Friedlichem Protest folgte Blutbad: Syrien-Krieg begann vor zehn Jahren

Am 15. März 2011 gingen in Syrien friedliche Demonstranten gegen Machthaber Assad auf die Straße. Die Folge: Ein blutiger Konflikt mit fast 400.000 Toten, Terrorherrschaft und Flüchtlingsströme. Assad ist zehn Jahre nach Kriegsbeginn noch immer an der Macht.

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Zehn Jahre Krieg: In der letzten Islamistenhochburg Idlib wurde am Montag demonstriert.
© RAMI AL SAYED

Damaskus – Er war in Syrien als Reformer angetreten, hatte dafür auch viel Lob im Westen erfahren, sein Herrschaftssystem blieb aber auf ihn, seinen Clan und die mächtige Baath-Partei zugeschnitten: Bashar al-Assad, der im Jahr 2000 die Nachfolge seines diktatorisch regierenden Vaters Hafez al-Assad als Präsident angetreten hatte, holte 2011, vor genau zehn Jahren, der Tsunami des „Arabischen Frühlings“ ein, der damals die Region überrollte.

Anfangs als Reformer gelobt, wird der syrische Präsident Assad heute vom Westen als Kriegsverbrecher geächtet.
© APA/AFP/EID

Am 15. März 2011 gingen Damaskus und in Deraa (Daraa) im Süden Syriens Demonstranten gegen die Herrschaft Assads auf die Straße. Einige Tage später feuerten Militärs auf die friedlichen Kundgebungsteilnehmer. Viele Regimegegner wurden in Foltergefängnisse verschleppt, zahlreiche grausam ermordet. Die Protestdemonstrationen weiteten sich zu einem Aufstand gegen die Assad-Herrschaft aus. Viele sunnitische Regimegegner schlossen sich der Bewegung an, die sich auch gegen die herrschende Minderheit der Alawiten, eine Strömung des schiitischen Islam, richtete.

Im Juli 2011 versuchte der abtrünnige Oberst Riyadh al-Asaad mit anderen Deserteuren die Freie Syrische Armee (FSA) aufzubauen, die auch auf die Unterstützung überkonfessioneller Bürgerrechtsgruppen hoffte. Ein Jahr später eroberte die FSA Teile der Wirtschaftsmetropole Aleppo und auch Teile der Stadt Homs. In das Aufstandsgeschehen mischten sich aber zusehends radikale sunnitische Gruppen. Dies war auch dem schiitischen Iran ein Dorn im Auge. Im April 2013 griff die von Teheran gesteuerte libanesische Hisbollah-Miliz aufseiten der syrischen Armee offen in den Konflikt ein, unterstützt von iranischen Militärberatern.

Abderrazaq Khatoun hat 13 Kinder im Krieg verloren. Nun kümmert er sich um seine elf Enkel, die keine Eltern mehr haben.
© AHMAD AL-ATRASH

Der Konflikt nahm immer blutigere Formen an. Auch Giftgas kam zum Einsatz. Im August 2013 starben nach US-Angaben bei einem Angriff mit dem Nervengas Sarin in Ost-Ghouta bei Damaskus 1400 Menschen. Ein von US-Präsident Barack Obama deshalb angedrohter Militäreinsatz blieb aus. Assad stimmte schließlich der Vernichtung des syrischen Giftgasarsenals zu. Allerdings kam es immer wieder zu Angriffen auf die Zivilbevölkerung mit Chlorgas oder sogenannten Fassbomben, die zahlreiche Opfer forderten.

