Ängste rund um Semesternoten: Auch Tiroler Eltern üben Kritik

Elternverbänden fehlt eine klare Verordnung bezüglich Semesternoten. Das könnte die Aufnahme an weiterführenden Schulen verzerren. Die Bildungsdirektion beruhigt.

Es sei Zeit für Milde, ließ Minister Faßmann den Lehrern ausrichten. Was das für die Noten heißt, fragen sich viele Eltern – vor allem jene mit Kindern, die vor einem Schulwechsel stehen.
© TT/Hetfleisch

Von Liane Pircher

Innsbruck – Angesichts des ungewöhnlichen Schuljahrs ist die Belastung und der damit verbundene Frust in vielen Familien ohnehin groß. Da tröstete es auch nicht alle, als Bildungsminiser Heinz Faßmann kürzlich in einer Pressekonferenz verlautbaren ließ, dass in den Schulen aktuell eine „Zeit der Milde, nicht der Härte“ herrsche.

Was er genau damit meinte, sorgt mit Blick auf das anstehende Semesterzeugnis für viele Mutmaßungen und Unsicherheit – vor allem bei Eltern von Kindern, die eine Schulnachricht in der vierten Volksschulklasse, vierten Neuen Mittelschule oder AHS-Unterstufe erwarten: „Diese Schulnachrichten sind ausschlaggebend für die Anmeldung und Aufnahme an eine weiterführende Schule“, heißt es in einem Schreiben des Dachverbandes der Elternverbände an das Bildungsministerium.

In dem offenen Brief wird u. a. kritisiert, dass es an vielen Schulstandorten Unklarheiten bezüglich der Leistungsfeststellung gebe – nicht zuletzt auch, weil im gesamten Wintersemester nur eine Schularbeit stattgefunden habe. Es fehle an einer klaren Verordnung zur Notengebung und „es muss für unsere Kinder an allen Schulen die gleichen Chancen geben“.

So sieht es auch Christiane Götz vom Tiroler Landeselternverband für Pflichtschulen: „Durch das Fehlen des gewohnten Präsenzunterrichtes läuft der Kontakt zwischen Eltern und Lehrern oftmals weniger gut und die Kinder wissen oft nicht, auf welchen Noten sie stehen oder wie sie eine Note verbessern könnten. Wir appellieren deshalb insgesamt an die Lehrerschaft, dass Eltern früh genug informiert werden, wenn es Pro­bleme gibt.“ Fakt sei, dass viele Familien das Limit der Belastung erreicht hätten. Je nach Schulstufe würden Kinder, vor allem Oberstufenschüler, bis zu zehn Stunden mit Home-Office und dem Abarbeiten von Auftragsarbeiten verbringen.

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Dazu kommen Unsicherheiten: Vor allem im Ballungsraum Innsbruck – wo jedes Jahr ein Run auf die limitierten Plätze in Gymnasien herrscht – befürchten Eltern eine gewisse Verzerrung der Semsterzeugnisse. Konkret: Was ist, wenn manche Lehrer die vorgeschlagene „Milde“ anders interpretieren als Kollegen? – Einzelne AHS-Direktoren rechnen jedenfalls auch damit, betonen bei einem TT-Rundruf an vier Gymnasien aber wie Direktor Georg Klammer von den Ursulinen: „Wir können die Kriterien im Falle ausweiten und beispielsweise auch Zeugnisse von den ersten Volksschuljahren berücksichtigen.“

Seitens der Bildungsdirektion hofft man nicht, dass dieser Fall eintritt. Dies müsse auch gar nicht sein, weil es auch in Zeiten von Home-Schooling genügend Kriterien für eine Beurteilung gebe, beruhigt Bildungsdirektor Paul Gappmaier. Es gebe auch abseits der einen Schularbeit genug „bewertbare Basis“. Dass es seitens der Eltern vermehrt Druck gebe, in diesem Corona-Schuljahr milder zu beurteilen und im Falle eine bessere Note zu geben, könne man nicht ausschließen. „Diesen Druck erleben viele Lehrer aber auch in normalen Schuljahren, es ist Teil ihres Jobs, dem standzuhalten. Es muss Anspruch bleiben, dass jede Benotung argumentierbar ist“, so Gappmaier. Fakt sei jedenfalls, dass mit aller Sachlichkeit beurteilt werden müsse.

Aktuell ist die Bildungsdirektion Tirol übrigens dabei, zu erheben, wie viele Kinder einen Ersatzunterricht in den Semesterferien machen wollen. Auch Lehrer werden dafür noch gesucht. Für beide Seiten ist das Programm freiwillig und im Präsenzunterricht zu absolvieren – solange die Zahl der Schüler nicht 50 Prozent pro Schule übersteigt. Mit dem Angebot soll jenen geholfen werden, Stoff nachzuholen, die sich im Distance-Learning schwertun.

Eltern kritisieren Schulsystem

Innsbruck, Wien – Eine unter Eltern von Kindern der Schulstufen 5 bis 12 im Frühsommer (Juni/Juli) 2020 durchgeführte Studie zur Zukunft der Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS) in Österreich belegt, dass Anspruch und Wirklichkeit an Schulen auseinanderklaffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des MCI Management Center Innsbruck. Eltern nehmen die AHS oft als von der Lebensrealität entkoppelte, „veraltete Parallelwelt“ wahr. Fähigkeiten wie Selbstreflexion, kreative Lösungen, Neugier oder Freude am Lernen kämen zu kurz.

Es brauche eine grundlegende Neuausrichtung der Lehrpläne und ein Abgehen vom Unterricht in einzelnen, klar voneinander abgegrenzten Schulfächern. Während des ersten Lockdowns hatten Eltern mehr als sonst Einblick in das Schulleben ihrer Kinder“, sagt Nils Mevenkamp als Studienleiter und FH-Professor für Statistik und empirische Sozialforschung am MCI Management Center Innsbruck. Befragt wurden österreichweit 1688 Eltern. (TT, APA)


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