Rendi-Wagner fordert Quarantäne für Tiroler Bezirke, Anschober verteidigt Strategie

SPÖ-Chefin Rendi-Wagner fordert in Sachen Südafrika-Mutationen schärfere Maßnahmen für Tirol. Das Vorgehen der Regierung sei „zahnlos“ und „zögerlich“. Gesundheitsminister Anschober will heute Abend eine erste Bilanz ziehen.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober nach dem Ministerrat am Mittwoch.
© GEORG HOCHMUTH

Wien, Innsbruck - SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wanger kritisiert das Vorgehen der Regierung bei der Bekämpfung der Corona-Mutationen als "zahnlos" und "zögerlich". "Diese Maßnahmen der Bundesregierung für Tirol werden nicht verhindern, was schon längst hätte verhindert werden müssen", warf Rendi-Wagner der Regierung bei einer Pressekonferenz vor, "dem neuen Virus Tür und Tor zu öffnen". Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) ließ indes offen, ob es noch zu Nachschärfungen kommen wird.

Im Pressefoyer nach dem Ministerrat meinte der Ressortchef, es komme jetzt vor allem auf besonders engmaschiges Testen an. Da gebe es auch eine ganze enge Zusammenarbeit mit Tirol. Heute Abend werde eine erste Bilanz gezogen: "Sollte es zusätzlichen Handlungsbedarf geben, werden wir uns mit dem Land Tirol verständigen."

Insgesamt ist Anschober der Meinung, dass sich die Strategie mit Rein- und Raus-Testen bewähre. So würden beispielsweise über einen Friseur-Besuch jene gewonnen, die bisher keine Tests absolviert hätten.

SPÖ-Chefin für regionale Quarantäne für betroffenen Bezirken

Rendi-Wagner würde ein forscheres Vorgehen begrüßen. Für Tirol forderte sie am Mittwoch eine zumindest zweiwöchige regionale Quarantäne in besonders betroffenen Bezirken und Massentests.. Die "Muskelspiele und Machtkämpfe" Land gegen Bund müssten ein Ende haben. "Wir alle sind Tirol, wir alle sind Österreich."

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Scharfe Kritik übte Rendi-Wagner auch am nach wie vor fehlenden Überblick über die Verbreitung der Corona-Mutationen in Österreich. Einen ersten Bericht darüber hatte die AGES am Dienstag erstellt. Dieser Bericht weist für Tirol bisher 162 Fälle der Südafrika-Mutation auf, in anderen Bundesländern nur vier. Veröffentlicht wurde der Bericht aber bis heute weder von der AGES noch vom Ministerium. Begründet wurde das zuletzt mit nach wie vor unvollständigen Daten. Und die Regierung selbst nannte gestern die Zahl von 293 Mutationsfällen.

📽️ Video | Rendi-Wagner fordert schärfere Corona-Maßnahmen in Tirol

Rendi-Wagner kritisiert, dass es immer noch keinen Echtzeit-Überblick über die Verbreitung der Virus-Varianten gibt. Experten hätten bereits vor Wochen vor der Südafrika-Variante gewarnt, trotzdem habe die Regierung abgewartet, verhandelt und über Zahlen gestritten. Sie forderte von der Regierung, auf die Experten zu hören und rasch zu handeln: "Das Virus zögert nicht, das Virus wartet nicht, das Virus verhandelt nicht."

Mutationsfälle in Tirol

Das Land Tirol veröffentlichte am Mittwoch aktuelle Zahlen zu den bestätigten und unbestätigten Fällen der südafrikanischen Coronavirus-Mutation in Tirol. Die Proben beziehen sich auf den Zeitraum von 23. Dezember 2020 bis 8. Februar 2021.

▶️ Insgesamt lagen - Stand Dienstagabend - rund 430 bestätigte und teils unbestätigte Fälle der Südafrika-Mutation in Tirol vor. Seit vergangenen Donnerstag kamen damit 48 neue Verdachtsfälle auf die Südafrika-Mutation hinzu.

