Schrottwichteln im Luxuspuff: Das war die erste „Bachelor"-Folge

Der neue „Bachelor" ist vereidigt. Peinlicher als sein Vorgänger ist nur seine 22-köpfige Gefolgschaft, die bei seiner Angelobung den Gipfel der Fremdscham erstürmt. Von Präsenten aus der Krempelkammer des Schreckens und Dialogen zum Davonlaufen. Willkommen im cringewürdigen Kennenlernkarussell der Auftaktfolge. Eine TV-Kritik.

Einen „Bachelor" zu spät: Mit Knasti-Basti hätte Hannah zumindest die Yoga-Übung „Der sterbende Schwan" praktizieren können.
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Von Tamara Stocker

Innsbruck – Was waren wir naiv. Vor einem Jahr dachte ich noch, der „Bachelor" aka Mister Strafregister aka Knasti-Basti-Nichtfantasti aka one and only Schwanenschläger wäre das Schlimmste, das 2020 passieren kann. Und dann zitiert RTL auch noch den Wendler in die „DSDS"-Jury. Wenigstens hat Corona dazu beigetragen, dass sich dieser Umstand zum Positiven gewendlert hat.

Jetzt heißt es also: Neues Jahr, neuer „Bachelor" – und bei beidem hofft man, dass es einfach nur besser wird. Nach unten ist ja auch nicht mehr sooo viel Luft. Ok. Gar keine eigentlich. Und Ansprüche an den Herr der Erschöpfung hat man nach dem Totalausfall im letzten Jahr sowieso nicht mehr. Das hat sich wohl auch eine der Kandidatinnen gedacht: „Du kannst mir da einen Mülleimer hinstellen und ich würde sagen: ,Oh guck' mal wie süß der ist'". Aha! Sie will also einen Mistkerl. Da hätte sie auch gleich tindern können.

Spree-Ufer statt Sandstrand

Niko Griesert hat einen „Bachelor" in Kalenderspruchlinguistik.
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Aber gut, mit einem Mülleimer hat Niko Griesert, so der Name des neuen Rosenhallodris, zumindest auf den ersten Blick mal nix gemeinsam. Und es kommt verhältnismäßig wenig Mist aus seinem Mund. Der 30-Jährige kann sogar grammatikalisch richtige, gerade Sätze bilden. WOW. Nach dem vollhonkigen Verbalbarbar im Vorjahr muss ich daran erst mal gewöhnen. Aber wie seine Vorgänger weiß natürlich auch Niko, wie es läuft im Leben: „Man kann Gefühle nicht beliebig ein- und ausschalten." Also das sind wirklich bahnbrechende Erkenntnisse. Und das schon in der ersten Folge. Ich bin begeistert.

Die gespielte Begeisterung darüber, dass der „Bachelor" heuer erstmals im drögen Deutschland anstatt im malerischen Mexiko stattfindet, sieht man ihm fast gar nicht an. Diesmal also Spree-Ufer statt Sandstrand, knattern in den Benz-Baracken, verstörende Smalltalks zwischen Zugspitze und Kreidefelsen, Candlelight-Döner in Buxtehude, Dreamdates auf der Mecklenburgischen Seeplatte. Hach. Einfach herrlich.

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Wenn du die Trullas noch nicht mal kennst und nach zwei Sekunden schon nach Hause flüchtest.
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Und weil er eben nicht quer über den Globus jetten kann, hat RTL ihn erst mal an einer Bushaltestelle mitten in der Pampa ausgesetzt. Oder hat er jetzt schon keinen Bock mehr auf den ganzen Bums und fährt nach Hause? Zu früh gefreut – der feine Herr lässt sich vom Hubschrauber-Hubert abholen. Das Ganze wirkt wie ein 007-Trailer made by ORF2. Mit einem Titel wie „Lizenz zum Nervtöten", „Liebesgrüße aus Berlin" oder „Ein Quantum Nichtganzbeitrost".

Logistische Abstriche

Nicht ganz bei Trost ist jedenfalls seine Familie, die erst mal mit den Straßenschuhen auf dem beigen Wohnzimmerteppich herumtrampelt. Echt sympathisch. Papa Wolfgang sieht aus wie eine nicht versoffene Version von Nino de Angelo, ist aber Bürgermeister von Osnabrück – jeder „Bachelor" braucht schließlich ein schweres Schicksal. Vati und Mutti freuen sich jedenfalls wie Bolle für ihren Sohnemann: „Wir können ein Stück weit in die Entstehungsgeschichte der Beziehung hineinschauen und das ist ein großes Privileg." Ja, echt geil. Endlich können sie beim Pimpern auch mal zusehen. Als Niko endlich abdampft, winkt ihm seine Familie noch wehmütig hinterher, als hätte er eine Operation am offenen Herzen vor sich.

