„First Mover“ in der Pandemie: Wo stehen die einstigen Musterschüler heute?

Im Frühjahr 2020 erklärten sich einige Länder – darunter Österreich – zu "First Movern" in der Corona-Krise. Wo stehen diese Staaten heute? Ihre Entwicklung in den vergangenen Monaten ist jedenfalls höchst unterschiedlich. Nun sucht Kanzler Kurz in der Impfstoffpolitik erneut den Schulterschluss mit Israel, Dänemark und Co.

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Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) im Mai 2020 bei einer Videokonferenz mit den selbsternannten "First Mover"-Staaten in der Corona-Pandemie.
© HANS PUNZ

Wien – Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) setzt zur Lösung des Impfstoffproblems erneut auf das Format der „First Mover“. Zu der Gruppe von Ländern, die sich wegen ihrer raschen Reaktion auf die erste Corona-Welle im vergangenen Frühjahr selbst zu Musterschülern erklärten, gehören neben Österreich Australien, Dänemark, Griechenland, Israel, Neuseeland, Norwegen und Tschechien. Ein Jahr nach Beginn der Pandemie fällt die Bilanz der Länder allerdings sehr unterschiedlich aus.

📽 Video | Kurz will mit "First Movern" Impfstoffherstellung forcieren

Die Initiative zum ersten virtuellen Treffen der Länder am 24. April vergangenes Jahr ging von Kurz aus. Die bunte Mischung der völlig unterschiedlichen Länder ergab sich daraus, dass es diesen Ländern in der ersten Welle ähnlich gut gelungen war, durch sehr früh gesetzte strikte Maßnahmen die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Zwischendurch wurden auch Singapur und Costa Rica in den Kreis aufgenommen. Neuseeland war nur bei den ersten Video-Treffen dabei.

Kaum noch Parallelen

Mittlerweile sind zwischen den Ländern kaum mehr Parallelen bei der Bewältigung der Pandemie zu erkennen. Als Vorzeigeländer gelten schon lange nur mehr einige von ihnen. Während Australien und Neuseeland weiterhin sehr gut durch die Pandemie kommen, was neben den strikten Maßnahmen aber zu einem guten Teil auch der geografischen Lage der Inselnationen geschuldet ist, haben vor allem Israel und Tschechien eine sehr durchwachsene Bilanz vorzuweisen.

Die Länder reagierten in der zweiten Welle mit Maßnahmen deutlich zögerlicher als in der ersten Welle und haben bis heute mit den Folgen zu kämpfen. Wochenlange Lockdowns brachten die Zahlen nicht wie gewünscht nach unten. Israel ist nun Impfweltmeister, die hohen Infektionszahlen sinken aber nur langsam. Tschechien ist das Land in der EU mit der höchsten Inzidenzrate in der EU, das Gesundheitssystem ist seit Wochen am Rande seiner Kapazitäten.

Die einstigen First Mover haben trotz der völlig unterschiedlichen Entwicklungen ihre regelmäßigen Beratungen fortgesetzt. Zuletzt berieten die Länder Mitte Jänner über die Pandemie-Bekämpfung und die Impfstrategien. Nun reist Kurz am Donnerstag gemeinsam mit seiner dänischen Amtskollegin Mette Frederiksen zu Premier Benjamin Netanyahu nach Israel, um Kooperationen bei der Impfstoffproduktion zu besprechen.

🔍 Überblick: Wo stehen die einstigen "First Mover"-Staaten heute?

Australien: Ein abgeschotteter Kontinent

Bestätigte Infektionen insgesamt: 28.930, Tote: 909, 14-Tage-Inzidenz: 0,3, Impfrate: k. A.

Australien ist im internationalen Vergleich relativ glimpflich durch die Corona-Pandemie gekommen. Das 25-Millionen-Einwohner-Land verzeichnete insgesamt 28.930 Fälle und rund 900 Tote im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Nach der erfolgreichen Eindämmung der Pandemie im Frühjahr wurden lokale Cluster immer wieder mit raschen und harten regionalen Lockdowns bekämpft. Schon im Juli wurden wochenlange Beschränkungen mit nächtlichen Ausgangssperren im Bundesstaat Victoria mit der Millionenstadt Melbourne verhängt.

