Kurz will sich mit AstraZeneca impfen lassen, Impf-Stopp in mehreren Ländern

Nach Dänemark, Norwegen und Island setzen auch Thailand und Bulgarien die Immunisierung mit AstraZeneca vorerst komplett aus. Italien konfiszierte eine Charge nach ungeklärten Todesfällen komplett. In Österreich erklärte Bundeskanzler Kurz (ÖVP) sich mit der Vakzine impfen lassen zu wollen.

In Italien wurden bisher fünf Todesfälle publik, bei denen geprüft wird, ob sie in Zusammenhang mit der Impfung aus einer nun konfiszierten AstraZeneca-Charge stehen.
© AFP/Medina

Rom – Rund um den Corona-Impfstoff von AstraZeneca gehen die Wogen hoch. Nach Dänemark, Norwegen und Island haben am Freitag auch Bulgarien und Thailand die Impfung mit dem Präparat des britisch-schwedischen Herstellers ausgesetzt. In Italien und Rumänien wurde eine Charge von den Arzneimittelbehörden verboten, nachdem Geimpfte nur Stunden nach der Verabreichung der Vakzin verstorben sind.

📽 Video | AstraZeneca wird in Österreich weiter eingesetzt

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) erklärte hingegen, er werde sich selbst mit AstraZeneca impfen lassen. Damit wolle er versuchen, seinen Beitrag zu leisten. „Ich habe mir hier ein klares Bild gemacht“, sagte Kurz. „Nachdem es viele Menschen gibt, die sich Sorgen machen, werde ich mich auch mit AstraZeneca impfen lassen, um zu zeigen, dass ich Vertrauen in den Impfstoff habe“, betonte der Bundeskanzler am Freitag. Ob man sich impfen lässt, sei eine höchstpersönliche Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss, meinte Kurz.

Wenn es einen Todesfall oder einen Vorfall gibt, müsse dies natürlich geprüft werden. Die Überprüfungen, die bisher in Österreich stattgefunden haben, zeigen genau, "dass es keinen kausalen Zusammenhang" gegeben hat, meinte Kurz. "Ich vertraue den Experten". Er bekräftigte auch, dass Entscheidungen über Impf-Stopps "niemals politische sein können, sondern von Expertinnen und Experten getroffen werden müssen".

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WHO: Keine Hinweise auf Zusammenhang mit Blutgerinnseln

Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht nach Berichten über schwere Fälle von Blutgerinnseln keinen Anlass, die Impfungen mit AstraZeneca zu stoppen. „Ja, wir sollten den Astrazeneca-Impfstoff weiterhin verwenden“, betonte WHO-Sprecherin Margaret Harris am Freitag. „Es gibt keinen Grund, ihn nicht einzusetzen.“

Harris betonte, dass WHO-Experten eine Untersuchung zu den Berichten über die Blutgerinnsel eingeleitet hätten. Derzeit gebe es jedoch keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen den Blutgerinnseln und den Impfungen. Jede Sicherheitswarnung in Bezug auf die Corona-Impfstoffe werde untersucht, betonte die WHO-Sprecherin.

Ermittlungen gegen AstraZeneca-CEO in Italien

Die sizilianische Justiz hat Ermittlungen gegen den CEO von AstraZeneca in Italien aufgenommen. Ermittelt wird wegen Fahrlässigkeit in Zusammenhang mit dem Tod eines sizilianischen Marineoffiziers, berichteten italienische Medien. Der Militär erlag einem Herzinfarkt wenige Stunden nachdem er mit dem AstraZeneca-Impfstoff immunisiert worden war.

Gegen weitere drei Personen wird in Zusammenhang mit dem Tod des 43-jährigen Offiziers aus der Provinz Catania ermittelt. Dabei handelt es sich um einen Arzt und um einen Krankenpfleger des Militärkrankenhauses, in dem der Offizier immunisiert wurde.

Der Militär wurde mit Impfstoff aus der AstraZeneca-Charge immunisiert, die Italiens Arzneibehörde AIFA am Donnerstag eingezogen hatte. Diese Charge enthielt 560.000 Ampullen, 250.000 davon wurden Italien geliefert, die anderen an sieben EU-Länder. Italiens Oberstes Gesundheitsinstitut ISS hat eine Analyse der Charge eingeleitet. Mit einem Ergebnis sei nächste Woche zu rechnen, sagte Gianni Rezza, Experte des italienischen Gesundheitsministeriums. Ermittelt wird um weitere vier Todesfälle, die mit der AstraZeneca-Charge verbunden sein könnten.