Die Schreckensherrschaft des IS

Auf einen Höhepunkt des Schreckens steuerte der Bürgerkrieg Anfang 2014 zu, als die terroristisch agierende sunnitische Jihadistenmiliz IS (Daesh) die syrische Stadt Raqqa eroberte und zu ihrer Hauptstadt erklärte. Die Schreckensherrschaft des IS weitete sich auch auf den Nordirak aus, ihr Anführer Abu Bakr al-Baghdadi rief ein „Kalifat“ aus. Verstöße gegen dessen drakonische Vorschriften wurden bestialisch bestraft. Als vom IS als nicht „Rechtgläubige“ erachtete Menschen wurden ermordet, besonders Schiiten, Christen oder Yeziden. Frauen wurden versklavt. Auch zahlreiche „heidnische“ Kulturgüter wurden von den IS-Barbaren zerstört.

Im Frühjahr 2014 konnten syrische Regierungstruppen mit Unterstützung des Iran und Russlands die einstigen Rebellenhochburg Homs weitgehend zurückerobern. Zugleich bildeten die USA eine internationale Koalition gegen die IS-Jihadisten. Zusammen mit arabischen und europäischen Verbündeten flogen sie Luftangriffe auf die IS-Miliz in Syrien und im Irak. Anfang 2015 vertrieben die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) die IS-Miliz nach erbitterten Kämpfen aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei.

Millionen Menschen auf der Flucht

Wegen des Kriegs flohen Millionen Syrer aus ihrer Heimat, viele von ihnen nach Europa. Wurden sie – auch in Österreich – anfangs noch herzlich aufgenommen, so sperrten sich in der Folge immer mehr EU-Länder gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel musste sich für ihren Satz von 2015: „Wir schaffen das“ später Kritik von vielen Seiten anhören. Umgekehrt schlossen sich auch fanatisierte, vor allem junge Menschen aus Europa, den IS-Kämpfern in Syrien und im Irak an.

Der 14-Jährige Yamen al-Jeish ist mit seinen Eltern aus Syrien in den Libanon geflüchtet. Er hält ein Bild aus der Zeit vor Kriegsbeginn in der Hand – Yamen war damals drei Jahre alt.
© IBRAHIM CHALHOUB

Ab Herbst 2015 wurden immer größere Teile Syriens – etwa Teile der Provinzen Latakia und Aleppo – mit russischer Luftunterstützung von der syrischen Armee zurückerobert. Im Sommer 2016 marschierte die türkische Armee in Nordsyrien ein, um vor allem kurdische Milizen von der Grenze zurückzudrängen, die einen wesentlich Beitrag im Kampf gegen den IS geleistet hatten. Die von der Türkei kontrollierte Provinz Idlib ist seither die letzte Islamistenhochburg in Syrien. Dem kurdisch-arabischen Bündnis SDF gelang schließlich mit Unterstützung der US-Armee eine Offensive zur Rückeroberung der syrischen IS-Hauptstadt Raqqa. Im Oktober 2019 wurde der IS-Chef al-Baghdadi bei einem US-Angriff getötet.

Verheerende Bilanz

Die Bilanz des syrischen Bürgerkriegs ist verheerend. Seit seinem Beginn wurden nach UN-Angaben mehr als 387.000 Menschen getötet, über 13 Millionen zur Flucht gezwungen. Schätzungen zufolge seien das mehr als 60 Prozent der Bevölkerung des Landes, teilte das UNO-Nothilfebüro Ocha in seinem jüngsten Bericht mit. 6,6 Millionen Menschen flohen demnach ins Ausland, 6,7 Millionen wurden innerhalb Syriens vertrieben. Das Leiden der Menschen nehme weiter zu. Der Zusammenbruch der Wirtschaft Syriens habe die Preise für Lebensmittel und den Hunger auf ein Rekordniveau getrieben.

Bashar al-Assad ist noch immer an der Macht. Von Russland und dem Iran unterstützt, erstreckt sich sein Herrschaftsgebiet aber nur auf Teile Syriens. Vom Westen wird der syrische Präsident als Kriegsverbrecher geächtet. Mehrere Versuche, durch Verhandlungen eine politische Lösung für Syrien zu erreichen, sind bisher gescheitert. (APA)


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