Tournee-Favorit Granerud: Der Norweger mit Flow

Der Mann aus Oslo, dessen Spitznamen "McSkalli", "Skallz" und "Grandex" eher einen DJ als einen Weitenjäger vermuten lassen, hat seine Klasse auf der großen Bühne zuvor nicht angedeutet. Noch im Vorjahr sprang er hauptsächlich zweitklassig im Kontinentalcup.

Der Norweger Halvor Egner Granerud gilt heuer als Favorit bei der Vierschanzentournee.
© Fabrice COFFRINI / AFP

Wien – Ein Athlet ist vor der 69. Vierschanzentournee besonders in den Vordergrund gesprungen. Der Norweger Halvor Egner Granerud dominiert den Springer-Zirkus vor der am Montag mit der Qualifikation in Oberstdorf (16.30 Uhr/live ORF 1) beginnenden Traditionsveranstaltung. Er war vor dieser Saison kein Sieger, dann schlug er gleich fünf Mal in Serie zu. Was macht diesen 24-Jährigen so stark?

Befragt nach dem Senkrechtstarter sind sich die Leute mit dem geschulten Auge einig: Da ist einer im für Skispringer berühmt-berüchtigten Flow. "Es geht alles ganz einfach. Dann gibt es im Springen oft solche Seriensieger", sagt Stefan Horngacher, der Tiroler Cheftrainer des deutschen Teams, über das Phänomen, das sich in manchem Springerleben bisweilen auch gar nicht einstellt. Horngachers früherer Teamkollege Andreas Widhölzl, nun Cheftrainer der Österreicher, hat es mutmaßlich 1999/2000 bei der Tournee erlebt: "Wenn man in Serie gewinnt, fühlt man sich unbesiegbar."

Klasse zuvor nicht angedeutet

Nur auf Form oder gar Zufall aufgebaut sehen die beiden Graneruds Erfolgs keineswegs. "Er hat ein gutes Paket von Technik und Material beisammen und ist derzeit sicher verdient ganz vorne", sagt Widhölzl. Horngacher analysiert: "Er hat eine ganz gute Anfahrtsposition, sehr stabil durch den Radius, er kommt mit einer perfekt ausbilanzierten Position zur Kante hin. Er macht eine sehr gute Streckbewegung mit den Beinen, er hat eine sauguade Skiführung über dem Vorbau."

Granerud hatte in der vergangenen Saison mit seiner Detailverliebtheit zu kämpfen und hat sich dabei verzettelt.
© Fabrice COFFRINI / AFP

Der Mann aus Oslo, dessen Spitznamen "McSkalli", "Skallz" und "Grandex" eher einen DJ als einen Weitenjäger vermuten lassen, hat seine Klasse auf der großen Bühne zuvor nicht angedeutet. Noch im Vorjahr sprang er hauptsächlich zweitklassig im Kontinentalcup, seine damalige Form war gut genug für zwei Weltcup-Nominierungen im rumänischen Rasnow.

TT-ePaper testen und eine von drei Cookit Küchenmaschinen gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Nach einer Saison, in der er als ambitionierter Athlet wenig Gutes gefunden hatte, schrieb Granerud eine E-Mail, adressiert an Alexander Stöckl und mit der Bitte, man möge ihm seine Schwächen doch noch einmal schriftlich vor Augen führen. "Er war im letzten Jahr zu detailfokussiert, im Herbst hat er sich irgendwie verloren", sagt Stöckl, seines Zeichens Langzeit-Cheftrainer der Norweger. Die Antwort dürfte dem Sportler gefallen haben. "Er hat gesagt: Passt, jetzt kenne ich mich aus", erzählt Stöckl und attestiert: "Er sieht jetzt den roten Faden."

Gewissenhafter Athlet mit großen Zielen

Diese Begebenheit mag für Graneruds Erfolg gar nicht das entscheidende Puzzleteil gewesen sein. Doch es verdeutlicht den Charakter. "Halvor ist ein extrem gewissenhafter Athlet mit großen Zielen, die er dann wirklich stur verfolgt. Er ist ein kluger Bursche, der sehr reflektiert für seine 24 Jahre ist", sagt der Tiroler Stöckl über seinen Schützling. "Der Nachteil, wenn man etwas im Kopf hat, ist, dass man sich leichter verzettelt." So wie im Winter davor.

Die Leistung des 24-Jährigen ist derzeit mehr als zufriedenstellend.
© FABRICE COFFRINI

Fünf oder mehr Weltcupsiege in Folge haben in den vergangenen 20 Jahren vor Granerud nur Sven Hannawald (5 Siege/2001 auf 2002), Janne Ahonen (6/2004 auf 2005), Matti Hautamäki (5/2005), Thomas Morgenstern (6/2007) und Ryoyu Kobayashi (6/2018 auf 2019) geschafft. Letzterer gibt momentan ein markantes Beispiel für die Unbeständigkeit der Form von Skispringern ab: In diesem Winter war Kobayashi, der Tournee-Triumphator von 2018/19, nie besser als Zwölfter.

