Schneechaos in Osttirol: 1,5 Mio. für Gemeinden, Felbertauern wieder frei

Rekordniederschläge führen seit Anfang Dezember im gesamten Bezirk Lienz immer wieder zu Straßensperren. Die Schneelast auf den Dächern erreicht mittlerweile verbreitet kritische Ausmaße.

In Lienz stürzte am Samstagabend ein ehemaliges Lagerhausgebäude unter der Schneelast ein.
© Brunner Images | Philipp Brunner

Lienz – Teile Osttirols versinken im Schnee. Seit den tagelangen starken Niederschlägen Anfang Dezember schneite es immer wieder. Und die Situation wird immer gefährlicher. Eine Schneerutschung hatte am Samstagabend ein Fangnetz an der Felbertauernstraße überwunden und in der Folge die gesamte Straße bis zu einer Höhe von 1,50 Metern verlegt. Dabei hatte ein Autofahrer Glück im Unglück. Er wurde in seinem Fahrzeug verschüttet. Zufällig nachkommende Bergretter, dazu der Straßendienst und die Feuerwehr konnten den Fahrer befreien und das Fahrzeug rasch bergen. „Der Mann blieb zum Glück unverletzt, auch am Auto entstand keinerlei Schaden“, berichtete Raimund Köll, einer jener Bergretter, die mit am Unfallort waren. Nachdem die Straße wieder geräumt war, konnten die Betroffenen nach Matrei weiterfahren. Die Felbertauernstraße konnte unterdessen am Montag um 14 Uhr wieder für den Verkehr freigegeben werden.

Land unterstützt Osttiroler Gemeinden mit 1,5 Millionen Euro

Um die Osttiroler Gemeinden bei der Bewältigung der Schneemassen zu unterstützen, stellt das Land 1,5 Millionen Euro zur Verfügung, heißt es in einer Aussendung am Montag. Der Betrag soll noch im ersten Quartal 2021 ausbezahlt werden. „Der Gemeindeausgleichsfonds wird nicht zusätzlich belastet. Die Abwicklung erfolgt rasch und unbürokratisch“, betont Landeshauptmann Günther Platter und führt weiter aus: „Um eine sichere Benützung des Straßen- und Wegenetzes für die Bürgerinnen und Bürger auch im Zuge dieser speziellen Wettersituation zu gewährleisten, arbeiten die Bediensteten der Gemeinden tagtäglich unter Hochdruck – dafür ein herzliches ‚Vergelt’s Gott‘. Klar ist jedoch auch, dass dadurch Mehrkosten für die Gemeinden entstehen. Mit den zusätzlichen finanziellen Mitteln sollen diese gedeckt werden.“

Vorsichtige Entwarnung im Villgratental

Eine Lawine hatte ebenfalls vorgestern im Gemeindegebiet von St. Jakob in Defereggen die Defereggentalstraße (L25) ein bis drei Meter hoch verschüttet. Sofort eingeleitete Untersuchungen ergaben, dass keine Personen bzw. Fahrzeuge betroffen waren. Für den Verkehr bestand eine örtliche Umleitung über Feistritz. Die Straße konnte nach der Räumung gestern Mittag wieder geöffnet werden. „Mit nur 20 Zentimetern Neuschnee ist die Gefahr bei uns diesmal grundsätzlich nicht allzu groß“, bekundete der Ortschef Ingo Hafele.

Auch im Villgratental waren gestern die Lawinenkommissionen unterwegs. Josef Mair, Bürgermeister von Außervillgraten, konnte nach einem Erkundungsflug vorsichtig Entwarnung geben. „Alle Straßen sind und bleiben offen.“ In jedem Fall habe sich die Bevölkerung an die Vorgaben des Tiroler Lawinenwarndienstes zu halten.

