Forscher schätzen Corona-Durchseuchung in Österreich auf 7 Prozent

Selbst in den vom Virus am meisten betroffenen Ländern betrage die Durchseuchung laut Wiener Demographen höchstens 20 Prozent. Herdenimmunität sei also keine geeignete Strategie zur Bekämpfung.

  • Artikel
  • Video
  • Diskussion
(Symbolbild)
© pixabay

Wien – Eine neue Methode zur Schätzung der bisher mit dem SARS-CoV-2-Virus infizierten Personen in einem Land stellen Wiener Demographen im Fachblatt PLOS One vor. Ihre Rechnungen ergaben, dass selbst in den Corona-Hotspots, wie den US-Bundesstaaten New York und New Jersey, vermutlich erst unter 20 Prozent der Bevölkerung infiziert waren. Damit ist man noch weit von einer Herdenimmunität entfernt. In Österreich kommen die Forscher auf eine Durchseuchung von rund sieben Prozent.

Die indirekte Schätzmethode des Teams um Wissenschafter vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie der Technischen Universität (TU) Wien berücksichtigt die Altersstruktur der Bevölkerung, die allgemeine Sterberate in Bezug auf das Alter, die mit Covid-19 in Verbindung stehenden Sterbefälle sowie die Covid-19-Sterbefälle in Bezug auf die dokumentierte Zahlen an Infizierten (Fall-Sterblichkeit). Anhand mathematischer Modelle schätzten die Forscher auch, wie viele der tatsächlichen Fälle mittels Tests in etwa erkannt wurden, heißt es am Mittwoch in einer Aussendung der ÖAW.

In den meisten Ländern nur 60 Prozent der Fälle erkannt

Die Analysen von Miguel Sánchez-Romero und Vanessa Di Lego und Kollegen ergaben Hinweise, dass in den meisten Ländern durch die bisherigen Teststrategien lediglich um die 60 Prozent der Fälle auch erkannt wurden. Dieser Wert gelte auch für Österreich, wie Sánchez-Romero auf Anfrage der APA erklärte. "Unterschiedliche Testverfahren, asymptomatische Personen und die begrenzte Verfügbarkeit von Tests in großem Maßstab verringern die Chancen, wirklich alle Fälle zu erkennen", so der Erstautor der Arbeit.

📽️ Video | Covid-Durchseuchungsrate in Österreich bei 7 Prozent

Die Wissenschafter leiteten mittels eines statistischen Verfahrens auch Informationen zur Dunkelziffer ab. "Wir können mit unserem Modell für eine beliebige Population schätzen, wie viele Menschen jemals mit Covid-19 infiziert waren", so Di Lego. In seiner Arbeit konzentrierte sich das Team auf die USA – also das Land, in dem bisher die höchsten Covid-19-Todeszahlen registriert wurden. Selbst für die Bundesstaaten New York und New Jersey sei mit den derart geschätzten rund 20 Prozent Durchseuchung eine Herdenimmunität, für die laut Experten um die 60 Prozent der Bevölkerung geschützt sein müssten, noch weit entfernt.

"Herdenimmunität in Österreich keine geeignete Strategie"

"Unsere Methode zeigt, dass Herdenimmunität hier keine geeignete Strategie ist", so Di Lego. Das gelte umso mehr für Österreich, "wo wir noch immer weit entfernt von einem Level sind, das der Virusausbreitung Einhalt gebietet", sagte Sánchez-Romero.

Das Team verweist darauf, dass ihre Schätzungen für verschiedene Länder sehr gut mit den Ergebnissen von Seroprävalenzstudien übereinstimmen, bei denen die Zahl der bereits Infizierten anhand von vorhandenen Antikörpern im Blut in einer Stichprobe erhoben und dann auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wird. Solche Untersuchungen seien aber aufwendig und teuer. Die Wissenschafter sehen ihre Methode daher als Möglichkeit zur Ergänzung. "Unser Modell ist ein Werkzeug, das für den weltweiten Einsatz geeignet ist - ohne jedes länderspezifische Detail kennen zu müssen", so Sánchez-Romero, der den Ansatz auch als Werkzeug dafür sieht, zu überprüfen, "ob die Impfstoffstrategie funktioniert und inwiefern die Impfstoffe tatsächlich Todesfälle verhindern." (APA)


Kommentieren


Schlagworte