Proteste in Myanmar gehen nach blutigstem Tag weiter, Trauer um Tote

Die brutale Gewalt gegen Demonstranten in Myanmar eskaliert immer mehr. Mittlerweile schießen Polizei und Armee willkürlich in die Menge. Zahlreiche Menschen gehen trotz allem weiter auf die Straße. Die EU setzt nun ihre Entwicklungshilfe für das Land aus.

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Mit Tränengas und Schüssen ging die Polizei gegen die Demonstranten vor.
© AFP

Rangun, Mandalay – Nach dem bisher blutigsten Tag der friedlichen Proteste gegen den Militärputsch in Myanmar sind am Donnerstag erneut zahlreiche Menschen in vielen Landesteilen gegen die Junta auf die Straßen gegangen. Die Polizei eröffnete Augenzeugen zufolge auch diesmal in verschiedenen Orten das Feuer und setzte Tränengas ein. Berichte über neue Todesopfer lagen aber nicht vor. Laut UNO tötete die Staatsmacht seit dem Putsch mindestens 54 Menschen.

„Uns ist klar, dass wir jederzeit mit scharfer Munition erschossen werden können. Aber es hat auch keinen Sinn, unter der Junta am Leben zu bleiben, deshalb wählen wir diesen gefährlichen Weg, um dem zu entkommen," sagte der Aktivist Maung Saungkha der Nachrichtenagentur Reuters.

Zugleich trauerten die Menschen in Myanmar am Donnerstag um die Toten. Nach Angaben der Vereinten Nationen kamen allein am gestrigen Mittwoch mindestens 38 Menschen ums Leben gekommen, als die Polizei mit scharfer Munition auf Demonstranten schoss. Die Zahl der Toten könnte aber weiter steigen, weil viele Menschen teils schwer verletzt wurden, hieß es. Im ganzen Land gedachten Menschen der Opfer mit Blumen, wie auf Videos und Bildern in Sozialen Netzwerken zu sehen war.

UN-Sonderbeauftragte Christine Schraner Burgener berichtete außerdem von „sehr verstörenden“ Videos, auf denen Gewalt und das offensichtliche Erschießen eines Protestierenden zu sehen gewesen sei. „Es scheint so, dass die Polizei Waffen wie Neun-Millimeter-Maschinenpistolen, also scharfe Munition, einsetzt.“

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📽️ Video | Mindestens 38 Menschen bei Protesten in Myanmar erschossen

EU setzt Entwicklungshilfe für Myanmar aus

Die EU setzte wegen der eskalierenden Gewalt gegen Demonstranten in Myanmar ihre Entwicklungshilfe für das südostasiatische Land aus. So solle verhindert werden, dass dem Land nach dem jüngsten Militärputsch finanzielle Unterstützung zukomme, teilte die EU-Kommission am Donnerstag in Brüssel mit.

Die UNO-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet forderte die Militärjunta auf, die „brutale Unterdrückung" der Bevölkerung zu beenden. Seit dem Militärputsch am 1. Februar seien mindestens 54 Menschen bei Protesten getötet und 1700 weitere inhaftiert worden, erklärte sie. Das Militär müsse aufhören, „Demonstranten zu ermorden und zu inhaftieren," forderte sie. Es sei „abscheulich", dass „mit scharfer Munition auf friedliche Demonstranten" geschossen werde.

Die tatsächliche Zahl der Toten könnte weitaus höher sein, da es sich bei den angegebenen 54 Todesopfern nur um jene handle, die die UNO verifizieren konnte, fügte die UNO-Kommissarin hinzu. Bachelet zeigte sich ebenfalls „entsetzt über dokumentierte Angriffe auf medizinisches Personal und Krankenwagen", die versuchten, verletzte Demonstranten zu versorgen.

Festnahmen wie „erzwungene Verschleppungen"

Unter den rund 1700 Festgenommenen befinden sich nach Angaben der UNO Parlamentarier, politische Aktivisten und Bürgerrechtsaktivisten, Wahlhelfer, Lehrer, Mitarbeiter des Gesundheitswesens, Journalisten und Mönche. Viele der Festnahmen könnten „als erzwungene Verschleppungen gewertet werden", erklärte Bachelet und forderte die sofortige Freilassung aller, die willkürlich festgehalten werden.

Bachelet forderte „alle, die über Informationen und Einfluss verfügen", auf, sich an den internationalen Bemühungen zu beteiligen, um das Militär „für die schweren Menschenrechtsverletzungen, die sowohl jetzt als auch in der Vergangenheit begangen wurden, zur Verantwortung zu ziehen".

