Van der Bellen und Regierung: Bei Gewalt an Frauen nicht wegschauen

Das Staatsoberhaupt unf die Bundesregierung richteten sich anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen und Mädchen jeweils mit einer Videobotschaft an die Bevölkerung. Am Innsbrucker Rathaus wurde eine Flagge gehisst.

Jede dritte Frau in der EU ist von körperlicher oder physischer Gewalt betroffen.
© APA

Wien – „Frauenrechte sind Menschenrechte. Es ist unser aller Kampf. Nur gemeinsam werden wir gegen Gewalt gewinnen.“ Das sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen in einer Videobotschaft anlässlich des (heutigen) Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. „Nicht wegschauen!“, appellierte das Staatsoberhaupt.

„Wir reden hier nicht von einem Randphänomen, im Gegenteil, die Zahlen sind alarmierend“, betonte Van der Bellen. „Jede dritte erwachsene Frau in der europäischen Union hat psychische oder körperliche Gewalt erfahren müssen. Allein in meiner Heimat Österreich wurden in den letzten drei Jahren mehr als hundert Frauen getötet – in der Partnerschaft, in der Familie“. Für Betroffene sei der bedrohlichste Ort der Welt oft das eigene Zuhause, so der Bundespräsident.

Gewalt an Frauen und Mädchen habe viele Ursachen, „etwa falsche Rollenbilder oder Gewaltverherrlichung, dazu noch die Covid-19-Pandemie mit all ihren Problemen“. Die Botschaft des Staatsoberhauptes: „So wie wir den Kampf gegen die Pandemie gemeinsam durchstehen müssen, muss auch der Kampf gegen Gewalt an Frauen und Mädchen gemeinsam geführt werden.“

Die Regierung appellierte am Mittwoch ebenfalls in einem Video, gemeinsam gegen Gewalt an Frauen und Kindern vorzugehen. „Jede Frau hat das Recht auf ein gewaltfreies Leben“, betonte Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP). Barbara Neßler von den Grünen machte in einer Aussendung darauf aufmerksam, dass in den Monaten der Corona-Krise nicht nur Gewaltakte gegen Frauen gestiegen sind, sondern auch gegen Kinder. Mit von Justizministerin Alma Zadic (Grüne) geplanten Maßnahmen gebe es für minderjährige Zeuginnen und Zeugen von häuslicher Gewalt künftig juristische und psychosoziale Prozessbegleitung. SPÖ-Justizsprecherin Selma Yildirim sprach sich in einer Stellungnahme für verpflichtende Anti-Gewalt-Trainings aus: Diese könnten „Rückfälle verhindern und dabei helfen, Strategien für eine gewaltfreie Konfliktlösung aufzuzeigen“.

Innenministerium wird in oranges Licht getaucht

Zum Start der weltweiten Kampagne „Orange the World – 16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ am Mittwoch wird das Innenministerium erstmals in oranges Licht getaucht. „Mit der Teilnahme setzen wir ein klares Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Kindern und möchten zur Sensibilisierung beitragen“, sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP). „Jedes Opfer häuslicher Gewalt ist eines zu viel. Für die Polizei ist die große Herausforderung, dass sie über Gewalt informiert wird. Wir können immer nur dann einschreiten, wenn wir gerufen werden“, betonte Nehammer. Es gehe vor allem um Bewusstseinsbildung. Gerade in Zeiten einer Pandemie mit erhöhtem Druck auch in Familien, sei es „wichtig, dorthin zu schauen, wo man hinschauen muss“. Die Botschaft laute daher: „Wenn sich Opfer bedroht fühlen, wenn Frauen Angst haben, dann gibt es eine Telefonnummer, die immer zu wählen ist, und das ist 133.“

Innsbruck zeigt Flagge

In Innsbruck weht in den nächsten Tagen als sichtbares Zeichen gegen Gewalt an Frauen die „Frei leben ohne Gewalt“-Fahne vom Rathausbalkon. Um die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, finden im Rahmen der „16 Tage gegen Gewalt“ in der Landeshauptstadt zahlreiche Aktionen unter Einhaltung der Covid-19 Bestimmung statt.