Wie sehr habe ich diese überhaupt nicht gestellten Familientreffen in seltsam beige möblierten Wohnungen vermisst? Gar nicht.
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Wie gut, dass die 22 kranken Schwestern jetzt endlich zur Visite angekarrt werden. Da Limousinen-Luis systemrelevant ist, lenkt er das Brautomobil freilich auch in der Corona-Staffel und setzt die sososo-aufgeregten Angrabbelinteressentinnen vor einem billigen Hinterhof-Studio aus. Achso, das ist die Location? Oh. Scheinbar hat RTL für den Empfang einen muffigen Luxuspuff in Berlin-Kreuzberg gemietet. Zumindest ist die Ex-Großraumdisse entsprechend möbliert und ausgeleuchtet – perlende Schampus-Pyramide inklusive.

Die Einrichtung für das Ausweich-Etablissement hat sich RTL einiges kosten lassen. Zirka drei Euro.
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Und dann geht das große Hallozinieren auch schon los. Und was man in diesem Begrüßungswahn sieht, kann man wirklich nicht glauben. Da hätten wir zum Beispiel Stefanie Desiree. Als wären die drölfzig Jennys und Jessicas der letzten Staffel nicht genug gewesen und es nicht schon schwer genug, sich überhaupt einen Namen dieser belanglosen Belagerungsbrigade zu merken, haben die Frauen in diesem Jahr gleich zwei davon. Kim-Virgina (sprich: Kimwörtschinia). Kim-Denise. Linda-Caroline. Laura-Stella. Sarafina-Yogurette hatte leider keine Zeit.

Ein Opfer der Bescharfungskriminalität

Stefanie Desiree ist mit ihrer dunkelweißen Kauleiste jedenfalls aus irgendeiner Geisterbahn entflohen: „Ich bin einfach so wie ich bin ... craaayyyyzeeeeh. Love me for me oder nicht." Ok. Eventuell ist sie auch auf dem Weg zu „Schwiegertochter gesucht" falsch abgebogen, denn ihre Hobbys sind Chili essen, Lotto spielen und Rubbellose. „Lotto spiele ich bestimmt einmal die Woche oder jede Woche." KRASS! Vielleicht sogar wöchentlich??? Wer weiß. Was jedenfalls sicher ist: Sie gewinnt eher den Lotto-Jackpot als das Herz des „Bachelors".

Cruella de Scoville kennt keine Gnade.
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Schon aus 30 Kilometern Entfernung kreischt sie ihm wild gestikulierend ein schallendes „SERVUUUUS! LASS DICH KNUTSCHEN!" entgegen – und als wäre das noch nicht schlimm genug, zupft die schotenschnabulierende Scharfrichterin sich auch noch eine „geile Chili" aus dem Dekolleté und nötigt Niko dazu, diese jetzt sofort zu verschlingen, weil sie das ganz geil macht. Und jetzt wissen wir auch endlich, dass der bis jetzt so herrlich normal wirkende „Bachelor" einen weirden Fetisch hat: Er frisst Chilis von vollgeschwitzten fremden Brüsten direkt ohne zu zögern, obwohl er beteuert, kein scharfes Essen zu vertragen. WAS ZUR HÖLLE.

Miserables Mitgebringsel der Schenkrechtstarter

Bei Maria bedarf jede Namensgebung einer umfassenden Zahnalyse.
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Und wo wir gerade bei komischen Vornamen und Essensvorlieben sind: Der Männergeschmack von Kandidatin Maria (die, die auch einen Mülleimer daten würde) fängt beim Namen an. Die kann sie nämlich schmecken. Zwischen ihren supernovaweißen Zähnen spürt sie zum Beispiel Thomas, weil es Erdnuss ist; Paul ist eine Erdbeere. Niko ist erleichtert, dass er auch goutiert wird und sagt: „Maria schmeckt sicher auch gut". Puh. Ich glaube, da sind noch ein paar Nachhilfestunden fällig.

