Studie der Med-Uni Innsbruck: Kinder von Pandemie deutlich stärker belastet

Die Medizinische Universität Innsbruck beobachtet zwei Jahre lang das psychische Wohlergehen von Kindern im Alter von drei bis zwölf Jahren. Die Ergebnisse der zweiten Befragungsrunde zeigen, dass die Kinder durch die Pandemie deutlich mehr belastet sind. Experten der Uni sehen „alarmierende" Entwicklungen.

Kathrin Sevecke (l.) und Silvia Exenberger (r.) informierten über die Tiroler Covid-19 Kinderstudie.
© MUI

Innsbruck – Im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie wird in Tirol seit März 2020 das psychische Wohlergehen von Kindern im Alter von drei bis zwölf Jahren beobachtet. In der zweiten Befragungswelle von Dezember bis Ende Jänner 2021 war ein deutlicher Anstieg an Angst- und Traumasymptomen zu verzeichnen. Die Direktorin der Innsbrucker Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kathrin Sevecke, zeigte sich am Dienstag „alarmiert" und forderte die Politik zum Handeln auf.

Rund 15 Prozent der Kinder mit klinisch relevanten Symptomen

Für die erste Untersuchung waren vor allem Familien aus Hotspotregionen wie dem Paznaun- oder Grödnertal befragt worden. Die Auswertung der Zeit der ersten Quarantäne zeigt damals in Bezug auf Traumatisierung und Angstempfinden noch keine signifikanten Auffälligkeiten. „Das hat sich diesmal deutlich geändert“, erklärt Silvia Exenberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Studie und Klinische und Gesundheitspsychologin im Rahmen einer Pressekonferenz an der Medizinischen Universität Innsbruck.

„Rund 15 Prozent der Kinder wiesen mittlerweile Symptome, die auch klinisch relevant sind, auf", betonte Exenberger. In der ersten Befragungswelle im März des Vorjahres waren es drei Prozent. 703 Familien, damit um 280 mehr als bei der ersten Befragung im Frühjahr 2020, und 224 Kinder hätten teilgenommen und die Onlinefragebögen ausgefüllt, berichtete Sevecke, die auch als Primaria der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am LKH Hall tätig ist.

„Rund 15 Prozent der Kinder wiesen mittlerweile Symptome, die auch klinisch relevant sind, auf" – Silvia Exenberger, Psychologin an der Kinder- und Jugendpsychiatrie am LKH Hall
© MUI

Sevecke appellierte an die Politik, bei der Planung künftiger Maßnahmen die seelischen Folgewirkungen und teilweise Folgeschäden zu bedenken. Die Studienergebnisse und der klinische Eindruck bestärke sie in der Annahme, dass hier belastete und teilweise psychisch kranke Kinder heranwüchsen.

Nach Selbstauskunft der Kinder seien die Traumasymptome um rund 60 Prozent gestiegen, doppelt so viele Kinder wie noch in der ersten Befragungswelle gaben an sie seien besorgt oder ängstlich, teilte Exenberger mit. 45 Prozent mehr Kinder würden Aufmerksamkeitsprobleme zeigen, zudem seien die Kinder aggressiver und würden häufiger Rückzugsverhalten zeigen. „Nach Sicht der Eltern haben sich außerdem die somatischen Beschwerden, also beispielsweise Bauchweh oder Schlafstörungen mehr als verdoppelt", erklärte Exenberger. Hiervon seien vor allem Kindergartenkinder betroffen. Obwohl im zweiten Befragungszeitraum keine Quarantäne verordnet war, empfanden die Kinder ihre Lebensqualität als gleich niedrig wie im März 2020.

Lebensqualität unverändert, besseres Verhältnis zu Freunden

Im März 2020 hatten Kinder vor allem unter dem fehlenden sozialen Kontakt gelitten. „Aus Sicht der Eltern hat sich das Verhältnis von Mädchen und Jungen gleichermaßen zu Freundinnen und Freunden wieder gebessert. Trotz gestiegener Belastungssymptome zeigen die Daten aber, dass die Lebensqualität im Jänner 2021 gleich wie im März 2020, also zur Quarantäne, beurteilt wird. „Hier haben Öffnungen von Kindergärten und die leichten Lockerungen der Kontaktmöglichkeiten beigetragen“, sagt Exenberger. Deswegen warnt die Expertin nachdrücklich vor einer erneuten Schließung von Schulen und Kindergärten.

Geschlechterunterschiede auch nach der zweiten Erhebung

Genau hinschauen werden die ExpertInnen weiterhin bezüglich der Geschlechterunterschiede. Mädchen hatten im März 2020 ein intensiveres Bedrohungserleben und damit verbunden auch mehr Trauma- und Angstsymptome geschildert. „Dies ist so geblieben, aber die aktuellen Ergebnisse zeigen, dass sich bei Mädchen und Jungen das Rückzugsverhalten verstärkt hat. „Trotz dieser Steigerung bei Mädchen und Jungen, ist es doch auffällig, dass diese Verhaltensschwierigkeit bei Jungen wesentlich mehr ausgeprägt ist“, attestiert Exenberger.

Ziel der Studie sei die langfristige Erfassung von Angst-, Stress- und Traumasymptomen sowie der Lebensqualität „der Kleinen", meinten die beiden Medizinerinnen. Unterstützt durch eine 24 Monate andauernde Förderung durch das Land Tirol sei eine dritte Befragungswelle für die Zeit zwischen den Oster- und Sommerferien geplant. Zudem wolle man, so Sevecke, Online-Fokusgruppen mit Pädagogen und Führungskräften bilden, um ein Instrument zur Früherkennung von Belastungssymptomen sowie einen psychologischen Leitfaden zur besseren Bewältigung von Krisensituationen zu entwickeln. Wer bereit ist, an einer ca. eineinhalbstündigen, virtuellen Fokusgruppe teilzunehmen, wende sich bitte für Informationen bzw. Terminvereinbarung an folgende E-Mail-Adresse: hall.kjp.seelische-gesundheit@tirol-kliniken.at

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Zwei Drittel der akuten Fälle auf Pandemie zurückzuführen

In ihrer Funktion als Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder-und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (ÖGKJP) verwies Sevecke auf überlastete Kinder und Jugendpsychiatrien und „ganz viele Krisenaufnahmen" in ganz Österreich. Zwei Drittel der akuten Fälle, etwa selbstverletzendes Verhalten oder Suiziddrohungen, seien auf die Pandemie zurückzuführen. „Wir können alle akuten Fälle behandeln, für längere Klinikaufenthalte reichen die Kapazitäten derzeit nicht", warnte Sevecke. Seit Monaten werde triagiert.

Sevecke nutzte die Pressekonferenz, um auf Versäumnisse in der Gesundheitspolitik hinzuweisen: Ressourcen müssten aufgestockt, ambulante Therapieplätze ausgebaut werden. Außerdem müsse die Behandlung psychisch kranker Kinder und Jugendlichen zur Gänze von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Es sei an der Zeit, alternative Behandlungsmöglichkeiten, wie etwa eine Behandlung zuhause („Home-Treatment") zu fördern. „Auf Worte sind noch keine Taten gefolgt", kritisierte die Expertin das Land Tirol und Versäumnisse in der bundesweiten Gesundheitspolitik. (APA)


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