Impferlebnis in Tel Aviv: Freude mit schlechtem Gewissen

Wer in Israel lebt, kann sich schon lange vor seinen älteren Verwandten etwa in Deutschland gegen das Coronavirus impfen lassen. Doch der Gedanke an die in der Pandemie gefährdeten Eltern trübt die Freude über den Impfschutz.

Mehr als drei Millionen Israelis haben sechs Wochen nach Beginn der Impfkampagne schon ihre Erstimpfung erhalten. Mehr als 1,7 Millionen schon die zweite.
© JACK GUEZ

Von Sara Lemel, dpa

Tel Aviv – Dutzende Menschen warten in einer Schlange vor dem großen, weißen Corona-Impfzelt auf dem Rabin-Platz im Stadtzentrum von Tel Aviv. Ich stelle mich brav hinten an. Am Eingang zeigt sich dann: Ich hätte gar nicht warten müssen. Denn ich gehöre zu den Glücklichen, die schon einen offiziellen Termin für die Zweitimpfung mit dem Biontech-Pfizer-Impfstoff haben. In der langen Schlange warten Leute, die zu jung für einen Impftermin sind, aber an diesem Tag überschüssigen Impfstoff bekommen können.

In Israel werden inzwischen sogar 16- bis 18-Jährige geimpft .
© JACK GUEZ

In dem Impfzelt geht dann alles sehr schnell. Ich werde in eine der mehr als zehn Kabinen bugsiert. Ein freundlicher arabischer Arzt fragt mich nach Nebenwirkungen nach der ersten Dosis vor drei Wochen. Ein lustiger Zufall: Er hat an der Charité in Berlin Medizin studiert, wie sich bei unserem Smalltalk herausstellt. „Ich habe sieben Jahre in Berlin gelebt“, erzählt er in fließendem Deutsch. Der junge Mann mit den dunklen Haaren ist sichtlich stolz auf sein Studium in Deutschland und hat gute Erinnerungen. „Aber das mit dem Impfen, das läuft hier in Israel besser“, sagt er auf Hebräisch.

Die Spritze in den Muskel meines linken Oberarms tut nur ein kleines bisschen weh, mehr als beim ersten Mal. Nach einer freundlichen Verabschiedung auf Deutsch gehe ich wieder aus dem Zelt und warte unter einem Ölbaum am Eingang eine Viertelstunde lang. Es treten keine dramatischen Nebenwirkungen auf und ich mache mich auf den Heimweg.

Erleichterung, schlechtes Gewissen und Zorn

Einerseits fühle ich mich sehr erleichtert, weil ich jetzt endlich „durchgeimpft“ bin; eine kleine Hoffnung auf eine Zukunft ohne Maske und Abstand keimt auf. Wenn ich aber daran denke, dass meine Mutter in Deutschland, die in diesem Jahr 79 Jahre alt wird, noch keinen Termin für eine Erstimpfung hat, verspüre ich eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Zorn. Das geht vielen Deutschen in Israel ähnlich.

TT-ePaper gratis testen und 20 x € 100,- Einkaufsgutscheine gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch

Mehr als drei Millionen Israelis – ein Drittel der Bevölkerung – haben sechs Wochen nach Beginn der Impfkampagne am 19. Dezember schon ihre Erstimpfung erhalten. Mehr als 1,7 Millionen schon die zweite. In Deutschland sind die Zahlen deutlich niedriger – obwohl es neunmal so viel Einwohner hat wie Israel. Im jüdischen Staat werden inzwischen sogar 16- bis 18-Jährige geimpft, damit sie vor der Matura wieder Präsenzunterricht erhalten können. Auch Ausländer in der Altersgruppe bis 35 – darunter auch Journalisten – erhalten den Impfschutz.

Warum es in Israel so viel schneller geht

Warum geht es mit dem Impfen in Israel so viel schneller voran? Das hat verschiedene Gründe. Zum einen hat Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, der insgesamt für seine Corona-Politik eher kritisiert wird, seinem Land mithilfe eines geschickten Deals eine große Menge des Impfstoffes der Hersteller BioNtech und Pfizer gesichert. Im Gegenzug übermittelt Israel Impfdaten an Pfizer. Außerdem hat Israel nach Medienberichten deutlich mehr für die Impfdosen bezahlt als die Europäische Union sowie die USA.

Für Pfizer ist besonders attraktiv, dass Israel mit neun Millionen Einwohnern ein kleines und damit überschaubares „Modell-Land“ ist, mit einem extrem fortschrittlichen und komplett digitalisierten Gesundheitssystem. Jeder Einwohner ist Mitglied von einer der vier Krankenkassen im Land, die auch für die Impfkampagne zuständig sind. Die Kassen sammeln die Impfdaten und analysieren sie. So kann der Impfhersteller prüfen, ob sein Präparat auch „im echten Leben“ so wirksam ist wie in den Versuchen.

Hohe Infektionszahlen als Wermutstropfen

Ein Wermutstropfen: Die Infektionszahlen in Israel bleiben auch nach dreiwöchigem Lockdown und trotz der rasanten Impfkampagne hoch. Israelische Experten sehen die schnellere Ausbreitung der in Großbritannien erstmals entdeckten Mutation als Grund dafür und mahnen zur Geduld.

Ich stelle mich nach der zweiten Impfung auf schlimmere Nebenwirkungen ein, vor denen man mich gewarnt hatte. Am Tag danach fühlt sich mein Arm zwar an, als hätte ich einen harten Schlag bekommen, und ich bin etwas schlapp. Aber ich habe weder Fieber noch Kopfschmerzen, brauche auch keine Schmerzmittel.

Am zweiten Tag nach der Impfung kann ich schon wieder am Strand laufen. Ich freue mich nun auf den von Pfizer versprochenen 95-prozentigen Impfschutz eine Woche nach der zweiten Dosis. Doch das schlechte Gefühl wegen älterer Verwandter in Deutschland bleibt. Ich hoffe, dass auch sie bald den ersehnten Impftermin bekommen.


Kommentieren


Schlagworte