Aber beim „Bachelor" lernt man ja nie aus. Wenn du glaubst, du hast nach elf Staffeln schon alles gesehen, kommt da plötzlich eine Rotbekleidete mit einer Yoga-Matte um die Ecke und zwingt den Rosenchef in die Knie. Was kommt bitte als nächstes? Hi, ich habe ein 1000-Teile-Puzzle dabei und wir bauen das jetzt zusammen? Eine finnische Euro-Münzen-Sammlung? Eine original Partitur von Verdis „La Traviata"? Oder doch eine selbstgeschnitzte Elefantenstatue aus dem Thailand Urlaub 2014? Nope, knapp daneben: Es gibt ein Ankerarmband, eine Gelbe Karte, ein Berlin-Souvenir, ein selbstgemaltes Bild und ein „Herzlichen Glückwünsch, ich bin deine Zukünftige" von Nora. Also wirklich. Selbst die Heiligen Drei Könige waren beim Schrottwichteln kreativer.

Aber Niko nimmt die Geschenke mit einem genügsamen Fake-Lächeln entgegen, wie ich zu Weihnachten, wenn ich wiedermal irgendeinen Scheiß von Verwandten bekomme, aber nett sein muss. Generell konnte noch nie ein „Bachelor" so gut lügen: Kimwörtschinias Aprikosenkleid mit den besonders ausladenden Schamlippen aus dem Pimkie-Sale fand er „total schön" und Melissas Job als Bankfilialleiterin „superspannend". Joa.

Kimwörtschinia ist in irgendwelche Vorhänge gestolpert.
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Und sonst? Das Übliche. Da gibt es die stangentanzende Ü30-Trulla mit Aufmerksamkeitsdefizit und Hang zur Übergriffigkeit („Hast du eigentlich einen Sixpack?") und die schüchterne 20-Jährige, die aussieht, als hätte sie sich am Weg zum Maturaball verlaufen. Und freilich kennt die beidseitige Schwundkommunikation beim Beschnupperungsschaulaufen wie immer keine Grenzen: „Du hast blaue Augen!" – „Du auch!" „Schönes Lächeln." – „Du auch!" „Wie geht's dir?" – „Du auch." Von allen Seiten wird der „Bachelor" mit den immergleichen Wortsalven eingeölt. Ein Im-Dutzend-Billiger-Komplimentsbukett frisch aus dem Schmalzgroßhandel.

Eine Hochverräterin

Michèle wurde an den Instagram-Pranger gestellt.
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Auch das traditionelle „Ich kenn' dich irgendwoher" darf natürlich nicht fehlen. Der Niko ist bei Kandidatin Michèle nämlich vor Jahren mal in die DMs geslided. Kein Dickpic, nein. Viel schlimmer: Sie haben auf Instagram geschrieben. Das ist im Bachelorversum kein Kavaliersdelikt, sondern Hochverrat. Eine Todsünde. Wie Fremdgehen, nur im Voraus. Kein Wunder also, dass die 27-Jährige von den flott geformten Lästerallianzen gleich verbal gesteinigt wird.

Andere werden vom „Bachelor" mit Missachtung gestraft und machen das, was Menschen in solchen Fällen nun mal so tun. Sie riechen an Lachsbrötchen, stopfen die Gratis-Häppchen in sich rein als gäbe es kein morgen oder rennen heulend aufs Klo, ohne zu wissen, warum. Und dann wären da ja noch die fünf Aussätzigen, die noch ein paar Tage in der Quarantäne versauern müssen. Da haben sie ja nochmal Glück gehabt.

Scheiß auf Yoga. Erstmal ne Runde Candy Crush zocken.
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Weder Glück im Spiel noch in der Liebe hat Stefanie Desiree – bei der rosennächtlichen Goodbyesetzung versetzt der „Bachelor" der Chilibraut den Gnadenstoß. Ja sapperlotto, damit hätte nun wirklich niemand rechnen können. Vorbei ist es auch für Statistin Vivien, die ich noch nie zuvor gesehen habe und die sich wahrscheinlich frech beim Türsteher vorbeigeschlichen hat. Stefanie Desiree nimmt's gelassen: „Ich habe schon damit gerechnet, weil er ist mehr so ein boring Typ." Da hat wohl eine noch nie in ihrem Leben den „Bachelor" geguckt.

TV-Kritiken zur letzten „Bachelor“-Staffel


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