Gut vernetzt

Im Jahr 2014 wurde in Innsbruck ein unabhängiges frauenspezifisches Netzwerk gegründet. Seit damals setzen sich Organisationen sowie Bürgerinnen und Bürger mit verschiedenen Hintergründen für die Anliegen von Frauen ein. Die „Frauen*vernetzung für Begegnung und Austausch“ setzt in enger Kooperation mit dem städtischen Referat für Frauen und Generationen frauenpolitische Schwerpunkte in Innsbruck.

www.frauenvernetzung.tirol

Unter dem diesjährigen Motto „Let’s be safe at any place!“ (Lasst uns überall sicher sein) informieren Vorträge, Aktionen und Radiobeiträge unter anderem über Gewaltprävention, genderbasierte Gewalt und lokale Beratungsstellen. Auch die IVB beteiligen sich an der Aktion und weisen am 25. November mit Einspielungen in den Smart-Infos an Haltestellen auf den Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen hin. Detaillierte Informationen zum Programm stehen unter www.frauenvernetzung.tirol.

📽 Video | Tag gegen Gewalt an Frauen

„Nicht nur, aber besonders während der Covid-bedingten Einschränkungen sind Frauen verstärkt von häuslicher Gewalt betroffen. Umso wichtiger ist es, unsere Gesellschaft dafür zu sensibilisieren und darauf aufmerksam zu machen“, erklärte Frauenstadträtin Elisabeth Mayr (SPÖ) in einer Aussendung.

Als sichtbares Zeichen hisste Stadträtin Elisabeth Mayr (l.) gemeinsam mit Referatsleiterin Uschi Klee (Frauen und Generation) die „Frei leben ohne Gewalt“-Fahne am Balkon des Innsbrucker Rathauses.
© IKM/M. Freinhofer

Rufe nach mehr Mitteln und Ausbau von Beratung

Die Oppositionsparteien SPÖ und NEOS forderten am Dienstag weitere Maßnahmen und mehr finanzielle Mittel zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. „Gewalt gegen Frauen ist kein privates, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem“, sagten SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner und Frauenvorsitzende Gabriele Heinisch-Hosek in einer Aussendung. Die Corona-Krise habe diese Situation zusätzlich verschärft.

Beide verwiesen darauf, dass im Jahr 2019 von der Polizei österreichweit 8748 Betretungsverbote gemeldet wurden. Insgesamt 19.943 Opfer familiärer Gewalt seien von den Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen betreut worden. 83 Prozent der Opfer waren Frauen und Mädchen und 90 Prozent der Gefährder waren männlich, so die SPÖ. Im Mittelpunkt der Forderungen steht ein rascher Ausbau der Frauenberatungseinrichtungen, auch verlangt die SPÖ ein „Gewaltschutz-Sofortpaket“ in der Höhe von fünf Millionen Euro.

Auch NEOS-Frauensprecherin Henrike Brandstötter betonte, dass der Lockdown die Gefahr für Frauen erhöht habe. „Die Corona-Maßnahmen sind leider auch ein Multiplikator für häusliche Gewalt.“ Der Gewaltschutzgipfel sei ein guter Anfang. Die Forderung der NEOS, Frauenberatungsstellen und Experten einzubeziehen, sei damit umgesetzt worden. Die präsentierten Maßnahmen könnten aber „nur die ersten Schritte“ darstellen, Brandstötter sieht vor allem beim Budget Handlungsbedarf: So würden etwa die Beratungsstellen dringend mehr Geld brauchen.

Grüne mit Maßnahmen zufrieden

Die grüne Frauensprecherin Meri Disoski wies darauf hin, dass jede fünfte Frau in Österreich von Gewalt betroffen ist. Die grüne Regierungsbeteiligung habe „gerade im Bereich Gewaltschutz zahlreiche Verbesserungen bewirkt“, etwa die wiederholte Aufstockung des Frauenbudgets, die Beratungs- und Gewaltschutzorganisationen zugutekomme. „Gerade die Finanzierung der Prozessbegleitung von Kindern und Jugendlichen wurde lange von Expertinnen gefordert und jetzt von Bundesministerin Alma Zadic umgesetzt.“ Erfreut zeigte sich Disoski von der ab Juli 2021 verpflichtenden Anti-Gewalt-Beratung für Täter. (APA, TT.com)


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