„Was der Krieg uns genommen hat“: 25 Jahre Ende Bosnien-Krieg und Tirol

Im November 1995 endete mit dem Abkommen von Dayton der Bosnien-Krieg. Damals flüchteten viele vom Balkan nach Tirol und bauten sich ein neues Leben auf.

Dejan Lukovic ist heute Innsbrucker Gemeinderat. Seine Mutter flüchtete im April 1993 von Bosnien nach Tirol.
© Rudy de Moor

Von Benedikt Kapferer

Innsbruck – „Meine Mutter kam im April 1993 von Bosnien nach Tirol“, erzählt Dejan Lukovic. Sie lebte in Banja Luka, der heute zweitgrößten Stadt von Bosnien-Herzegowina (BiH). Er wurde ein Jahr nach ihrer Flucht in Zams geboren. Heute ist der 26-Jährige Innsbrucker Gemeinderat für die Grünen.

Wie seiner Mutter ging es damals vielen. Denn Anfang der 1990er Jahre tobte auf dem Balkan ein Krieg um das Erbe des Vielvölkerstaates Jugoslawien. Ähnlich wie Slowenien und Kroatien bereits ein Jahr zuvor, erklärte Bosnien seine Unabhängigkeit im März 1992. Die internationale Anerkennung folgte zwar kurze Zeit später, doch die serbische Teilrepublik akzeptierte den Austritt aus dem zerfallenden Staatenbund nicht.

2014 waren in einem Wohnhaus in Sarajevo noch Einschusslöcher vom Krieg aus den 1990er Jahren zu sehen. (Archivbild)
© Böhm Thomas

Laut der Zeithistorikerin Marie-Janine Calic von der Universität München verlief der Krieg um Bosnien besonders brutal. Dort habe es kaum ethnische Grenzen gegeben. Kroaten, Bosniaken – das heißt bosnische Muslime – und Serben lebten zuvor friedlich nebeneinander.

Plötzlich wurden Nachbarn zu Feinden. Sarajevo wurde von 1992 bis 1995 belagert. Im ganzen Land kam es zu Vertreibungen und Kriegsverbrechen. Etwa 100.000 Menschen wurden getötet. Über zwei Millionen Menschen waren auf der Flucht.

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Bosnien-Krieg 1992–1995

Massaker: Der Völkermord vom Juli 1995 in Srebrenica gilt als schwerstes Kriegsverbrechen in Europa seit 1945. In wenigen Tagen wurden über 8.000 Muslime getötet.

Dayton-Abkommen: Der Friedensvertrag vom 21.11.1995 bildet bis heute die Verfassung von Bosnien-Herzegowina.

1990–1999 verdoppelte sich in Tirol die Zahl der Zuwanderer aus Ex-Jugoslawien von etwa 11.000 auf 22.000 (Quelle: Land Tirol, Tabelle 8)

Tausende flüchteten nach Tirol

Tirol wurde für viele zur neuen Heimat. Einer von ihnen war Samir Redzepovic. Mit gerade einmal 19 Jahren schaffte er es im Mai 1992 nach Innsbruck. „Die Flucht und die ersten Monate waren sehr schwierig. Aber es gab keine Alternative“, erzählt er im TT-Gespräch.

Im Oktober desselben Jahres gründete er mit Bekannten in Innsbruck einen Bosniakischen Kulturverein. Seitdem ist er hier Imam. Heute betreut er in der muslimischen Gemeinde über 400 Familien.

Das Abkommen von Dayton beendete zwar den Krieg, aber es brachte nicht den Frieden.
Marie-Janine Calic (Historikerin, Universität München)

Am 21. November 1995 schlossen die Kriegsparteien in Dayton, Ohio, unter Vermittlung der USA ein Abkommen. „Es beendete zwar den Krieg, aber brachte nicht den Frieden“, so Historikerin Calic.

Für Redzepovic war Dayton zwar erfreulich. „Die Wunden sind aber nur teilweise verheilt.“ Es gebe noch immer nationalistische Konflikte. Vor allem das Massaker von Srebrenica vom Juli 1995 mit der Hinrichtung von über 8.000 Zivilisten war für ihn ein „trauriger Höhepunkt des Krieges“.

Im Juli 2019 fand in Innsbruck ein Friedensspaziergang in Erinnerung an das Massaker von Srebrenica statt.
© Privatarchiv Redzepovic

25 Jahre nach diesen Ereignissen gibt es für Lukovic eine schwierige Spannung. Die heurigen Jahrestage machen ihm bewusst, „was der Krieg uns genommen hat: nämlich die Familie“. Viele Verwandte blieben zurück.

In Tirol ist er damit nicht der einzige. Denn mit den Menschen ist auch ihre Geschichte Teil des Landes geworden.

665km trennen Innsbruck und die Partnerstadt Sarajevo laut Pflasterstein in der Maria-Theresien-Straße. Seit 1980 besteht die Städtepartnerschaft.
© BAGNG

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