Das Gesundheitsministerium entsendete Inspektoren nach Sizilien, um zu kontrollieren, ob die Impfungsprozeduren eingehalten worden seien. Das Oberste Gesundheitsinstitut prüft den Inhalt der Ampullen der verdächtigten Charge.

Die Todesfälle setzen die Regierung um Premierminister Mario Draghi unter Druck, die dieser Tage eine Beschleunigung der Impfkampagne angekündigt hatte. Die Telefone der Gesundheitsbehörden liefen jedenfalls heiß: Viele Militärangehörige und Lehrerpersonal, die mit AstraZeneca immunisiert werden sollen, erklärten sich besorgt. Die Gesundheitsbehörden befürchten, dass viele Impfungen abgesagt werden könnten. In Italien haben sechs Millionen Menschen zumindest eine Impfdosis erhalten.

Auch Thailand stoppt AstraZeneca vorerst

Vorerst gänzlich gestoppt hat Thailand die Impfungen mit AstraZeneca. Die Regierung reagiere damit auf die Entscheidung Dänemarks und anderer Länder. Als Grund wurden Berichte über schwere Fälle von Blutgerinnseln genannt, berichtete die Zeitung "Bangkok Post". Falls die europäischen Arzneimittelbehörden nach ihren Untersuchungen grünes Licht geben würden, werde auch Thailand die Impfungen wieder aufnehmen, sagte der Mediziner Prasit Watanapa.

Das südostasiatische Land hatte im vergangenen Monat 117.000 Dosen des Impfstoffs erhalten. "Mit dieser Verschiebung sagen wir nicht, dass der Impfstoff problematisch ist. Wir wollen damit nur auf die Überprüfung warten, ob es irgendwelche Auswirkungen auf den Impfstoff oder nur diese Charge des Impfstoffs gibt", erklärte der Virologe Yong Poovorawan.

Dänemark: Stopp zunächst für 14 Tage

Dänemark hatte entschieden, vorübergehend niemanden mehr mit dem AstraZeneca-Vakzin zu impfen. Es wurde in diesem Zusammenhang auch über einen möglichen Todesfall berichtet. Man könne jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststellen, ob ein Zusammenhang zwischen dem Vakzin und den Blutgerinnseln bestehe, hieß es. Nach Behördenangaben wird der Stopp zunächst 14 Tage dauern. Nach der Bekanntgabe in Kopenhagen entschlossen sich auch die Nicht-EU-Länder Norwegen und Island, den Gebrauch des Präparats von Astrazeneca vorübergehend zu stoppen.

📽 Video | Nach Impfung: Grazer Krankenschwester mit Lungenembolie

In Österreich wurde nach dem Tod einer 49-Jährigen in Folge schwerer Gerinnungsstörungen eine Charge aus dem Verkehr gezogen. Das Nationale Impfgremium, das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG), Gesundheitsministerium und die Bundesländer sprachen sich aber dafür aus, den Impfstoff weiter zu verwenden. (TT.com, APA)

EU soll in nächster Zeit kein AstraZeneca aus USA erhalten

Die Europäische Union könne in nächster Zeit nicht mit Lieferungen des AstraZeneca-Impfstoffs aus den USA rechnen. "Die USA haben uns mitgeteilt, dass sie auf keinen Fall AstraZeneca-Impfungen an die EU ausliefern werden", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen in die Verhandlungen involvierten Beamten.

Erst vor wenigen Tagen war bekannt geworden, dass die EU-Kommission Washington um die Genehmigung für eine Ausfuhr von AstraZeneca-Impfstoff bitten werde, der in den USA produziert oder abgefüllt wird. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass der Impfstoffhersteller seine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber der EU einhalten könne. AstraZeneca hatte nach der Ankündigung, im zweiten Quartal nicht die vereinbarten Dosen an die EU liefern zu können, auf zusätzliche Produktionsstätten außerhalb Europas verwiesen.

Jen Psaki, Sprecherin des Weißen Hauses, betonte unterdessen gegenüber Journalisten, dass die US-Regierung zunächst den Fokus auf die Versorgung der eigenen Bevölkerung legen wolle, der Direktbezug für andere Länder aber weiterhin offen bleibe. Aktuell ist der Impfstoff von AstraZeneca in den USA noch nicht zugelassen.

Der schwedisch-britische Konzern hat zudem seine Prognose für die Lieferung von Corona-Impfstoffen an die EU im ersten Quartal auf etwa 30 Millionen Dosen gesenkt, wie aus einem Reuters vorliegenden Dokument hervorgeht. Dieses zeigt, dass die Lieferung nur einem Drittel seiner vertraglichen Verpflichtungen und einem Rückgang von 25 Prozent gegenüber den Zusagen vom vergangenen Monat entspricht.


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