Breite Front gegen mögliche Schulschließungen

Die Kinder- und Jugendanwaltschaften, die Caritas sowie die Wirtschaftskammer sprechen sich vehement gegen Schulschließungen aus. Stattdessen solle auf Verschärfung der Schutzmaßnahmen gesetzt werden.

Auch unter den Schülern ist der Widerstand gegen Schulschließungen groß.
© Thomas Böhm

Wien – Die Front gegen mögliche Schulschließungen wächst weiter an. Am Mittwoch haben sich u.a. die Kinder- und Jugendanwaltschaften, die Caritas sowie die Wirtschaftskammer gegen eine Ausweitung von "Distance Learning" ausgesprochen. Stattdessen sollten gegebenenfalls flexiblere Lösungen wie Klassenteilungen, eine Mischform aus Präsenz- und Fernunterricht sowie zusätzliche Räume bzw. Lehrer angestrebt werden, so etwa die Kinder- und Jugendanwältinnen und -anwälte in einer Aussendung.

Wirtschaftskammer-Vizepräsidentin Martha Schultz.
© TIROLER WIRTSCHAFT

Die Wirtschaftskammer verwies auch auf die Folgewirkungen für zahlreiche Betriebe: "Schließungen von elementaren Bildungseinrichtungen sind sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus gesellschaftspolitischer Sicht abzulehnen", betonte Vizepräsidentin Martha Schultz in einer Aussendung. Sie brächten sowohl für die Kinder als auch Betriebe und Beschäftigte gravierende Nachteile. So wären etwa viele der rund 130.000 österreichischen Unternehmer von einer derartigen Maßnahme, die wieder intensive Betreuungspflichten bzw. Distance Learning und Home Schooling mit sich bringen würden, massiv betroffen.

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WK-Vizepräsidentin Martha Schultz

Man wisse zudem aus aktuellen Umfragen, dass es nach wie vor zumeist die Frauen sind, die die Doppelbelastung von Job und Familie bzw. betreuungspflichtigen Kindern stemmen müssten.

"Kinder konnten das nur teilweise aufholen"

Caritas Generalsekretärin Anna Parr
© Caritas

Auf die Erfahrungen des Frühjahrs verwies Caritas Generalsekretärin Anna Parr. "Viele Kinder und Jugendliche haben während des ersten Lockdowns Bildungsrückstände aufgebaut, das haben wir auch in unseren Lerncafés in ganz Österreich beobachtet. Die Kinder konnten das in den Sommerschulen nur teilweise aufholen", so Parr in einer Aussendung. Sozial benachteiligte Kinder würden während Schulschließungen besonders auf der Strecke bleiben: In vielen Familien müssten sich mehrere Kinder einen Laptop oder ein Tablet teilen, oft gebe es auch keinen ruhigen Ort in der Wohnung, an den sich Kinder zum Lernen zurückziehen können.

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Statt Schließungen sollte an den Schulen selbst die Maßnahmen nachgeschärft werden - etwa durch Unterricht in Kleingruppen, Aufteilung auf Vormittags- und Nachmittagsgruppen oder auch die Ausweitung der Mund-Nasen-Schutz-Regelungen.

"Es braucht keine Schulschließungen"

Ähnlich äußerten sich auch die Österreichische Gesellschaft für Kinderschutz Medizin (ÖGKiM) und das Institut für Ethik und Recht in der Medizin (IERM) der Universität Wien. Es brauche auch während der COVID-19-Pandemie keine Schulschließungen, wenn die Schutzmaßnahmen streng eingehalten werden, hieß es in einer Aussendung. "Dies betrifft konkret ein durchgehendes Tragen von MNS Masken, auch in der Klasse. Zudem gelingt es sicher in vielen Klassen auch, die Schultische möglichst weit auseinanderzustellen und bei Reihen darauf zu achten, dass zwischen den Schülern der Mindestabstand von einem Meter besteht."

Klassenlehrer würden die Kinder kennen und auch entscheiden können, welche Kinder sowieso eng befreundet sind und darauf achten, dass diese zwei oder drei möglichst zusammensitzen und andere getrennt sind. "Selbstverständlich" sei es aber auch, dass kranke Kinder und Jugendliche daheimbleiben müssen.

Umfassende Erhebung der Lernvoraussetzungen notwendig

Auch die Ärztekammer plädierte am Mittwoch in einer Aussendung für ein Offenhalten der Schulen. Kinder würden sich seltener infizieren, weniger häufig symptomatisch erkranken und das Virus seltener weitergeben als Erwachsene, verwies man auf eine Stellungnahme der Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ).

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"Fernlehre hat nicht den gleichen Effekt und funktioniert nur in sehr kleinen Gruppen gut", argumentiert der Erziehungswissenschafter Rudolf Egger, Dekan der Umwelt-, Regional- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät an der Uni Graz. Gerade im Pflichtschulbereich müsse Präsenzunterricht aufrechterhalten werden, selbst wenn nur im Schichtbetrieb. Längere Schulpausen würden nicht nur Lernerfolge beeinflussen, sondern könnten auch soziale Ungleichheiten verstärken, warnte er. Außerdem wüssten Lehrer in der Regel kaum, ob Schüler etwa ein eigenes Zimmer, einen Schreibtisch, unterstützende Eltern oder eine stabile Infrastruktur hätten. Er wünscht sich eine umfassende Erhebung der Lernvoraussetzungen, um daraus Maßnahmen abzuleiten.

Auch SPÖ und NEOS haben ihre Forderung nach offenen Schulen und Kindergärten am Mittwoch wiederholt. (APA)


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