Wissenschafter: Konflikte in den USA werden sich anheizen

Ein wenig hoffnungsvolles Bild der Vereinigten Staaten zeichnete am Dienstag eine digitale Diskussion der CDU-nahen Konrad Adenauer-Stiftung unter dem Titel „Experiment gescheitert? Die USA nach der Wahl“.

Unterstützer von Donald Trump gingen nach dem Ergebnis der US-Wahl auf die Straßen.
© AFP/Kahanna

Berlin – Der stellvertretende Direktor des Heidelberg Center for American Studies, Manfred Berg, sagte bei einer digitalen Diskussion der CDU-nahen Konrad Adenauer-Stiftung unter dem Titel „Experiment gescheitert? Die USA nach der Wahl“: „Ich bin in keiner Weise optimistisch. So sehr Biden für Ausgleich steht, so wenig Chancen sehe ich dafür.“

Berg, der auch Professor an der Uni Heidelberg ist, sagte, er sei skeptisch, dass eine Depolarisierung in den USA gelingen könnte. „Ich rechne vielmehr damit, dass sich die Konflikte noch einmal anheizen werden. Ich möchte dem Eindruck entgegentreten, Biden habe gewonnen, und nun werde alles gut.“

Dafür stellte er fünf Thesen auf: Zum einen habe es sich bei den jüngsten Präsidentenwahlen um eine Lagerwahl gehandelt, in der beide Seiten die maximale Mobilisierung ihrer Anhängerschaft erreicht hätten. Es gibt eine starke negative Parteiidentifikation“ so Berg: „Die andere Seite wird als Bedrohung der eigenen Wertewelt betrachtet.“

Trump werde „der böse Geist der amerikanischen Politik bleiben"

Weiters sei Donald Trump ein beeindruckender Mobilisierungserfolg gelungen. Es habe sich nicht mehr um Protestwähler wie beim letzten Mal gehandelt. „Wer ihn wählte, wusste, wen er wählt“, so Berg. „Wir müssen davon ausgehen, dass Trump einen großen Teil der Partei repräsentiert.“ Auch werde Trump „der böse Geist der amerikanischen Politik bleiben“. Er werde alles dazu tun, einen geordneten Übergang zu sabotieren.

Man müsse von so etwas wie Trumpismus sprechen, einer Art personenspezifizierten Populismus, vermutet der Heidelberger Wissenschafter. „Das hat Erfolg gehabt, es gibt eine Anhängerschaft, die fest zu Trump steht und sich durch den Mythos der gestohlenen Wahl weiter radikalisieren wird.“ Die wichtigste Ursache für den großen Erfolg Trumps sieht Berg im demografischer Wandel: Der Bevölkerungsanteil der Weißen sei unter 60 Prozent gesunken. Bestimmte Bevölkerungsgruppen würden sich als Globalisierungsverlierer sehen.

„ Die Verfassung ist der Kitt der Gesellschaft“

Der Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Washington, Paul Linnarz, versuchte Wahlkampf und Wahlausgang aus der Geschichte der Vereinigten Staaten zu erklären, die eine sehr heterogene Gesellschaft geschaffen habe, in der die Freiheit eine große Rolle spiele, auch die Freiheit Waffen zu tragen. „Die Amerikaner richten sich nach vier Polen aus“, sagte Linnarz: „Familie, soziales Umfeld, Job und Religion.“ Der Zusammenhalt geschehe durch Verfassungspatriotismus. „ Die Verfassung ist der Kitt der Gesellschaft.“

Immer deutlicher werde der Gegensatz zwischen den liberal denkenden Städten und den konservativ eingestellten ländlichen Regionen. Mehr als 60.000 Unternehmen im Industriegürtel der USA hätten schließen müssen, insbesondere seit Beitritt Chinas zur WTO. Aber, so Linnarz: „Beim Schaffen von klassischen Industriearbeitsplätzen hat sich in den letzten vier Jahren nicht viel getan.“

„Die USA sind der Kerkermeister der Welt“

Für die nächste Zukunft sieht der Wissenschafter Berg mehrere Szenarien: „Man darf absolut sicher sein, wenn es doch ein deutlicher Sieg Bidens wird und Trump Biden entweder auf dem Klageweg oder durch politische Tricks die Wahl zu nehmen versucht, dass sie in den USA eine Situation erleben, die Unruhen auslösen wird. Alles ein Horrorszenario, aber trauen Sie es Donald Trump zu? Ich schon.“

Für die Black Community spiele auch die Gewalt der Polizei eine große Rolle. „Die USA sind der Kerkermeister der Welt“, sagte Berg. „Mit zweieinhalb Millionen Gefängnisinsassen ist das amerikanische Strafsystem das drakonischste der westlichen Welt.“ Auch dies sei Ausdruck eines strukturellen Rassismus.

Ob Donald Trump 2024 erneut kandidieren könnte? „Ja“, antwortete Berg. „Tröstlich ist dabei: Das ist bisher nur einem Präsidenten gelungen. Aber Tochter oder Schwiegersohn, wer weiß? Es gibt Dynastien in der amerikanischen Geschichte.“ (APA)


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