Enormer Zulauf bei Konkurrenz: WhatsApp sichert Nutzern nach Datenschutz-Änderungen Privatsphäre zu

Nicht nur Telegram erlebt in den letzten Tagen eine wundersame Nutzer-Vermehrung. Zuletzt vergraulte der große Konkurrent WhatsApp viele Nutzer mit neuen Datenschutzrichtlinien. Jetzt rudert der Messengerdienst zurück und bemüht sich um Schadensbegrenzung.

Telegram, Threema oder auch Signal sind Zufluchtsort für viele Nutzer, die WhatsApp löschen.
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New York – Nach dem Wirbel um Datenschutz-Änderungen bei WhatsApp bemüht sich der Messengerdienst um Schadensbegrenzung. „Das Update beeinflusst in keiner Weise die Vertraulichkeit eurer Nachrichten an Freunde oder Familie", teilte WhatsApp mit. Zuvor hatte es Kritik an der Weitergabe bestimmter Daten an den Mutterkonzern Facebook gegeben, in die Nutzer einwilligen müssen. Daraufhin verzeichneten die Konkurrenten Telegram, Threema und Signal Millionen neuer Anmeldungen.

WhatsApp erklärte auf seiner Internetseite unter der Rubrik Sicherheit und Privatsphäre, mit einigen „Gerüchten" aufräumen und Fragen beantworten zu wollen, die nach dem Update an das Unternehmen gerichtet worden seien. Weder WhatsApp noch Facebook könnten „Nachrichten lesen, Anrufe mithören" oder geteilte Standorte sehen. Facebook hatte WhatsApp 2014 gekauft.

Datenweitergabe in EU ohnedies nur eingeschränkt erlaubt

Stattdessen gehe es um Unternehmen und Händler, die mit ihren Kunden über WhatsApp kommunizierten, und um die Weitergabe dieser Daten an Facebook. Das soziale Netzwerk kann die Daten wiederum für gezielte Werbung nutzen. Nutzer müssen den Änderungen zustimmen, andernfalls können sie ab dem 8. Februar WhatsApp nicht mehr nutzen.

Für die Europäische Union (EU) und Großbritannien gelten allerdings Ausnahmen bei der Weitergabe von Nutzerdaten. So hieß es in der vergangenen Woche seitens des Unternehmens, die Änderungen beträfen nur die Verbesserung von Unternehmenskonten. WhatsApp teile in Europa keine Nutzerdaten mit Facebook mit dem Ziel, dass der Konzern seine Produkte oder seine Werbung verbessere, hieß es.

Anders sieht es global aus. Denn für den Rest der Welt gilt eine andere Datenschutzrichtlinie. Außerhalb der EU fließen WhatsApp-Nutzerdaten an Facebook zu Werbezwecken oder zur Verbesserung von Produkten – allerdings bereits seit dem Jahr 2016.

➤ Unterdessen profitierten die Konkurrenten von WhatsApp von den Änderungen:

  • So hat etwa der Messengerdienst Telegram binnen 72 Stunden rund 25 Millionen neue Nutzer dazugewonnen. Wie der russische App-Gründer Pawel Durow am Dienstag mitteilte, verzeichnet die Plattform derzeit rund 500 Millionen monatlich aktive Nutzer. „Diese neuen Nutzer kamen aus der ganzen Welt – 38 Prozent aus Asien, 27 Prozent aus Europa, 21 Prozent aus Lateinamerika und 8 Prozent aus dem Nahen Osten und Afrika", erklärte Durow. Dies sei ein signifikanter Anstieg im Vergleich zum vergangenen Jahr, als sich täglich 1,5 Millionen neue Nutzer anmeldeten.
  • Der Schweizer Messenger-Anbieter Threema teilte mit, seit vergangenem Freitag hätten sich die täglichen Download-Zahlen „vervielfacht". „In den App-Stores in Deutschland, Schweiz und Österreich ist Threema auf Platz 1 der App-Charts der Bezahl-Apps", sagte ein Sprecher.
  • WhatsApp-Konkurrent Signal profitierte auch von einer Empfehlung durch Elon Musk. Der Tesla-Chef schrieb am vergangenen Donnerstag auf Twitter: „Use Signal" („Verwendet Signal", Anm.). Danach gingen die Signal-Server für die Anmeldung neuer Kunden unter dem Ansturm immer wieder in die Knie.

Zum Aufstieg von Telegram hat auch der Trend beigetragen, dass etablierte Online-Plattformen wie Twitter, Facebook und Google schärfer gegen Extremisten und Verschwörungserzählungen vorgehen. Telegram unternimmt nur wenig, um falsche Informationen oder gar strafbare Inhalte von der Plattform zu verbannen. Allerdings sorgt dieser Trend auch dafür, dass sich etliche Telegram-Anwender auf der Plattform unwohl fühlen und zu Signal oder Threema abwandern.

„Menschen wollen Privatsphäre nicht mehr kostenlos hergeben"

„Die Menschen wollen ihre Privatsphäre nicht mehr für kostenlose Dienste hergeben", sagte Durow, ohne sich konkret auf WhatsApp zu beziehen. Telegram sei der „größte Zufluchtsort" für diejenigen, die eine private und sichere Kommunikationsplattform suchen, fügte er hinzu. Durow versicherte den Nutzern, dass sein Team „diese Verantwortung sehr ernst nimmt".

Auch die Sperrung zigtausender Accounts bei Twitter mischt hier mit, auch wenn Twitter als soziales Netzwerk eine etwas andere Funktionalität ausweist als Telegram. Twitter hatte die Kontos von Donald Trump sowie von zehntausenden QAnon-Anhängern von der Plattform verdammt. Gleichzeitig ist der bei Rechtsextremen beliebte Dienst Parler offline, nachdem Amazon die Seite nicht mehr hostet. Viele Nutzer sind also auf der Suche nach Alternativen zum Austausch von Informationen.

Millionenstrafe für Falschaussage zu Datenabgleich

Die Messaging-App Telegram wurde im Jahr 2013 von den Brüdern Pavel und Nikolai Durow gegründet, die auch das russische Online-Netzwerk VKontakte ins Leben gerufen haben. Weil Telegram sich weigert, mit Behörden zu kooperieren und Verschlüsselungen weiterzugeben, ist die App unter anderem in Russland verboten.

Facebook hatte WhatsApp im Jahr 2014 gekauft. Damals erklärte der Konzern, dass ein automatischer Datenabgleich zwischen den beiden Diensten technisch gar nicht möglich wäre – eine Falschaussage, für die die EU-Kommission Facebook drei Jahre später eine Millionenstrafe aufbrummte. Die EU-Kommission hatte solch einen Datenaustausch bei der Übernahme ausdrücklich untersagt. WhatsApps neue Datenschutzrichtlinie hat somit eben in der EU keine Gültigkeit – zustimmen müssen EU-Bürger aber trotzdem, wenn sie den Messenger weiter nutzen wollen. (AFP/dpa)


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