Kein Weihnachtsschmaus? „Kranker Mann Europas“ in Sorge

Seit Tagen schon stauen sich Lastwagen auf der britischen Seite des Ärmelkanals. Zu viele Güter sind unterwegs. Nun verschärft sich die Lage nochmal dramatisch: Niemand darf mehr aufs Festland übersetzen. Ist das Weihnachtsessen der Briten jetzt noch sicher?

Um ihr Weihnachtsessen müssen sich die Briten nicht sorgen, beruhigt der Einzelhandelsriese Sainsbury‘s.
© OLI SCARFF

Von Benedikt von Imhoff, dpa

London – Glaubt man den schrillen Überschriften der britischen Zeitungen, ist das Vereinigte Königreich einmal mehr auf sich allein gestellt – und der Feind sitzt auf dem Festland. „Die EU schlägt Großbritannien die Tür vor der Nase zu“, titelt sogar die seriöse Times am Montag. Dass Frankreich und die ganze EU wegen der raschen Ausbreitung der neuen Coronavirus-Variante die Grenzen geschlossen haben, hat sogar die Regierung in London „etwas überrascht“, wie Transportminister Grant Shapps einräumt. Für Montagnachmittag hat Premierminister Boris Johnson ein Krisentreffen einberufen.

Kilometerlange Lkw-Staus

Auf den Straßen in Südengland Richtung Ärmelkanal wirkt es, als sei der No-Deal-Brexit bereits da: Schon seit Tagen stauen sich die Lastwagen kilometerweit. Viele Unternehmen versuchen, ihre Waren noch auf die andere Seite zu bringen, bevor Großbritannien nicht mehr Mitglied des EU-Binnenmarktes und der Zollunion ist und höhere Zölle in Kraft treten. Dazu kommen ein erhöhtes Aufkommen von medizinischen Lieferungen wegen der Pandemie – und das übliche Weihnachtsgeschäft. Helfen soll „Operation Stack“ (Stapel): Lastwagen dürfen dabei auf mehreren Fahrspuren der Autobahn M20 parken. Außerdem soll unter anderem der stillgelegte Flughafen Manston in der südostenglischen Grafschaft Kent als Parkplatz dienen.

„Operation Stack“: Reihenweise Lastwagen parken auf geschlossenen Fahrspuren der Autobahn M20.
© ADRIAN DENNIS

Dass sich Europa nun gegen Großbritannien abschottet und keine Lastwagen aufs Festland lässt, könnte schwere Folgen für die Versorgung haben, warnen britische Verbände. „Die Einstellung des begleiteten Güterverkehrs von Großbritannien nach Frankreich kann die Versorgung mit frischen Lebensmitteln für Weihnachten in Großbritannien ernsthaft stören“, sagt Ian Wright, Chef des Verbands der Lebensmittel- und Getränkehersteller FDF. Von einem „schweren Schlag“ spricht Rod McKenzie vom Güterkraftverband RHA.

Appell: Auf Hamsterkäufe verzichten

Ist sogar das Festmahl zu Weihnachten in Gefahr? Der Einzelhandelsriese Sainsbury‘s beruhigt: „Alle Produkte für das britische Weihnachtsessen sind bereits im Land, und es ist viel vorhanden.“ Aber klar ist auch: Gibt es keine Verbesserung, könnten einige frische Lebensmittel knapp werden. „Lücken sind möglich“, heißt es von Sainsbury‘s – namentlich bei Salat, Karfiol, Brokkoli und Zitrusfrüchten. Der Frachtverband Logistics UK rief die Menschen auf, auf Hamsterkäufe zu verzichten.

TT-ePaper testen und eine von drei Cookit Küchenmaschinen gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Eher könnte es nach Weihnachten Probleme geben, heißt es aus dem Handel. In Großbritannien fürchtet man, dass europäische Firmen keine Lastwagen mehr schicken. „Wenn ihnen nicht garantiert werden kann, dass sie aufgrund der Staus aus Großbritannien herauskommen oder dass sie die Produkte ausführen dürfen, die sie wollen, macht es das viel unwahrscheinlicher, dass sie überhaupt ins Vereinigte Königreich kommen“, sagt FDF-Chef Wright der BBC. Logistics-UK-Chef Alex Veitch fordert, die Regierung müsse Schnelltests für Lkw-Fahrer anbieten.

„Der kranke Mann Europas“

Viel wird davon abhängen, wie rasch die Ausbreitung der Corona-Mutation unter Kontrolle gebracht werden kann. „Der kranke Mann Europas“, wie der Daily Mirror das Königreich nennt, ist schon jetzt eines der am schwersten von der Pandemie betroffenen Länder des Kontinents. Die Regierung hatte zwar betont, es gebe keine Hinweise, dass die bisher eingesetzten Impfstoffe nun nicht mehr wirksam seien. Doch die Warnungen von Premier Johnson, die neue Variante sei bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form, haben letztlich zu der harten Reaktion in Europa geführt, wie manche Kritiker der Regierung vorwerfen.

Hoffnung macht da ausgerechnet ein Franzose. Sonst ist das Land in vielen Fragen – wie etwa bei den Brexit-Verhandlungen um Fischereirechte – ein Lieblingsfeind der Briten. Nun aber weisen britische Medien geradezu flehentlich auf einen Tweet von Jean-Baptiste Djebbari, dem beigeordneten Minister für Verkehr, hin: „In den nächsten Stunden werden wir auf europäischer Ebene solide Auflagen zum Gesundheitsschutz beschließen, damit der Verkehrsfluss von Großbritannien aus wieder beginnen kann“, schreibt er da.


Kommentieren


Schlagworte