Die Feuerwehr war noch Stunden nach dem Einbruch der Halle in Lienz mit Räumungsarbeiten beschäftigt.
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Die Schneemassen werden auch in Lienz immer mehr zum Problem. Allein innerhalb der letzten Woche fiel erneut ein guter Meter Schnee. Flachdächer müssen daher aus Sicherheitsgründen regelmäßig geräumt werden. Eine als Lager genutzte ehemalige Versteigerungshalle der Raiffeisengenossenschaft Osttirol in Lienz ist am Samstagabend unter der Schneelast in sich zusammengebrochen. Große Teile des Gebäudes stürzten dabei auf die Straße. Verletzt wurde niemand. Der einzige Bewohner des Gebäudekomplexes war zum Unglückszeitpunkt nicht zu Hause.

📽️ Video | Halle in Lienz eingestürzt

In Matrei in Osttirol brach am Sonntagvormittag ein Teil des Daches eines Sportgeschäfts unter der Schneelast ein. Auch hier kamen keine Personen zu Schaden.

Tiroler Gailtal am stärksten betroffen

Am stärksten von den Schneefällen betroffen war wieder das Tiroler Gailtal. Der Obertilliacher Bürgermeister Matthias Scherer berichtete gestern von einer Schneehöhe von 2,10 Metern in seinem Garten. Allein am Samstag waren 70 Zentimeter Neuschnee hinzugekommen. Zwei Weiler bleiben auf Grund von Lawinengefahr gesperrt. „Die Situation ist sehr gefährlich“, sagte Scherer. Es komme auch immer wieder zu Selbstauslösungen von Lawinen. Die Bundesstraße B111 nach Tassenbach war bis gestern Mittag gesperrt.

Der Bürgermeister machte auf die derzeitige Schneelast aufmerksam: „Wir stehen bei 530 Kilogramm pro Quadratmeter“, erklärte Scherer. Sowohl die Volksschule als auch der Gemeindesaal in Obertilliach seien in den 1970er-Jahren nur für eine Dachlast von 450 Kilogramm je Quadratmeter ausgelegt worden. „Wir werden diese Dachflächen wohl räumen müssen.“ Hausbesitzer seien gefordert, ihre Dächer auf statische Probleme hin zu überprüfen und sich gegebenenfalls um eine Entlastung zu kümmern. „Auskünfte zu den zulässigen Dachlasten findet man in den Baubescheiden oder man kontaktiert die ausführenden Firmen.“

Im Unterschied zu den Nassschneetagen Anfang Dezember sind diesmal keine Stromleitungen betroffen. Bis zu zwölf Tage lang waren einzelne Haushalte zuletzt ohne Strom. Scherer: „Der kalte Schnee ist leicht und fällt von selbst von den Bäumen und von den Leitungen.“ (TT, TT.com)

Rekord seit Beginn der Aufzeichnungen

Lienz – Die Niederschlagsmengen, die in Osttirol zuletzt gemessen worden sind, sind ein neuer Rekord seit Beginn der Aufzeichnungen vor rund 160 Jahren. Das sagt Reinhard Prugger von der meteo experts Prugger & Troger OG in Lienz. 113 Liter fallen in Osttirol durchschnittlich im meteorologischen Winter, der von 1. Dezember bis 28. Februar dauert.

Dagegen haben im aktuellen Winter vier kräftige Mittelmeer-Tiefdruckgebiete bereits 490 Liter an Niederschlägen gebracht. „An diesen Zahlen erkennt man die Dimension“, erläutert Prugger. Und schon in den ersten drei Tagen des heurigen Jänners fiel mit 53 Litern Niederschlag pro Quadratmeter beinahe doppelt so viel wie normalerweise im gesamten Monat.

Die Wetterkarten würden zumindest für die kommenden Tage eine Beruhigung voraussagen. „Von Dienstag auf Mittwoch kann es leichte Niederschläge geben, sonst erwarten wir ruhiges Winterwetter“, meint der Lienzer Meteorologe. (bcp)


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