LH Platter sieht Gesundheitssystem ohne Trendwende an Grenze

Die Zahl der Corona-Patienten in Spitalsbehandlung hat sich in den letzten fünf Wochen verachtfacht. Es bestehen Engpässe beim Gesundheitspersonal und die Gefahr, dass dann nur mehr Notbetrieb möglich ist.

Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) (Archivbild).
© DANIEL LIEBL/ZEITUNGSFOTO.AT

Innsbruck – Tirols LH Günther Platter (ÖVP) sieht die Gefahr, dass in den Gesundheitseinrichtungen nur mehr eingeschränkter Notbetrieb möglich sein wird, sollte es jetzt nicht zu einer Trendwende kommen. Bei der Landtagssitzung am Mittwoch verwies Platter auf die dramatische Situation in den Spitälern. Die Zahl der Corona-Patienten in Spitalsbehandlung habe sich in den letzten fünf Wochen im Bundesland verachtfacht, die Betten würden knapp, zudem gäbe es Engpässe beim Personal.

Die Zahl der Intensivpatienten in Tirol habe kürzlich mit 70 einen neuen Höchststand erreicht. Aktuell seien 67 Personen in intensivmedizinischer Betreuung. In den vergangenen 24 Stunden seien 18 Personen mit oder an Covid-19 verstorben, insgesamt seien es damit 212 Verstorbene seit Ausbruch der Pandemie. „Es steht Spitz auf Knopf", warnte der Landeschef in seinem „Mündlichen Bericht".

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Platter zeigt Verständnis

„Ein Einzelner kann diese Pandemie nicht aufhalten, aber gemeinsam können wir das Ruder herumreißen", meinte Platter. Die Maßnahmen bzw. der nunmehrige Lockdown seien „alternativlos", jene, „die an vorderster Front stehen, brauchen unsere Mithilfe". Die „explosionsartige Ausbreitung" habe den Entscheidungsträgern „keine andere Wahl gelassen, als das öffentliche Leben erneut herunterzufahren".

Da die Pandemie nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch den Wirtschaftsstandort herausfordere, habe man weitreichende Unterstützungen und Investitionen beschlossen, wobei das oberste Ziel die Sicherung heimischer Arbeitsplätze sei, betonte Platter. Gesamt stünden knapp 50 Millionen Euro an Wirtschaftshilfen bereit.

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Trotz dramatischer Appelle äußerte Platter Verständnis, dass „es immer schwieriger wird, Verständnis für die Maßnahmen aufzubringen". Dennoch sei „jetzt die Zeit, das Gemeinwohl über individuelle Befindlichkeiten zu stellen". „Wir Tiroler können beides: Zusammen- und Abstandhalten", richtete der Landeshauptmann abschließend zuversichtliche Worte an die Bevölkerung.

Opposition ortet Versäumnisse vor zweiter Welle

"In den Sommermonaten ist zu wenig passiert", kritisierte daraufhin die Klubobfrau der Liste Fritz, Andrea Haselwanter-Schneider und sprach dabei vor allem von drohenden Personalengpässen und Überlastung in Gesundheitseinrichtungen und Heimen. Des Weiteren verwies sie auf eine "unzumutbare" bürokratische Belastung, etwa durch das Testen von Heimbewohnern: "Das Personal tut im Moment nichts anderes als Covid-19 zu organisieren".

Versäumnisse im Gesundheitsbereich ortete auch die FPÖ. Zudem forderte sie besondere Maßnahmen für besonders gefährdete Personengruppen. Landtagsabgeordneter Patrick Haslwanter brachte etwa abgesonderte Sitzbereiche in öffentlichen Verkehrsmitteln, sowie gesonderte Öffnungszeiten im Handel zur Sprache. Welche Personengruppen besonders gefährdet seien, sei schon seit acht Monaten bekannt, sah auch er ein Versäumnis der Landesregierung in dieser Hinsicht.

