Gedemütigter DFB-Coach Löw steht nach 0:6-Debakel in Spanien in Erklärungsnot

Wie soll es nach diesem deutschen Debakel weitergehen? Von Joachim Löw werden nach der historischen Länderspielpleite in Spanien schnelle Antworten erwartet. Der Bundestrainer setzt aber trotz lautstarker Kritik auf seinen bewährten Krisenmodus. Einem Thema kann er nicht entkommen.

Joachim Löw war nach der Pleite in Sevilla bedient.
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Sevilla - Joachim Löw bleibt auch nach dem 0:6-Debakel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Spanien am Dienstag Teamchef. Dies wurde bei einem Gespräch zwischen DFB-Präsident Fritz Keller, DFB-Direktor Oliver Bierhoff und Löw nach der Rückkehr aus Sevilla am Mittwoch am Münchner Flughafen vereinbart, wie die Deutsche Presse-Agentur aus zuverlässiger Quelle erfuhr. Zuvor hatte die "Bild"-Zeitung darüber berichtet. Ein Rücktritt oder eine Entlassung Löws ist demnach kein Thema.

Die DFB-Elf hatte am Dienstagabend zum Abschluss der Nations League die höchste Länderspiel-Niederlage seit 89 Jahren kassiert. Löw soll die Nationalmannschaft trotz des Rückschlags nun ins EM-Jahr führen. Der 60-Jährige hat noch einen Vertrag als Chefcoach bis zur WM 2022.

Presse spottet über DFB-Team

Die historische 0:6-Demolierung durch Spanien hat am Dienstagabend nicht nur hoffnungsfrohe Spanier, sondern eine schwer verunsicherte deutsche Fußball-Nationalelf hinterlassen. Vor allem der Plan von Teamchef Joachim Löw, bis zur EM 2021 eine verjüngte, aber nicht minder konkurrenzfähige Truppe zu schmieden, steht nun infrage. Der Coach selbst sitze aber fest im Sattel, betonte DFB-Direktor Oliver Bierhoff: "Das Vertrauen ist da, daran ändert auch dieses Spiel nichts."

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"Desolate DFB-Elf lässt sich vorführen" (Stuttgarter Zeitung), "Jogi, das war peinlich" (tz), "Lehrstunde für Löw" (Frankfurter Rundschau), "Die Barbiere von Sevilla. Spanien rasiert Deutschland" (Ostthüringer Zeitung), "Das Debakel schockt" (Mitteldeutsche Zeitung) oder "Der Untergang" (Nürnberger Zeitung). Deutschlands Tageszeitungen waren am Mittwoch um drastische Beschreibungen nicht verlegen. Und eine völlig hilf- und orientierungslose DFB-Elf hatte es ihnen auch nicht schwer gemacht. Zweieinhalb Jahre nach dem WM-Vorrunden-K.o. schwant den deutschen Fans neuerlich Böses.

Statt den erhofften Gruppensieg zu feiern, steht Löw nach dem sportlichen Untergang in Andalusien plötzlich vor den Trümmern seiner ohnehin kritisch begleiteten Aufbauarbeit. "Es war ein Abend, an dem uns absolut nichts gelungen ist. Wir sind enttäuscht und absolut sauer", sagte Löw. "Wir hatten keinen Zugriff, keine Zweikampfhärte, kein Zweikampfverhalten", monierte der einstige Tirol- und Austria-Coach, dessen Team nun vier Monate pausiert, ehe im März ein Länderspiel-Dreierpack zum Start der WM-Quali ansteht.

"Wir haben gedacht, dass wir einen Schritt weiter sind nach den letzten Spielen und diesem Jahr, das insgesamt schwierig war. Wir haben jetzt einen richtigen Rückschlag hinnehmen müssen", gestand der Weltmeister-Coach von 2014. "Ob ich mir Sorgen um meinen Job machen muss, müssen sie andere fragen", meinte er nach seinem 189. Länderspiel. Im DFB-Führungszirkel könnten freilich Fragen laut werden, ob die Symbiose Löw-Bierhoff nach 16 gemeinsamen Verbandsjahren die nötige Reformkraft und Krisenfähigkeit besitzt.