Im Herbst galt das Virus wochenlang als verschwunden, bis Mitte Dezember neue Fälle in Sydney ausbrachen und umgehend ein regionaler Lockdown und Reisebeschränkungen zwischen den Regionen verhängt wurden. Seit einem Jahr blieben auch die Grenzen des Kontinents weitgehend dicht. Eine Öffnung der Grenzen ist auch im Jahr 2021 trotz Impfungen nicht zu erwarten, erklärte der medizinische Chefberater der australischen Regierung, Brendan Murphy im Jänner.

Dänemark: Einer der Vorreiter in der EU

Bestätigte Infektionen insgesamt: 208.027, Tote: 2.343, 14-Tage-Inzidenz: 110, Impfrate: 3,18%

Dänemark war eines der ersten europäischen Länder, das Anfang März 2020 bereits strikte Corona-Maßnahmen setzte und die Grenzen schloss. Auch bei der Öffnung war das Land ganz vorne dabei und begann anders als andere Länder zuerst im Bildungsbereich. Bis zum Spätherbst kam das Land sehr gut durch die Pandemie. Im November begannen die Infektionszahlen dann aber rasant zu steigen. Dänemark war eines der ersten EU-Länder, in denen sich die britische Variante des Coronavirus verbreitete. Sorge bereitete zugleich eine mutierte Form des Coronavirus bei Nerzen, die auf Menschen übertragen wurde. Mehr als 15 Millionen Nerze wurden deshalb getötet.

Nach Höchstwerten bei den täglichen Neuinfektionszahlen im Dezember sind die Coronazahlen in dem nordeuropäischen Land mittlerweile wieder deutlich zurückgegangen. Die 14-Tage-Inzidenz liegt derzeit knapp über 110. Auch das Impfen geht im europäischen Vergleich relativ zügig voran. Die strikten Lockdown-Maßnahmen wurden dennoch erst am Montag vorsichtig gelockert. Der Großteil der Einzelhändler sowie Kultureinrichtungen unter freiem Himmel durften wieder öffnen. Die Volksschulen sind seit Februar geöffnet. Nur in einigen Regionen dürfen auch einige größere Kinder wieder in die Schule. Parallel zu den Lockerungen wurden die ohnehin guten Testkapazitäten erhöht, um maximal 400.000 PCR- oder Corona-Schnelltests pro Tag in dem rund 5,8-Millionen-Einwohner-Land machen zu können.

Griechenland: Gesundheitssystem unter Druck

Bestätigte Infektionen insgesamt: 179.802, Tote: 6.297, 14-Tage-Inzidenz: 148, Impfrate: 3,04%

Griechenland steht im EU-Vergleich zahlenmäßig relativ gut da. Dennoch befindet sich das Land mit seinen rund elf Millionen Einwohner wegen zuletzt sprunghaft angestiegenen Infektionszahlen seit drei Wochen erneut in einem harten Lockdown. Dennoch stiegen die Infektionszahlen zuletzt weiter. Das griechische Gesundheitssystem, das nach der jahrelangen schweren Finanzkrise des Landes nicht besonders gut aufgestellt ist, steht unter Druck. Die Regierung hatte deshalb von Beginn der Pandemie an im Vergleich zu anderen EU-Staaten einen verhältnismäßig harten Kurs gefahren. Die rund 400 Intensivbetten im Großraum Athen sind derzeit zu 93 Prozent belegt.

Israel: Land der Extreme

Bestätigte Infektionen insgesamt: 752.398, Tote: 5.585, 14-Tage-Inzidenz: 600, Impfrate: 38,72%

Israel ist das Land der Extreme: Kaum ein Land kam so gut durch die erste Corona-Welle im Frühjahr, aber auch kaum ein Land verzeichnete so hohe Infektionszahlen im Verhältnis zur Einwohnerzahl in der folgenden Welle. Die Infektionszahlen sind nach wie vor hoch, mittlerweile macht das Land aber vor allem als Impfweltmeister internationale Schlagzeilen. Der Preis dafür ist eine mit Pfizer vereinbarte Übermittlung von Impfdaten an den Pharmakonzern.

Nach dem dritten wochenlangen harten Lockdown und einer massiven Impfkampagne gehen die Zahlen der Neuinfektionen nun langsam zurück. Die 14-Tage-Inzidenz ist in den vergangenen Woche deutlich gesunken liegt aber immer noch bei 600 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Bisher ist bereits die Hälfte aller Israelis mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft worden. Rund 3,3 Millionen der insgesamt 9,3 Millionen Menschen haben bereits die zweite Impfdosis erhalten. Rund 30 Prozent der israelischen Bevölkerung ist jünger als 16 Jahre, diese Gruppe wird vorerst nicht geimpft.