Weiters hätte man es außerdem verabsäumt, eine "ordentliche Strategie für den Bildungsbereich" auszuarbeiten, kritisierte der Bildungssprecher der Tiroler SPÖ, Benedikt Lentsch. Sicherheitsvorkehrungen für das Lehrpersonal würden fehlen, zudem gäbe es kein einheitliches Sicherheitskonzept, wie mit Corona-Verdachtsfällen umzugehen sei, mit Tests habe man zu spät und nur vereinzelt erst vor zwei Wochen begonnen und die öffentlichen Verkehrsmittel seien noch immer überfüllt. "Jeder wusste – und da waren sich auch die Experten einig – dass die Zahlen nach dem Sommer wieder ansteigen würden", sagte Lentsch und fügte hinzu, dass die "Umstellung auf Homeschooling in keiner Relation zu den nachhaltigen negativen Folgen für die Jüngsten in unserer Gesellschaft" stehe.

"Eines kann uns diese Pandemie nicht nehmen, und das ist Zuversicht und Optimismus", meinte Platter, wobei er an das Gemeinschaftsgefühl der Tiroler appellierte. "Wir müssen den Leuten das Gefühl geben, dass wir die Krise schaffen, dass es wieder gut wird", richtete sich auch LAbg. Markus Moser (NEOS), in Vertretung seines Klubobmanns Dominik Oberhofer, mit zuversichtlichen Worten an die Abgeordneten. Scharfe Kritik übte er wie der Vorredner von der SPÖ nicht nur an den Maßnahmen im Bildungsbereich, sondern auch an den geplanten Massentests, die er, nach drei Wochen Lockdown, für "vollkommen unsinnig" hielt. Er kritisierte zudem die Kommunikationsstrategie der Bundesregierung und forderte grundsätzlich "weniger Pressekonferenzen, weniger Aktionismus für die Schlagzeile", und dafür "mehr Kommunikation mit den Bürgern auf Augenhöhe".

Wenig Kritik an Lockdown an sich

Die "explosionsartige Ausbreitung" habe den Entscheidungsträgern "keine andere Wahl gelassen, als das öffentliche Leben erneut herunterzufahren", meinte LH Platter in seinem "Mündlichen Bericht", in dem er die Maßnahmen als "alternativlos" bezeichnete.

"Wer die Notwendigkeit des Lockdowns in Zweifel zieht, der negiert die Realität. Wir haben dramatisch hohe Infektionszahlen in Österreich, die keinen anderen Ausweg zugelassen haben", pflichtete Gebi Mair, Klubobmann der Tiroler Grünen, bei. Er verwies indes auf die Notwendigkeit, das Contact Tracing in der Zeit des zweiten Lockdowns wieder besser aufzustellen. "Im ersten Schritt müssen wir bis zum siebenten Dezember die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zurückgewinnen", appellierte er. Dann müsse das Land alle Vorbereitungen treffen, dass die "TTI-Formel - also Testen, Tracen und Isolieren" nach dem Lockdown wieder funktioniere, "und zwar so, dass wir das Virus über den Winter ohne weiteren Lockdown im Zaum halten können", so Mair.

ÖVP-Klubobmann Jakob Wolf mahnte indes seine Kollegen, dass dies nicht eine Zeit sei, "um politisches Kleingeld zu wechseln, sondern für Zusammenhalt". Das gelte für die Gesellschaft, aber vor allem auch für die Politik und die Parteien. Wolf bedankte sich im Anschluss an Platters Statement beim Gesundheitspersonal: "Sie sind es, die täglich an der Front stehen und sicherstellen, dass die Versorgung gewährleistet bleibt".

Zweiter Sitzungstag wird verkürzt

Trotz einer kontroversen Debatte über ein mögliches Streichen des zweiten Sitzungstages am Donnerstag wird dieser zumindest in verkürzter Form stattfinden. Der Landtag kann geschäftsordnungsmäßig nicht auf einen Tag verkürzt werden, da am zweiten Sitzungstag jedenfalls die Aktuelle Stunde abgehalten werden muss, hieß es seitens der Landtagsdirektion.

19 Tagesordnungspunkte mit geringerer Priorität wurden auf den Dezemberlandtag verschoben. Damit wies die Tagesordnung der laufenden Sitzung 30 Punkte auf. (TT.com, APA)


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