UN-Büro warnt: Menschenhändler nützen Notlagen durch Pandemie aus

Die aktuelle Wirtschaftskrise sorgt dafür, dass die Geschäftsgrundlage von Menschenhändlern immer stärker wird. Frauen und Mädchen in ökonomisch schwachen Regionen sind besonders gefährdet.

Kinder der Rohingya-Minderheit aus Bangladesch in einem Flüchtlingslager in Myanmar. Minderjährige aus diesen Lagern wurden im Vorjahr häufig Opfer von organisiertem Menschenhandel.
© AFP

Wien – Die Corona-Pandemie bringt auch schlechte Nachrichten für Opfer und Bekämpfer des Menschenhandels weltweit. Die durch die Pandemie ausgelöste ökonomische Krise sorgt dafür, dass die Geschäftsgrundlage von Menschenhändlern immer stärker wird. Es gibt immer mehr Menschen, die aus wirtschaftlicher Not Opfer werden können. Ghada Fathy Ismail Waly, die Direktorin des UNO-Büros zur Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), bezeichnete die Situation als „beunruhigend“.

Anlass für Walys Ausführungen war die Präsentation des „Globalen Berichts zu Menschenhandel“ am Dienstag. Wie sich wirtschaftliche Krisen mit steigenden Arbeitslosenzahlen auf das Geschäft der Menschenhändler auswirken, habe man bereits in der Vergangenheit gesehen. Jobsuchende seien eher bereit, hohe Risiken einzugehen, weil sie hoffen, ihre Chancen zu verbessern. Es seien auch Menschen mit niedrigem Einkommen in ökonomisch besonders schwachen Regionen wesentlich stärker gefährdet, in reichere Regionen transferiert zu werden, die sich schneller von den Folgen der Krise erholen.

Zwei Drittel der Opfer weiblich, ein Drittel minderjährig

Für den Report arbeiteten die Autoren mit Datenmaterial aus dem Jahr 2018. Demnach waren sieben von zehn Opfern von Menschenhändlern weiblich, fünf waren erwachsene Frauen, zwei Mädchen. Ein Drittel der Opfer war minderjährig. Auch die Zahl der von Menschenhändlern ausgebeuteten Buben steigt massiv an und nähert sich jener der Mädchen und erwachsener Männer immer mehr an.

Jedes zweite Opfer wird dem Bericht zufolge sexuell ausgebeutet. Allerdings lag diese Zahl im Jahr 2006 bei 79 Prozent, Zwangsarbeit oder zwangsähnliche Arbeitsverhältnisse lagen in jenem Jahr bei 18 Prozent. 2018 ist diese Sparte auf 38 Prozent gestiegen, andere Formen der Ausbeutung machten nun zwölf Prozent aus. Dazu zählen unter anderem, dass die Opfer gezwungen werden, Verbrechen zu verüben oder zu betteln, Zwangsehen, der Verkauf von Babys oder auch Organhandel.

Auffällig sind kontinentale Unterschiede: In Amerika werden vor allem Frauen und Mädchen als Opfer von Menschenhändlern identifiziert, und es geht in erster Linie um sexuelle Ausbeutung. In Sub-Sahara-Afrika geht es hingegen vor allem um Zwangsarbeiter. In Westeuropa findet man hingegen Opfer beiderlei Geschlechts und nahezu jede Form der Ausbeutung.

Kontaktaufnahme häufiger über soziale Medien

Der Report beleuchtete auch, wie die Opfer rekrutiert werden, etwa über soziale Medien. Am Anfang gehen die Täter dabei durchaus vorsichtig vor. Gerade bei Frauen, die sexuell ausgebeutet werden, ist nicht selten der neue Freund der Menschenhändler, der im Laufe der Zeit immer brutaler wird. Die Täter warten aber auch, dass sich Opfer aktiv bei ihnen melden, etwa indem sie auf Inserate antworten.

Der Bericht basiert auf den Daten aus 148 Ländern, darunter auch Österreich. 2018 meldete das Innenministerium 98 entdeckte Fälle von Menschenhandel. 122 der 152 Opfer – ein deutlicher Anstieg gegenüber den Jahren davor – waren erwachsene Frauen, dazu kamen 17 Mädchen und 13 Männer. Nach Nationen kamen die meisten der identifizierten Menschenhandelsopfer der Jahre 2017 und 2018 aus Rumänien (76) und China (73). Beide Gruppen machten jeweils mehr als ein Viertel der Gesamtzahl von 273 in den beiden Jahren zusammengezählt aus. (APA)


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