Erst ab 38°C zu Hause bleiben: Umstrittene Empfehlung für Volksschüler

Ein Leitfaden der oberösterreichischen Bildungsdirektion sorgt für Diskussionen und Gegenwind von Experten. Es gebe weder eine magische Alters- noch Symptomgrenze. Heimische Kinderärzte sprechen sich für bessere Präventionsmaßnahmen innerhalb von Schulen statt Schließungen und Distance Learning aus.

Kinderärzte setzen sich dafür ein, dass Schulen nicht geschlossen werden.
© HELMUT FOHRINGER

Wien – In der Debatte um den Schulbesuch in Corona-Zeiten hat am Wochenanfang ein Leitfaden der oberösterreichischen Bildungsdirektion für Diskussionen in sozialen Medien und Experten-Kritik gesorgt. Demnach müssen Kinder mit leichten Symptomen „banaler" Atemwegsinfektionen auch mit Körpertemperatur bis knapp unter 38 Grad der Schule nicht zwingend fernbleiben. Diese Empfehlung entspricht jener von Gesundheits- und Bildungsministerium, hieß es aus dem Gesundheitsressort zur APA.

Die Bildungsdirektion in Oberösterreich, wo zuletzt die Fallzahlen der Neuinfektionen überdurchschnittlich stark anstiegen, hat am 6. November eine neue Version ihres Dokuments „Schule im Herbst 2020" veröffentlicht. „Kinder mit leichten Symptomen, wie etwa Husten, Schnupfen, Atemwegssymptomen, jeweils ohne Fieber (d.h. Körpertemperatur unter 38°C), müssen nicht der Schule fernbleiben und gelten auch nicht als COVID-19-Verdachtsfall", heißt es in den Empfehlungen für Schüler bis zum Ende der vierten Schulstufe.

Gleichzeitig wird im aktuellen Dokument auch empfohlen, dass der Schule fernzubleiben ist, „wenn aufgrund einer Erkrankung dem Unterricht nicht gefolgt werden kann. Dies gilt in jedem Fall bei allen fieberhaften Erkrankungen." Zuvor war an gleicher Stelle die Rede davon, dass ein Kind „ab einer Körpertemperatur von 37,5 °C oder bei plötzlichem Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns" jedenfalls zu Hause bleiben soll.

Verwiesen wird dabei auf Empfehlungen des Bundes, die in den COVID-19-„Hygiene-, Präventions- und Verfahrensleitlinien für Gesundheits- und Bildungsbehörden" festgeschrieben sind (herausgegeben von Gesundheits- und Bildungsministerium am 22. Oktober) – und die eine ähnliche Empfehlung aussprechen: „Es ist daher nicht zielführend, dass v. a. bei Kindern bis zum Ende der 4. Schulstufe unspezifische Symptome 'banaler' Atemwegsinfektionen (saisontypische Erkältungszeichen wie z. B. Schnupfen, milder Husten, jeweils ohne Fieber ((d. h. Körpertemperatur unter 38° C)) als klinische Alleinstellungsmerkmale einer SARS-CoV-2-Infektion zu interpretieren sind, die ein Fernbleiben von der Bildungseinrichtung notwendig machen."

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

TT ePaper

Andere Maßstäbe für Erwachsene und ältere Kinder

Für Kinder ab der fünften Schulstufe und für Erwachsene gilt hingegen, dass diese der Bildungseinrichtung fernbleiben sollen, sofern Symptome einer „akuten respiratorischen Infektion mit oder ohne Fieber" vorliegen (und diese Infektion entweder von Husten, Halsschmerzen, Kurzatmigkeit oder plötzlichem Verlust des Geschmacks-/Geruchssinnes begleitet wird). Unabhängig vom Alter sollen Kinder, die sich subjektiv krank fühlen bzw. Symptome aufweisen, „die ein regelrechtes Folgen des Unterrichts verhindern", daheimbleiben. Seitens des Gesundheitsministeriums wurde gegenüber der APA auch auf ein weiteres, gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) herausgegebenes Dokument verwiesen: Dass (erst) „größer gleich 38 Grad bei Kindern als Fieber gesehen wird" werde auch von der ÖGKJ so gesehen, hieß es aus dem Ressort.

Kritik an diesen Empfehlungen kommt vom Mikrobiologen Michael Wagner von der Universität Wien. Es gebe „keine magische Altersgrenze", ab der die Betroffenen für das Infektionsgeschehen keine Rolle spielen, sagte Wagner zur APA. „Und es gibt auch keine magische Symptomgrenze. Niemand kann anhand der Symptome sagen, ob ein Kind infiziert ist oder nicht infiziert ist." Auch sei die reine Fokussierung auf Atemwegsinfekte nicht unbedingt zielführend, denn bei Covid-19 kommen bei Kindern ja etwa auch Magen-Darm-Symptome vor.

