WEGA-Beamter bei Anschlag als Notfallsanitäter: „Zeit ist Leben"

Bei dem Terroranschlag in Wien galt es, die vielen Verletzten schnell aus der Gefahrenzone zu bringen. Speziell als Rettungs- und Notfallsanitäter ausgebildete Beamte der Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung (WEGA) übernahmen diesen Job.

Medizinisch ausgebilete WEGA-Beamte sowie ein Sanitäter der Wiener Berufsrettung hantieren mit Notfallrucksack.
© APA/ROLAND SCHLAGER

Wien – Als die Einsatzkräfte beim Terroranschlag am 2. November in der Wiener City eintrafen, sahen sie sich mit einer völlig unübersichtlichen Lage konfrontiert. Nachdem ein Täter ausgeschaltet wurde, galt es nicht nur zu klären, ob weitere Attentäter unterwegs waren, sondern auch die Verletzten schnell aus der Gefahrenzone zu bringen. Speziell als Rettungs- und Notfallsanitäter ausgebildete Beamte der Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung (WEGA) übernahmen diesen Job.

Zwei dieser insgesamt 19 ausgebildeten WEGA-Beamte sind Christoph und Markus – ihren vollen Namen wollen sie aus Sicherheitsgründen nicht nennen. Als die beiden an diesem Montagabend eintrafen, war der 20-jährige Attentäter bereits zwei Minuten lang tot. Die beiden Einsatzkräfte, die nicht nur gemeinsam die Ausbildung absolviert, sondern in dieser gefährlichen Situation auch ein Kontaktteam gebildet hatten, mussten allerdings diese dynamische Lage erst sondieren. Es war unklar, ob es weitere Attentäter gab, an den Tatorten lagen die Opfer, vom Terroristen schwer verletzt. „Wir mussten alles verhindern, dass weitere Personen durch den Täter verletzt werden", sagte der 32-jährige Christoph eine Woche nach dem Attentat im Interview vor Journalisten. „Zeit ist Leben", fügte er hinzu.

Beamte mit 35 Kilo Montur im Einsatz

Das Agieren im Einsatz mit der Ausrüstung war nicht einfach. Der Notfallrucksack, der etwa Equipment zur Blutstillung – z.B. Tourniquet wie beim Militär – beinhaltet, hat sieben bis acht Kilo, hinzu kommen Helm, Sturmgewehr mit voller Beladung sowie die Schutzweste. „So hat eine Gesamtbelastung von 35 Kilo auf den Beamten eingewirkt", sagte Markus.

Auch wenn die medizinisch ausgebildeten WEGA-Beamten Notfallmaterial dabei haben, sind sie in erster Linie Polizisten, die einen klaren Auftrag haben - nämlich, den Täter an weiteren Handlungen zu hindern.
© ROLAND SCHLAGER

„Man darf sich aber nicht vorstellen, dass wir bewaffnete Sanitäter sind und blindlings von einem Verletzten zum nächsten springen. Wir sind primär Polizisten der Spezialeinheit WEGA. Und wir haben diesen klaren Auftrag, Täter zu lokalisieren und den aktiven Täter an seinem Handeln zu hindern", so Christoph. Denn im Zuge dessen könnte das Problem entstehen, dass man sich als Polizist zu sehr auf das Opfer konzentriert und so selbst Zielscheibe des Täters zu werden. „Das Dilemma war, wenn man das so sagen kann, dass die Lage hochdynamisch war", sagte sein Kollege Markus.

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Terrornacht war "hochdynamisch"

Denn am besten können WEGA-Medics in einer statischen Situation agieren. Das war aber bei dem Terrorattentat in der Wiener City nicht der Fall. „Menschen, die noch ansprechbar waren, wurden beruhigt und gebeten, sich selbst zu evakuieren", berichtete Markus. So wurde etwa in dem Lokal, in dem der Besitzer beim Zusperren der Tür erschossen worden war, eine verletzte Frau, die gemeinsam mit einem Freund in einem Eck kauerte und gar nicht ansprechbar war, aus der Schockstarre geholt. „Da fahren beim Menschen die Systeme komplett runter und er versteckt sich", so Markus. "Da haben wir versucht, die Schockstarre zu durchbrechen und den Freund angeleitet, die Dame zum Rettungsdienst zu begleiten."

