Baby aus Bauch gerissen: Die ungeheure Lebensgeschichte einer hingerichteten Mörderin

Nach tagelangem juristischen Tauziehen ist es nun geschehen: Erstmals seit den 1950er Jahren wird in den USA auf Bundesebene ein Todesurteil gegen eine Frau vollstreckt. Zuvor hatten die Anwälte von Lisa Montgomery noch ein Gnadengesuch an Präsident Trump gerichtet. Das Staatsoberhaupt ignorierte es. Die Lebensgeschichte der Frau, die zur Mörderin wurde, ist ungeheuerlich.

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(Symbolbild)
© Reuters

Terre Haute – In den USA ist das erste Mal seit fast 70 Jahren eine Frau durch die US-Bundesjustiz hingerichtet worden. Das Todesurteil gegen Lisa Montgomery sei am Mittwoch in der Justizvollzugsanstalt Terre Haute im Bundesstaat Indiana vollstreckt worden, teilte das US-Justizministerium mit. Der Oberste Gerichtshof hatte kurz zuvor den Weg für die Hinrichtung frei gemacht.

Die 52-Jährige war wegen eines grausamen Mordes an einer Schwangeren zum Tode verurteilt worden. Ein Gericht im Bundesstaat Indiana hatte die Vollstreckung des Urteils am Montag wegen Zweifeln an Montgomerys Geisteszustand zunächst ausgesetzt. Ein Berufungsgericht hob die Entscheidung einen Tag später jedoch auf. Der Supreme Court in Washington gab schließlich den Behörden recht.

Es war die erste Hinrichtung einer Frau durch die US-Bundesjustiz seit dem Jahr 1953. Montgomery hatte 2004 eine Hochschwangere erwürgt und ihr dann das Baby aus dem Bauch geschnitten. Einen Tag nach der Tat wurde sie in ihrem Haus in Skidmore im US-Bundesstaat Missouri rund 250 Kilometer vom Tatort entfernt festgenommen. Das geraubte Baby, das die grausige Tat überlebte, hatte sie bei sich. Vor ihrem Geständnis erzählte sie der Polizei und ihrem Mann, dass sie das Mädchen selbst zur Welt gebracht habe.

Psychisch schwer krank

Montgomery wurde im Jahr 2007 zum Tode verurteilt. Das US-Justizministerium entschied im vergangenen Jahr in ihrem Fall sowie bei zwölf anderen zum Tode verurteilten Häftlingen in US-Bundesgefängnissen, dass die Hinrichtungen vollzogen werden sollten. Zuvor waren Hinrichtungen durch die Bundesjustiz 17 Jahre lang ausgesetzt gewesen. Der scheidende US-Präsident Donald Trump ist ein Befürworter der Todesstrafe. Ein Gnadengesuch von Montgomerys Anwälten ignorierte er.

Die Anwälte der 52-Jährigen argumentierten in ihrem Brief an den scheidenden Präsidenten, ihre Mandantin sei zum Tatzeitpunkt im Jahr 2004 psychisch schwer krank gewesen. Tatsächlich ist die Lebensgeschichte der Frau ungeheuerlich. Erst in der Berufungsverhandlung kam sie zur Sprache. Demnach wurde Montgomery ihr Leben lang schwer missbraucht und sowohl körperlich als auch seelisch misshandelt. Ihre gesamte Kindheit bestand aus ständiger Erniedrigung, Folter und Demütigung.

Von Stiefvater und fremden Männern regelmäßig vergewaltigt

Recherchen des britischen Guardian zufolge wird Montgomery schon als kleines Kind Zeugin, wie ihre damals achtjährige Halbschwester Diane von einem männlichen Babysitter missbraucht wird. Seit sie elf Jahre alt ist, wird sie selbst von ihrem Stiefvater ein- bis zweimal in der Woche auf jede erdenkliche Weise vergewaltigt. An der Rückseite des Wohnwagens richtet er dafür einen speziellen Raum her. Wenn sie sich wehrt, drückt er ihr Kissen auf das Gesicht oder schlägt ihren Kopf auf den Betonboden. Auf MRT-Hirnscans seien die Verletzungen bis heute sichtbar. Außerdem überwacht er sie auch in diesem Raum ständig. Es habe nur eine Ecke gegeben, in der das Mädchen stundenlang steht, um der Dauerbeobachtung zu entgehen.

Als ihre Mutter Zeugin des Missbrauchs wird, bedroht sie ihre Tochter mit einer Waffe und macht sie für die Taten verantwortlich. Später lädt ihr Stiefvater auch Freunde zu den Vergewaltigungen ein, die laut Guardian „stundenlang andauerten und damit endeten, dass die Männer auf sie urinierten, als wäre sie Müll". Ihre Mutter geht dazu über, ihre Tochter für Dienstleistungen des Klempners oder Elektrikers „in Zahlung" zu geben. Sozialarbeiter, die die Familie besuchen, sehen darüber hinweg. Ein Kinderarzt, der die Vergewaltigungen eindeutig feststellt, gibt die Information nicht weiter.

Mit 18 Jahren flieht Lisa Montgomery aus diesen Umständen in eine frühe Ehe, doch sowohl die Beziehung mit ihrem ersten Mann als auch die zweite Ehe sind erneut von Gewalt und sexuellen Übergriffen geprägt.

Für einen Gesunden unvorstellbar

„Das ist die Geschichte einer Frau, die infolge lebenslanger Folter und sexueller Gewalt psychisch schwer krank ist", zitiert die britische Zeitung Sandra Babcock, die Fakultätsleiterin des Cornell Center on the Death Penalty Worldwide. Auch Katherine Porterfield, eine Kinderpsychologin, die auf die Behandlung von Überlebenden von Folter spezialisiert ist und die im Rahmen eines Berufungsverfahrens 2016 viele Stunden mit Montgomery verbracht hat, glaubt, dass diese erlittene Gewalt zu dem Mord an Bobbie Jo Stinnet führte. „Wir müssen verstehen, was dazu führen kann, dass jemand so tief von seinen Handlungen abgekoppelt ist, dass er in der Lage ist, etwas zu tun, was ein normaler gesunder Mensch unvorstellbar finden würde", so Porterfield.

Im Gefängnis wurden bei Montgomery unter anderem verschiedene bipolare Störungen, eine posttraumatische Belastungsstörung, Angstzustände und Depressionen, Psychosen, Stimmungsschwankungen, Dissoziationen und Gedächtnisverlust diagnostiziert. Deutlich wird auch, dass sie in dem Prozess, der zur Todesstrafe führte, mit Fred Duchardt einen Verteidiger hatte, der sich kaum für seine Mandantin einsetzte. Erst Jahre nach dem Verfahren wurde das Ausmaß der Gewalt klar, das Montgomery erlitten hatte. In einem Verfahren hätte das strafmindernd wirken müssen, ebenso wie die Tatsache, dass die Angeklagte bei der Tat psychisch krank war – und das bis zu ihrem Tod. (AFP, TT.com)


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