„Detektivarbeit" an Gletschern: Grönland-Eisverlust viel größer als gedacht

Der Anstieg des Meeresspiegels – während des 20. Jahrhunderts betrug er im Schnitt 17 Zentimeter – bedroht viele Küsten weltweit. Ein Grund dafür: schmelzende Gletscher. Drei solcher Eisriesen haben Forscher nun genauer untersucht – mit erschreckendem Ergebnis.

Foto des nördlichen Abschnitts von Jakobshavn Isbræ. Die Markierungen (hell – dunkel) auf den Bergen zeigen die Gletscherhöhe von 1875. Sie ist seitdem um Hunderte von Metern gesunken.
© Shfaqat Abbas Khan, DTU Space Denmark

Von Valentin Frimmer, dpa

Nuuk – Neue Berechnungen zu grönländischen Gletschern deuten auf einen deutlich größeren Eisverlust bei fortschreitender Klimaerwärmung hin als bislang gedacht. Bisherige Vorhersagen, die auf einem Worst-Case-Szenario fürs Klima basieren, dürften diese Effekte unterschätzt haben, schreibt ein internationales Forscherteam im Fachblatt Nature Communications.

Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht Küstenregionen rund um den Erdball. Experten zufolge betrug er während des 20. Jahrhunderts im Schnitt 17 Zentimeter. Einer der Hauptgründe dafür ist das Abschmelzen von Gletschern. Viele Experten gehen davon aus, dass der Meeresspiegel im Laufe des 21. Jahrhunderts um über einen Meter steigen könnte, wenn die Menschheit weiterhin so viel Treibhausgas wie bislang ausstößt.

Entwicklung dreier Gletscher auf Grönland im 20. Jahrhundert

Shfaqat Khan von der Technischen Universität von Dänemark und sein Team haben sich die Entwicklung von drei großen Gletschern auf Grönland im Verlauf des 20. Jahrhunderts genauer angeschaut: Helheim- und Kangerlussuaq-Gletscher sowie Jakobshavn Isbræ. In diesem Zeitraum ist die dortige Durchschnittstemperatur der Luft demzufolge um etwa 1,5 Grad gestiegen.

Die Forscher schätzen aufgrund von komplexen Modellrechnungen, die auch geologische Besonderheiten vor Ort mit einbeziehen, dass der Jakobshavn Isbræ zwischen 1880 und 2012 etwa 1,5 Billionen Tonnen Eis verloren hat. Beim Kangerlussuaq-Gletscher waren es zwischen 1900 und 2012 rund 1,4 Billionen Tonnen, beim Helheim-Gletscher deutlich weniger. Insgesamt sei der Meeresspiegel dadurch um rund 8,1 Millimeter gestiegen.

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„Aufwendige und aufregende Detektivarbeit"

„Es war eine aufwendige und aufregende Detektivarbeit", sagte Khan laut einer Mitteilung seiner Universität. Es seien aktuelle Satellitendaten und ältere Luftaufnahmen ausgewertet worden. „Und alles, was wir sonst noch finden konnten." Dazu gehörten auch historische Fotos von frühen Expeditionen.

Die Berechnungen von Khan und seinem Team deuten den Forschern zufolge auf eine düsterere Zukunft hin als gedacht. So kamen bisherige Modelle zu dem Ergebnis, dass die drei Gletscher bei einem stetig zunehmenden Treibhausgasaustoß zu einem Meeresspiegelanstieg von 9,1 bis 14,9 Millimeter bis zum Jahr 2100 beitragen könnten – also nur wenig mehr als Khan und sein Team für die Zeit zwischen 1880 und 2012 schätzen.

Bisherige Prognosen „zu konservativ"

Die bisherigen Prognosen für das 21. Jahrhundert halten die Wissenschafter um Khan deshalb für zu konservativ. Schließlich könnte für Grönland in einem Worst-Case-Szenario der durchschnittliche Temperaturanstieg rund 8,3 Grad in diesem Zeitraum betragen. Das wäre ein mehr als fünfmal höherer Anstieg als im 20. Jahrhundert.

Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass der Meeresspiegelanstieg, der durch die drei Gletscher verursacht wird, bislang unterschätzt wurde. Und sie gehen sogar noch einen Schritt weiter: „Es erscheint wahrscheinlich, dass das nicht nur auf diese drei Gletscher beschränkt ist."


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