Bewusstlose Personen wurden in eine Bauchlage gedreht, damit sie nicht ersticken können. „In der heißen Zone kann taktisch nicht medizinische Hilfe geleistet werden", sagte Christoph. "Weil da ist noch mit einer enormen Gefahr auch für einen Polizisten zu rechnen." Primär müsse zunächst dem polizeilichen Auftrag nachgekommen werden. Darum müsse in diese Chaosphase sukzessive Ordnung hineingebracht werden, um dann die Ressourcen zu haben, um die Verletzten zu bergen.

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Großes Lob gab es vor allem für die Polizisten aus dem Bezirk, die viele Bergungen der Verletzten übernommen haben. „Viele Menschen haben auch nur überlebt, weil Kollegen der Bezirke unermüdlich dort Verletzte weggetragen und eskortiert haben", sagte Christoph.

Verletzte auf Teppich abtransportiert

So waren es vier dieser Kollegen, die eine vor einem Lokal in der Seitenstettengasse angeschossene Frau auf einem Teppich abtransportieren wollten. Die Bergung war für die Einsatzkräfte sehr kräfteraubend und vor allem gefährlich. Man habe gesehen, dass die Kollegen allein nach ein paar Metern schon ausgelaugt waren. „Wir haben diese Bergung angeleitet und abgesichert", sagte Christoph. Und: „Der kürzeste Weg ist nicht immer der sicherste", fügte sein Kollege Markus hinzu. "Ein bestimmtes Restrisiko besteht immer", sagte der 33-Jährige. „Die Alternative wäre gewesen, man macht nichts. Und das ist keine Alternative." Die Frau hat trotz des Einsatzes der Beamten ihre schweren Verletzungen nicht überlebt.

„Wir versuchen nicht, den Rettungsdienst zu ersetzen, sondern ein Bindeglied zu ihnen zu sein, weil es für sie einfach zu gefährlich ist", sagte Christoph. Die Rettung übernahm dann die weitere Maßnahmen. „Da verlasse ich mich zu 100 Prozent auf die Polizei", sagte der Einsatzleiter der Rettung Lajos. „Die Rettung assistiert und koordiniert mit den Kräften der Exekutive." Seit 2016 gibt es dieses taktische Sanitätskonzept, innerhalb von sechs Monaten wird ein Beamter zu einem Rettungssanitäter ausgebildet. Regelmäßig müssen die Polizisten ihre Praxis bei Fahrten mit den Rettungsdienst auffrischen, sagte Lajos.

Einsatz der Wega in Wien.
© APA/Fohringer

„Dieser Einsatz war auch eine gewisse Feuertaufe für uns als Rettungssanitäter", sagte Christoph. Die beiden WEGA-Beamte haben sich noch nie einem solchen „Massenanfall im Zuge eines Terroranschlags konfrontiert gesehen. Das hat es bei uns einfach noch nicht gegeben." Nach der Terrornacht hatten Christoph und Markus untereinander noch einmal das Gespräch gesucht, um alles später noch einmal zu evaluieren und ihre Erfahrungen in ihre Arbeit einfließen zu lassen. „Es war eine gesunde Anspannung", resümierte Christoph. Wie sehr zeigte die Auswertung der Pulsuhr von Markus. Sein Puls war leicht erhöht in der Nacht, die Spitze ging auf bis zu 188 Schläge pro Minute hinauf. „Das hab' ich aber gar nicht so wahrgenommen", sagte Markus. Das war der Zeitpunkt, als er am Tatort des ersten Opfers eine geschlossene Wendeltreppe raufgehen musste, um hinter einer Luke zu sehen, ob dort jemand ist. „Wenn ich da oben bin, bin ich in einer absolut unterlegenen Position", dachte er sich. „Aber mir ist nie Gedanke gekommen, dass ich da nicht raufgehen würde. Das hat sich mir nie gestellt." (APA)


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