Granerud genießt inzwischen den Moment. "Ich werde schon morgen damit anfangen, von Oberstdorf zu träumen", sagte der Vize-Skiflug-Weltmeister nach seinem Engelberg-Double zuletzt. Die Tournee bringt eine neue Situation. "Man muss schauen, wie er mit dem Druck jetzt umgeht", sagt Widhölzl, der aber die Beständigkeit sieht. "Er macht fast keine Fehler." Horngacher spricht für das starke deutsche Team: "Wir alle wissen natürlich auch, dass die Siegesserie irgendwann zu Ende sein wird. Wir werden dort den Hebel ansetzen und versuchen, diese Serie bei der Vierschanzentournee zu beenden." (APA)

Sprung-Festival vor leeren Rängen: So läuft die Vierschanzentournee

◼️ Wie funktioniert die Tournee?

Vier Stationen, ein Gesamtsieger: Bei der Vierschanzentournee werden die Ergebnisse der vier Wettkämpfe in Deutschland und Österreich addiert. Will man die Tournee für sich entscheiden und am 6. Januar als Sieger den goldenen Adler erhalten, kann man sich also kaum einen Fehler erlauben. Der Wettkampfmodus unterscheidet sich bei der Tournee von jenem im Weltcup. Anders als dort gibt es bei der Tournee im ersten Durchgang 25 K.o.-Duelle. Die 25 Gewinner sowie die fünf besten Verlierer (Lucky Loser) ziehen ins Finale der besten 30 Springer ein.

An jedem Wettkampf nehmen zu Beginn 50 Springer teil. Um die Paarungen für die Duelle zu ermitteln, wird das Ergebnis der Qualifikation herangezogen. Der Beste der Quali tritt gegen den 50. an, der Zweite trifft auf den Springer, der in der Qualifikation Platz 49 belegt hat. Die Tagessieger werden in zwei Durchgängen ermittelt, in denen die Punkte zusammengezählt werden.

◼️ Wo wird gesprungen?

Traditionell startet die Tournee in Oberstdorf und endet im österreichischen Bischofshofen. Dazwischen stehen das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen und der Wettkampf am Bergisel in Innsbruck auf dem Programm. Normalerweise sind bei den vier Stationen rund 100 000 Fans dabei. Diesmal sind es wegen Corona nur ein paar Foto-Figuren, die die Veranstalter in Oberstdorf auf der Tribüne aufstellen wollen.

◼️ Wer sind die Favoriten?

Top-Favorit ist der norwegische Gesamtführende Halvor Egner Granerud. Der 24-Jährige siegte im Weltcup zuletzt fünfmal in Serie und ist derjenige, den es zu schlagen gilt. Zum Beispiel von Markus Eisenbichler: Der Bayer zeigte mit zwei Einzelerfolgen in dieser Saison bereits, dass er Granerud besiegen kann. „Eisei“, der im Oktober auch den Titel bei den deutschen Meisterschaften holte, springt seit einiger Zeit konstant auf einem sehr hohen Niveau. Er ist der größte Kandidat auf die Nachfolge von Sven Hannawald als bis dato letzter deutscher Tourneegewinner vor 19 Jahren.

Eine große Unbekannte ist Skiflug-Weltmeister Karl Geiger, bei dem nach seiner Quarantäne wegen eines positiven Corona-Tests offen ist, ob und in welcher Form er an den Start gehen kann.

Zum Favoritenkreis zählt zudem der Pole Kamil Stoch, der die Tournee schon zweimal gewann. „Er ist auf dem aufsteigenden Ast“, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher. „Er wird bei der Tournee eine ziemlich große Rolle spielen.“ Mit Vorjahressieger Dawid Kubacki aus Polen ist ebenfalls zu rechnen. Der Japaner Ryoyu Kobayashi, der vor zwei Jahren dominierte, hängt hingegen deutlich zurück.

◼️ Wo kann ich die Tournee im Fernsehen verfolgen?

Wie in den vergangenen Jahren teilen sich auch 2020/21 ARD und ZDF die Übertragungen der Wettkämpfe und Qualifikationen auf. Vom Auftaktspringen am Dienstag in Oberstdorf und vom Finale am 6. Januar in Bischofshofen berichtet das ZDF. Die ARD überträgt das Neujahrsspringen sowie den Wettkampf in Innsbruck am 3. Januar. Alle Springen und Qualifikationen sind zudem bei Eurosport zu sehen.

◼️ Was können die Springer gewinnen?

Der Tournee-Gesamtsieger erhält nicht nur den goldenen Adler, sondern zudem eine Prämie von 20.000 Schweizer Franken (ca. 18.447 Euro). Die Sieger der Qualifikationsspringen werden mit 5000 Euro belohnt. Zudem zahlt der Weltverband Fis bei den einzelnen Springen seine üblichen Weltcup-Prämien. Der Tagessieger bekommt 10.000 Franken (ca. 9224 Euro), auch für die Plätze zwei bis 30 gibt es abgestuft Prämien.


Kommentieren


Schlagworte