Internationale Pressestimmen zum DFB-Debakel

SPANIEN:

„La Vanguardia“: „Spanien verpasste sich im zuschauerleeren Olympiastadion in Sevilla eine Huldigung und ein Bad in Selbstvertrauen. (...) Spanien überrannte das Team von Joachim Löw, es war ein regelrechtes Niederrennen von der ersten Minute an, auf das Deutschland keine Antwort fand.“

„El Mundo“: „Spanien demütigt Deutschland in einer geschichtsträchtigen Nacht“

„El País“: „Spanien bringt die Deutschen in Verlegenheit. Die neue Generation der „Roten“ hat es mit einer epochalen Torserie der Mannschaft von Löw gezeigt und wird in der finalen Phase der Nations League spielen.“

„Mundo Deportivo“: „Eine historische Tracht Prügel. Ein großes Spiel der Nationalmannschaft, die sich über ein Deutschland hinweggesetzt hat, das nicht wiederzuerkennen war. Spanien durfte nicht scheitern und scheiterte nicht. Die Mannschaft hat nicht nur nicht versagt, sondern ein Deutschland platt gemacht, das heute weit davon entfernt ist, die Mannschaft zu sein, die immer nach dem Höchsten strebt.“

„AS“: „Spanische Dampfwalze. Spanien tanzte Fußball und machte mit Deutschland, was es wollte. Diese Spiel hatte alles: einen sauberen Start, schnelle Bewegungen auch ohne Ball, Präzision und Fluidität, sofortiger Druck auch nach Ballverlust und schließlich Tore.“

„Sport“: „Ein fast skandalöser Sieg. Spanien hat die Deutschen niedergewalzt. Das Team von Luis Enrique erzielte einen historischen Sieg gegen Deutschland. Das Team wurde von all seinen Malaisen geheilt und beendete die Qualifizierung auf spektakuläre Weise, um im Oktober 2021 um den Titel 2021 zu spielen.“

„Marca“: „Das Spiel, das Spanien brauchte, um sich verführen zu lassen, gab es endlich in La Cartuja. Das Team von Luis Enrique zeigte eine Leistung, mit der sie Deutschland vernichteten. Die Mannschaft, die sonst immer andere erdrückt, wurde zu einem Spielzeug in den Händen der Spanier, einem kaputten Spielzeug.“

GROßBRITANNIEN

„The Guardian“: „Ja, sechs. Gegen Deutschland. Das war historisch, die Art von Ereignis, bei dem 65 000 Menschen den Rest ihres Lebens damit verbringen sollten, zu prahlen, dass sie dabei gewesen sind. Stattdessen können das gerade mal 300, aber sie werden es tun. Die Mannschaft von Joachim Löw wurde nicht einfach nur zum ersten Mal seit 13 Spielen besiegt, sie wurde zunichtegemacht.“

ITALIEN:

„Gazzetta dello Sport“: Die italienische Sportzeitung schreibt ganz fett das deutsche Wort „kaputt“ über ihren Text. Es folgt die Überschrift: „Laute Klatsche in Spanien. Deutschland mit 6:0 überwältigt. Ist jetzt Löw am Ende?“

„Repubblica“: „In Sevilla demütigen die „roten Furien“ die Männer Joachim Löws und schnappen sich das Ticket für das Halbfinale. Seit 1931 hatte die (deutsche) Mannschaft nicht mehr mit 0:6 verloren. (...) In Sevilla geht eine historische Niederlage für Deutschland über die Bühne (...).“

RUSSLAND:

Sportportal „championat.com“: „Die Deutschen haben sich in Spanien gründlich blamiert. Sie haben sechs Tore kassiert und den ersten Platz in der Gruppe verspielt. Vielleicht hat Joachim Löw inzwischen die Kontrolle über die Nationalmannschaft verloren? Das war jedenfalls eine großangelegte Zertrümmerung der Deutschen durch die Spanier.“

„Die Deutschen erlitten damit die größte Niederlage in ihrer Geschichte bei einem offiziellen Spiel. Nach einer solchen Schande können sie Löw auch verabschieden.“

FRANKREICH:

„Le Parisien - Aujourd‘hui en France“: „Spanien überwältigt Deutschland - Die „Roja“ (spanische Nationalmannschaft) hat eine hervorragende Leistung gezeigt gegenüber der Mannschaft (Deutsch im Original), die völlig abwesend war.“

„L‘Équipe“: „Deutschland bereits K.O. - Gespalten von den umherwirbelnden Spaniern, hat die Mannschaft (Deutsch im Original) eine der schlimmsten Niederlagen ihrer Geschichte erlebt (...).“

SCHWEIZ:

„Tagesanzeiger“: „Deutschland kassiert gegen Spanien eine historische Schlappe. Am letzten Spieltag verlieren die Deutschen gleich 0:6 und verpassen den Einzug ins Finalturnier (...) Eine Niederlage mit sechs Toren Unterschied hatte es zuletzt mit dem 0:6 am 24. Mai 1931 gegen Österreich gegeben. Für Captain Manuel Neuer war sein 96. Länderspiel, mit dem er zum alleinigen deutschen Rekordtorhüter aufstieg, ein ganz bitterer Abend.“

SERBIEN:

„Blic“: „FUSSBALLWELT IM TOTALEN SCHOCK! Das schlimmste Spiel Deutschlands in der Geschichte: Spanien verpasste ihnen sechs Stück.“

KROATIEN:

Jutarnji List: „Katastrophe für Deutschland, ein derartiges Debakel hat die Elf seit 111 Jahren nicht erlebt! Damals, im fernen Jahr 1909, verpassten ihnen die Engländer neun Stück. Dies ist nun die zweithöchste Niederlage in der Geschichte.“

USA:

ESPN: „Deutschland hat sich seit dem Sieg bei der WM in Brasilien 2014, als sie dem Gastgeber im Halbfinale eine historische Niederlage zugefügt hatten, ständig verschlechtert. (...) die drei Gegentore in jeder Halbzeit verdeckten den Fakt, dass sie noch deutlicher hätten verlieren können, wäre Spanien vor dem Tor nicht so verschwenderisch mit klaren Chancen gewesen.“

DÄNEMARK:

„Ekstra Bladet“: „Es gehört zu den Seltenheiten, dass Deutschland ein Länderspiel verliert. Und wenn das passiert, findet das Widerhall in der europäischen Fußballszene. Die Niederlage gegen Spanien wird da noch lauter nachklingen als jemals zuvor. 6:0 - sensationelle Zahlen. Rasieren in Sevilla, nicht weniger. Das war ein Abriss einer Nation zur besten Sendezeit. Wie es Deutschland selbst im WM-Halbfinale gegen Brasilien 2014 getan hat, wo es auch keinerlei Zeichen der Gnade gezeigt und Brasilien mit 7:1 zerschmettert hat.“

NORWEGEN:

„Verdens Gang“: „Man muss bis zum Jahr 1931 zurückgehen, um eine vergleichbare deutsche Niederlage zu finden. Nachdem Deutschland 2020 bislang ungeschlagen gewesen ist, glaubten die wenigsten daran, dass solche Zahlen für Löw und seine Männer Realität werden könnten.“

SCHWEDEN:

„Aftonbladet“: „Ein deutsches Fiasko - das größte seit 89 Jahren.“

Unausweichlich ist der vielstimmig erschallende Ruf nach einer Rückkehr der Ex-Weltmeister Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels zur Stabilisierung der Mannschaft. Ohne das hochdekorierte Trio ist das Team offenbar führungslos. Mittelfeldspieler Toni Kroos und Tormann Manuel Neuer allein genügen nicht. Vom großen Rest hat keiner die Persönlichkeit, den Charakter oder die Erfahrung, um als Leader aufzutreten. Auch nicht das Quintett von Champions-League-Sieger Bayern München, das in Spanien in der Startelf stand. "Das Vertrauen ist jetzt im Moment nicht völlig erschüttert. Diese junge Mannschaft hat auch die Fähigkeit, sich so zu entwickeln, dass wir eine leistungsstarke, konkurrenzfähige Mannschaft haben. Davon bin ich absolut überzeugt", sagte Löw dazu knapp.

Österreich gewann 1931 mit sechs Torfen Differenz

Die historischen Fakten der höchsten Niederlage seiner Amtszeit werden Löw aber dauerhaft begleiten. Mit sechs Toren Differenz hatten die Deutschen zuletzt am 24. Mai 1931 in Berlin gegen Österreichs Wunderteam verloren. In der Nachkriegszeit war bisher ein 3:8 gegen Ungarn in der Gruppenphase der WM 1954 Deutschlands höchste Pleite gewesen. Die spanische Sportzeitung "Marca" beschrieb das Geschehen von Sevilla gar mit einer "Vernichtung": "Die Mannschaft, die sonst immer andere erdrückt, wurde zu einem Spielzeug in den Händen der Spanier, einem kaputten Spielzeug."

Im Gegensatz zu Löw scheint Spaniens Coach Luis Enrique am besten Weg, ein junges, hungriges und erfolgreiches Team auf die Beine zu stellen. Nur wenige Führungsspieler wie Sergio Ramos oder Sergio Busquets sind aus der goldenen Ära mit dem WM-Titel 2010 und den EM-Titeln 2008 und 2012 übrig geblieben. Jungstars wie der 20-jährige Triplepacker Ferran Torres von Manchester City oder Leipzigs hochveranlagter Dani Olmo sollen es nun richten. Und das Niveau kann weiter angehoben werden, denn Spanien spielte gegen Deutschland nicht einmal in Bestbesetzung. Thiago fehlte genauso wie Busquets oder Barcas 18-jähriger Jungstar Ansu Fati, der nach einem Meniskusriss vier Monate pausieren muss.

"Dieses Ergebnis wird die jungen Spieler ermutigen. Jetzt wissen sie, dass sie das Level haben", betonte Luis Enrique, und Ramos fügte hinzu: "Diese historische Nacht wird uns helfen, als Team zu wachsen." "Deutschland hatte seine beste Mannschaft aufgestellt, und ich denke, dass wir von Anfang an sehr gut gespielt haben. Es war eines der besten Spiele der Nationalmannschaft", betonte Luis Enrique. (APA)


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