Menschenrechtsgruppen werfen Israel vor, als Besatzungsmacht nicht genug für die Impfung von im Westjordanland und im Gazastreifen lebenden Palästinensern zu tun. Israel argumentiert, dass die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) laut Abkommen selbst für Gesundheitsfragen zuständig sei. Diese Woche kündigte Israel aber eine Impfkampagne für Zehntausende in Israel oder den israelischen Siedlungen beschäftigte palästinensische Arbeiter an.

Neuseeland: Rigide Maßnahmen bei einzelnen Fällen

Bestätigte Infektionen insgesamt: 2.001, Tote: 26, 14-Tage-Inzidenz: 0,77, Impfrate: k.A.

Neuseeland gehört nach wie vor zu den weltweit erfolgreichsten Ländern bei der Eindämmung der Pandemie. Nach dem guten Start und einem strikten Lockdown im Frühjahr reagierte die Regierung von Premierministerin Jacinda Ardern auch auf einen neuen Infektionsherd Mitte August in der größten Stadt Auckland rasch mit erneuten rigiden Maßnahmen. Die Grenzen des abgelegenen Inselstaates blieben geschlossen. Alle Einreisende müssen sich nach der Einreise für zwei Wochen in staatlichen Einrichtungen in Quarantäne begeben. Der Inselstaat mit fünf Millionen Einwohnern verzeichnete seit Beginn der Pandemie nur 26 Tote im Zusammenhang mit Covid-19.

Zwischen Mitte November und Ende Jänner wurde wochenlang überhaupt kein einziger Infektionsfall registriert. Zuletzt wurde in Auckland wieder ein dreitägiger Lockdown verhängt, nachdem dort erstmals die ansteckendere Corona-Variante aus Großbritannien nachgewiesen worden war. Mit den Impfungen begann das Land erst vor knapp zwei Wochen.

Norwegen: Strikte Maßnahmen, niedrige Zahlen

Bestätigte Infektionen insgesamt: 68.531, Tote: 608, 14-Tage-Inzidenz: 70, Impfrate: 3,04%

Norwegen ist bisher relativ gut durch die Corona-Krise gekommen, die Infektionsraten zählen seit langem zu den niedrigsten Europas. Das Land verhängte anders als das Nachbarland Schweden von Beginn an strikte Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus und ein strenges Grenzregime. In der Hauptstadt Oslo sind die Fallzahlen jedoch deutlich höher als im Rest des Landes, weshalb zuletzt strikte Maßnahmen für die Hauptstadtregion verhängt wurden. Am Dienstag mussten alle Lokale und Geschäfte schließen. Ausnahmen gelten unter anderem für Supermärkte und Apotheken. Die Maßnahmen gelten vorerst bis 15. März.

Tschechien: Vom Musterland zum größten Sorgenkind

Bestätigte Infektionen insgesamt: 1.157.180, Tote: 19.330, 14-Tage-Inzidenz: 1.120, Impfrate: 2,28%

Unser Nachbarland hat sich vom Musterland zu größten Sorgenkind Europas entwickelt. Während im März rasch und mit strikten Maßnahmen wie einer Maskenpflicht im gesamten öffentlichen Raum auf die ersten bestätigten Fälle reagiert wurde, zögerte die tschechische Regierung im August trotz steigender Infektionszahlen zunächst lange. Erst spät wurden die unpopulären Maßnahmen wieder verschärft.

Im Herbst kam das Gesundheitssystem wegen explodierenden Infektionszahlen an seine Grenzen. Strikte Maßnahmen brachten die Infektionszahlen nur langsam nach unten. Zuletzt wurde der seit Wochen geltende Lockdown weiter verschärft. Dennoch steigen die Infektionszahlen wieder und das Gesundheitssystem stößt seit Wochen an seinen Kapazitätsgrenzen. Fast 20.000 Menschen sind in Tschechien bereits im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben.

Österreich: Bestätigte Infektionen insgesamt: 441.742, Tote: 8.258, 14-Tage-Inzidenz: 228, Impfrate: 2,39%

(TT.com, APA)


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