meinem Unternehmen arbeiten drei Mitarbeiter. Hinsichtlich der Hilfen für den ersten Lockdown, habe ich bis dato nur Gelder aus dem Härtefallfonds ausbezahlt bekommen. Der versprochene Fixkostenzuschuss wurde zwar Ende Juni genehmigt, aber bisher leider noch nicht überwiesen. Ich fühle mich von unserern Politikern betrogen und auch in dieser schwierigen Zeit im Stich gelassen.“

Barbara Kometer, Hotelierin: „Wir haben in St. Anton einen Familienbetrieb mit zehn Mitarbeitern. Das Problem im Frühjahr war, dass das Epidemiegesetz ausgehebelt wurde. Vom Härtefonds haben wir schnell etwas bekommen, aber das war ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir mussten die Saison beenden, nun sind die Mitarbeiter in Kurzarbeit. 80 Prozent vom Umsatz des Vorjahres klingt toll, aber da ist normal zu und 80 Prozent von Null sind Null. Wir bieten Take away an, dafür hätten wir eine Vorlaufzeit gebraucht. Wir bleiben optimistisch. Die St. Antoner sollen wenigstens ihr Martini-Ganserl bekommen.“


Kommentieren


Schlagworte