Psychologe: Bei dicker Luft Kinder in die Schule schicken

Der bevorstehende Lockdown wird vor allem berufstätige Eltern wieder vor eine enorme Herausforderung stellen. Experten raten dazu, dass die Lernbetreuung in den Schulen bei Bedarf auch wirklich genützt wird.

Homeschooling und Homeoffice können die Nerven von Eltern auf eine harte Probe stellen.
© BARADAT / AFP

Wien – Ab Dienstag sollen Schüler wieder von Zuhause lernen – eine Situation, die im Frühjahr viele Familien an ihre Grenzen gebracht hat. Anders als damals gibt es diesmal an Schulen bei Bedarf für alle Kinder auch pädagogische Unterstützung. Wann man diese brauche, sei eine subjektive Einschätzung, betont Jürgen Bell, oberster Schulpsychologe der Wiener Bildungsdirektion. Bei dicker Luft oder zu hoher Belastung wäre es aber sicher gut, tageweise darauf zurückzugreifen.

Es gebe zwar den Aufruf der Bundesregierung, zu Hause zu bleiben und die Kinder wenn möglich zu Hause zu betreuen. "Aber ich glaube, dass es wichtig ist, dass man zumindest die Alternative hat und auch in Erwägung zieht." Familien, bei denen es schon im Frühjahr während des Lockdowns große Konflikte gegeben hat und wo vielleicht existenzielle Probleme durch Jobverlust die Situation verschärfen, empfiehlt Bell, professionelle Hilfe wie Beratungsangebote zu nutzen.

Tagesstrukturen sollten beibehalten bleiben

Für das Distance Learning daheim ist für Bell Struktur das Um und Auf: "Struktur gibt Sicherheit und hilft gegen Chaos." In der Praxis heißt das, dass die übliche Tagesstruktur mit Aufstehen, Anziehen und Frühstück auch während des Fernunterrichts aufrecht bleiben sollte. Für's Lernen ideal wäre ein eigener Arbeitsplatz. Sollte es diesen nicht geben, empfiehlt der Psychologe "zumindest symbolisch" eine Trennung von Spiel- und Arbeitsplatz, indem etwa der Esstisch als Arbeitsplatz definiert wird. "Wie so vieles geht es hier um den Kopf", so Bell. Neben dem Arbeitsplatz sollten die Eltern auch feste Zeiten für das Erledigen der Schulaufträge festlegen.

Ebenso wichtig: Eltern sollten Zeiten für Ruhephasen und trotz aller Einschränkungen eine gewisse Freizeitgestaltung etwa in Form von Radfahren oder Spaziergängen einplanen. Außerdem empfiehlt Bell in einer Zeit, in der Eltern und Kinder teilweise sieben Tage die Woche 24 Stunden gemeinsam daheim sind, Auszeiten und Rückzugsmöglichkeiten für alle Beteiligten zu organisieren - selbst wenn das aufgrund beengter Wohnverhältnisse manchmal schwierig sein mag. "Man muss schauen, dass jeder ein bisschen Zeit für sich alleine hat."

Auge auf Mediennutzung der Kinder haben

Eltern sollten den Medienkonsum ihrer Kinder während des Lockdowns im Auge behalten.
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Mit Freunden und Familie solle man virtuell Kontakt halten, wobei Bell empfiehlt, dass Eltern ein Auge auf die Mediennutzung ihrer Kinder haben sollten. Und er betont das Bedürfnis nach Nähe in dieser Ausnahmesituation, und zwar nicht nur bei jüngeren Kindern, sondern auch bei Jugendlichen, die sonst eigentlich schon eher auf Abgrenzung gehen. Auch mögliche Ängste der Kinder, etwa um ältere Familienmitglieder, sollten von den Eltern aktiv besprochen werden. Außerdem empfiehlt er Eltern wie Kindern Zurückhaltung beim Medienkonsum, der Sorgen noch verstärken könne.

Stress und Konflikte werde man in dieser Zeit nicht vermeiden können. "Das gab es ja auch schon vor Corona", betont Bell, besonders im Vorfeld vor Weihnachten würden diese auch in gewöhnlichen Zeiten zunehmen. Das Leben auf engem Raum verschärfe das natürlich, ein Sprechen über die jeweiligen Bedürfnisse könne Konflikte aber entschärfen. Darüber hinaus gebe es vielfältige Hilfs- und Unterstützungsangebote wie Rat auf Draht oder über die Schulpsychologie. (APA)


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