Mit scharfer Munition in Menge geschossen

Viele Tote gab es am Mittwoch in der früheren Hauptstadt Rangun, einem der Zentren der Proteste. „Etwa sechs Militärfahrzeuge sind auf eine Brücke gefahren, unter der wir uns befanden und friedlich demonstrierten“, sagte Min Han Htet, der Präsident einer örtlichen Studentenvereinigung, der Deutschen Presse-Agentur. „Es waren Soldaten der Armee, und sie haben einfach auf uns geschossen.“ Mehrere Teilnehmer seien direkt vor seinen Augen gestorben. „Wir dachten, sie würden mit Gummigeschossen auf uns zielen, aber es war scharfe Munition“, sagte der 22-Jährige.

Die Deutsche Botschaft in Rangun und mehrere weitere westliche Botschaften posteten als Reaktion und Zeichen der Trauer auf Facebook schwarze Profilbilder. Die US-Botschaft schrieb darunter: „Es ist uns unerträglich, den Verlust so vieler Menschenleben in Myanmar zu sehen. (...) Das Zielen auf Zivilisten ist abscheulich.“

Ein Demonstrant in Mandalay flüchtet vor der Polizei.
© AFP

Unzählige nahmen am Donnerstags in der nördlichen Stadt Mandalay an der Beerdigung einer 19-Jährigen teil, die zuvor durch einen Kopfschuss getötet worden war.

Begräbniszug für den 19-jährigen Kyal Sin.
© AFP

Augenzeugen und Medien zufolge löste die Polizei am Donnerstag mit Gewehrfeuer und Tränengas Proteste unter anderem in Yangon (Rangun) sowie im zentral gelegenen Monywa und in Pathein auf. In Yangon versammelte sich anschließend dennoch wieder eine größere Menge, und stimmte Sprechchöre und Gesänge an. Fünf Kampfjets des Militärs überflogen in Formation und niedriger Höhe die zweitgrößte Stadt Mandalay, offenbar um Stärke zu zeigen. Trotzdem kamen auch hier später Demonstranten friedlich zusammen, ebenso wie in der historischen Tempel-Stadt Bagan, wo Hunderte nach Angaben von Augenzeugen die Freilassung der seit dem Putsch festgehaltenen De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi forderten.

Schraner Burgener, sagte in New York, sie habe den stellvertretenden Militärchef Soe Win gewarnt, dass das Militär mit harten Maßnahmen einiger Länder und Isolation rechnen müsse. „Die Antwort war: 'Wir sind an Sanktionen gewöhnt, und wir haben überlebt. (...) Wir müssen lernen, nur wenige Freunde an unserer Seite zu haben'."

Treffen von Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am Freitag

Diplomaten zufolge soll sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am Freitag unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit der Lage befassen. Die USA haben China nach Angaben von Außenamtssprecher Ned Price dazu aufgefordert, eine „konstruktive Rolle" zu spielen. Die Volksrepublik lehnt es bisher ab, den Putsch zu verurteilen. In chinesischen Staatsmedien wurden die Vorgänge als "große Kabinettsumbildung" beschrieben.

Das Militär in Myanmar hatte vor rund einem Monat gegen Aung San Suu Kyi geputscht und sie unter Hausarrest gestellt. Als Grund führten die Generäle Unregelmäßigkeiten bei der Parlamentswahl vom November an, die Suu Kyi klarem Vorsprung gewonnen hatte. Die Demonstranten fordern die Wiedereinsetzung der 75-Jährigen, die im Land äußerst beliebt ist. Wie viele Menschen bisher insgesamt von Sicherheitskräften getötet, verletzt oder festgenommen wurden, ist unklar. Es waren aber mehr als 50.

Inzwischen haben sich inmitten des immer härteren Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters drei Polizeibeamte aus Myanmar nach Indien abgesetzt, um Zuflucht zu suchen. „Sie haben gesagt, dass sie Anweisungen von der Militärherrschaft bekommen haben, die sie nicht befolgen können. Also sind sie weggelaufen", sagte Polizeiinspektor Stephen Lalrinawma aus dem indischen Unionsstaat Mizoram am Donnerstag. Dort kamen die drei Polizisten aus Myanmar den Angaben nach am Mittwoch über die Grenze. Indien und Myanmar trennt eine etwa 1640 Kilometer lange Landgrenze. (dpa, Reuters, TT.com)


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