▶️ Rund 165 davon wurden bis dato durch die AGES mit Vollsequenzierung bestätigt. Drei Fälle sind davon derzeit noch aktiv-positiv.

▶️ Rund 15 teilsequenzierte Fälle weisen mit großer Wahrscheinlichkeit eine Südafrika-Mutation auf.

▶️ Rund 250 vorselektierte Verdachtsfälle weisen einen PCR-Verdacht auf die Südafrika-Mutation auf und werden nun teil- bzw. vollsequenziert.

▶️ Von diesen insgesamt 265 vorselektierten und teilsequenzierten Fällen sind aktuell 136 aktiv-positiv.

▶️ Daraus ergibt sich eine Zahl von aktuell 139 aktiv Positiven bei allen bestätigten Fällen und Verdachtsfällen der Südafrika-Mutation in Tirol.

▶️ Mehr als 60 Prozent der Südafrika-Mutationsfälle sind im Bezirk Schwaz zu verzeichnen, 20 Prozent im Bezirk Kufstein sowie rund 11 Prozent im Bezirk Innsbruck-Land.

Öffnungsschritte "Spiel mit dem Feuer"

Als "Spiel mit dem Feuer" abgelehnt werden von Rendi-Wagner auch die diese Woche in Kraft getretenen österreichweiten Öffnungsschritte. Die Infektionen und das Risiko seien nach wie vor zu hoch.

Die SP-Chefin warf der Regierung vor, mit der "Daueröffnungsdiskussion" zur Coronamüdigkeit der Menschen beigetragen zu haben. Hier brauche es eine "klare Kommunikation und konsequente Linie".

Gebi Mair fordert "Impf-Schutzschirm" für Tiroler Bezirke

Die Aussagen des Empidemiologen Gerald Gartlehner im ORF- Report, wonach eine Priorisierung der von der Mutation betroffenen Tiroler Bezirke angedacht werden sollte, greift der Grüne Klubobmann Gebi Mair heute auf. Er spricht von einem "Impf-Schutzschirm", der über betroffene Gebiete aufgespannt werden solle.

"Es braucht flächendeckenden Schutz innerhalb Tirols vor der Mutation und wirksamen Schutz nach außen. Die Maßnahmen, die in den letzten Tagen beschlossen wurden, können einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Aber wenn diese Maßnahmen sich als nicht ausreichend herausstellen, müssen wir als Phase II der Mutationseindämmung rasch einen Impf-Schutzschirm aufspannen. Dafür müssen jetzt die Pläne vorbereitet werden, um im Falle des Falles die Bevölkerung rasch durchzuimpfen", so Mair.

Infrage kommen für den Grünen Klubobmann derzeit ausschließlich die beiden mRNA-Impfstoffe von Moderna und BioNTech/Pfizer, da laut Experen die Wirksamkeit des AstraZenca-Impfstoffs bei der B.1.351 Mutation nicht gewährleistet sei.

"Pandemieverlauf von ganz Österreich entscheidet sich in Tirol"

Mair sieht in dem Schutzschirm ein nationales Interesse: "Die Experten sind sich einig, dass sich der weitere Pandemieverlauf von ganz Österreich in Tirol entscheidet. Dementsprechend sollten wir vorhandenen Impfstoff dort zum Einsatz bringen, wo er für die Pandemiebekämpfung gerade am notwendigsten ist. Für diese regionale Mutations-Priorisierung haben sicher auch alle anderen Bundesländer Verständnis, wenn dadurch ein Überspringen auf andere Bundesländern verhindert werden kann.“

Klar sei für Mair, dass im Falle des Mutationsschutzschirms über den Bezirk Schwaz Risikogruppen und ältere Menschen zuerst durchgeimpft werden sollen und dann rasch die gesamte Bevölkerung im betroffenen Gebiet. "Was wir an sinnvollen Werkzeugen im Maßnahmen-Koffer haben, sollten wir auch griffbereit haben." (TT.com, APA)

📽️ Video | Epidemiologe Gartlehner zu den Maßnahmen für Tirol


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