Es gibt keine magische Symptomgrenze. Niemand kann anhand der Symptome sagen, ob ein Kind infiziert ist oder nicht infiziert ist.
Mikrobiologe Michael Wagner

Keine Gefahr für Kinder, sie tragen Virus aber nach Hause

Es gehe bei seiner Kritik um die Frage der Ausbreitung der Pandemie, nicht um das individuelle Kindeswohl, betonte Wagner: „Für die Kinder besteht in aller Regel keine Gefahr", würden diese doch kaum oder meist nur mild erkranken. „Aber die Kinder tragen das Virus nach Hause." Und Wagner verweist auch darauf, dass durchaus „Doppelinfektionen" vorkommen könnten: Erkranken Kinder an banalen Infekten und tragen auch das Corona-Virus in sich, so steige aufgrund der Erkältungssymptome (wie etwa Husten) die Gefahr der Verbreitung auch der Corona-Viren.

Als „katastrophal" beurteilt Wagner eine bis Montagmittag auf der Webseite der oberösterreichischen Ärztekammer abrufbare Empfehlung für das „Ordinationsmanagement bezüglich COVID 19". Dort hieß es unter anderem: „Kinder unter 10 Jahren werden im Regelfall NICHT getestet" und „Jugendliche und Erwachsene werden im Regelfall auch nicht getestet (...), außer der behandelnde Arzt entscheidet sich (...) für einen Test". Darüber hinaus sei es auch nicht nötig, alle Coronafälle zu detektieren: „95% der Infektionen verlaufen asymptomatisch oder maximal als grippaler Infekt, gelegentlich verbunden mit Fieber." Und: „Es muss zunehmend (auch medial) eine Entdämonisierung von SARS-CoV-2 stattfinden", lautete die Empfehlung.

Auf APA-Anfrage hieß es seitens der Ärztekammer Oberösterreich am Montag, der Text sei nicht mehr aktuell, es gelte die Vorgabe der Bundeskurie niedergelassener Ärzte. Am späteren Montagnachmittag wurde der Text dann offline genommen und durch jene der Bundeskurie ersetzt. Wagner sagte dazu, die Empfehlung sei wochenlang abrufbar gewesen. Er ortete ein „politisches Narrativ", indem man Kinder unter zehn Jahren nicht testet und danach erklärt, Kinder würden seltener infiziert. (APA)

Kinderärzte: Präventionsmaßnahmen statt Schulschließung

Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) spricht sich für bessere Präventionsmaßnahmen innerhalb der Bildungseinrichtungen statt Schulschließungen und Distance Learning aus. In einer Stellungnahme wurden etwa eine Erhöhung der Mindestabstände, Plexiglaswände, konsequentes Maskentragen der Lehrer außerhalb der Klassen sowie flexiblere Schulstart- und -endzeiten angeregt.

„Die Entscheidung über Schulschließungen sollte nicht durch unbewiesene Meinungen, fälschlicherweise von anderen Erkrankungen abgeleitete Annahmen oder unbegründete Angst geleitet werden, sondern auf wissenschaftlicher Evidenz, welche laufend zunimmt, basieren", betonen die Kindermediziner. Kinder würden sich seltener infizieren, weniger häufig symptomatisch erkranken und das Virus seltener weitergeben als Erwachsene. Dies gelte insbesondere für Kinder unter 14 Jahren.

Die Schließung von Bildungseinrichtungen hätte nicht nur gravierende Folgen für die Ausbildung, sondern auch „weitreichende Auswirkungen auf das soziale, psychische und geistige Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen", so die ÖGKJ. Dazu stellten sie auch die meist berufstätigen familiären Betreuungspersonen vor große Herausforderungen und führten durch deren Ausfall zu Problemen in der Arbeitswelt. Und: „Bei Auftreten eines Infektionsfalles innerhalb einer Kinderbetreuungseinrichtung/Schule ist eine Kontaktpersonen-Nachverfolgung wesentlich einfacher und effizienter möglich als in vielen anderen Bereichen."

Zur „Entschärfung" des Transports von und zur Schule schlagen die Kindermediziner eine Erhöhung der Schulbus-Kapazität und stundenweise Arbeits-Freistellungen für Eltern vor, um die Kinder individuell in die Schule zu bringen. „Dies wäre für Arbeitgeber besser als komplette Schulschließungen."

Außerdem könnte das Kontaktpersonen-Management verbessert werden: Ein einzelner positiver Fall unter Schülern müsse nicht zwangsweise zur Absonderung der gesamten Klasse bzw. aller betroffener Lehrkräfte führen. Die Plexiglaswände würden dazu beitragen, dass bei einem erkrankten Lehrer nicht mehrere Klassen abgesondert werden müssten bzw. umgekehrt. Schließlich sollten die Pädagogen als Schlüsselpersonal gewertet werden und auch als K1-Kontaktperson freiwillig unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen unterrichten können.

Weiters schlagen die Kindermediziner die Evaluierung der Empfehlung vor, bei Infektionen von Kindern bis zehn Jahren nicht die ganze Klasse abzusondern, sondern ohne den infizierten Schüler weiter zu unterrichten und zu testen. Sollte diese positiv ausfallen und keine vermehrten weiteren Infektionen bei nicht abgesonderten Klassen auftreten, könnte dieses Vorgehen auf die Gruppe der bis 12-oder 14-Jährigen ausgeweitet werden.


Kommentieren


Schlagworte