Experten skeptisch zu Ost-Maßnahmen und mahnen Westen zur Vorsicht

Experten sind skeptisch, ob durch die vorerst nur wenige Tage geplanten Maßnahmen in Ostösterreich eine Trendumkehr erreicht werden kann. Der Mediziner Michael Wagner warnt außerdem Westösterreich, dass man bei schneller Ausbreitung von Virusvarianten sehr schnell dort sein könnte, wo der Osten jetzt sei.

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Westösterreich könnte Ostösterreich folgen, was die Entwicklung der Corona-Zahlen betrifft. Davor warnt Mediziner Michael Wagner.
© Thomas Böhm

Wien – Die am Mittwochabend fixierten neuen Covid-Maßnahmen im Osten Österreichs könnten den aktuell negativen Trend in den Infektionszahlen und auf den Intensivstationen zwar eindämmen, "es wird aber knapp für eine Trendumkehr", sagte der Komplexitätsforscher Peter Klimek am Donnerstag. Schlussendlich sei das Paket auch als eine Art Signal an die Bevölkerung zu interpretieren. Nachdenklich stimmt Kimek der politische "Bremsweg" von nach wie vor rund vier Wochen.

Nach all den Erfahrungen nach einem Jahr Pandemie sei der Weg von Prognosen, die klar in Richtung überhandnehmendes Infektionsgeschehen weisen, bis zur Umsetzung von Konsequenzen immer noch deutlich zu lang. Dass das "verlorene Meter in dem Wettlauf sind", sei klar.

Das relativ starke Zurückfahren des öffentlichen Lebens von 1. bis 6. April werde nun trotzdem einen gewissen Effekt bringen. "Die gute Nachricht ist, dass wir nicht mit einem R-Wert von 1,4 unterwegs waren, sondern es war ein gedämpfter Anstieg über die letzen Wochen", so der Forscher vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) und der Medizinischen Universität Wien. Beobachtungen aus dem vergangenen Jahr zeigen, dass Handel- und Schulschließungen die Zahlen um etwa zehn Prozent drücken können. "Das sollte reichen, um diesen Trend zu stoppen."

Hoffen auf Wärme, Tests und Impfungen

Dann komme noch der hoffentlich erleichternde Effekt wärmerer Temperaturen, zusätzlicher Impfungen und der Ausweitungen des Testens dazu. Klimek: "All das hilft uns ja. Der Punkt ist aber, dass es in der aktuellen Situation nicht ausreicht, wenn wir es nur so abbremsen, dass es nicht weiter ansteigt." Um die Spitäler zu entlasten, müssten die Fallzahlen "möglichst schnell signifikant runtergehen. Wird diese Wirkung nach den fünf, sechs Tagen (des angekündigten Ost-Lockdowns, Anm.) nicht erreicht, wird man auch da nochmals evaluieren müssen. Mit den Maßnahmen alleine wird es knapp, dass man da wirklich eine deutliche Trendumkehr erreicht", betonte der auch im Covid-Prognosekonsortium tätige Forscher.

Das Schließen des Handels über Ostern werde einen gewissen Bremseffekt haben, dessen Ausmaß schwer abzuschätzen sei. "Typischerweise führt ein Zurückfahren im Handel sehr wohl zu einem Rückgang der Infektionen", so Klimek. Woher der aber kommt, sei nicht immer fassbar.

Klar sei, dass auch eine starke Maßnahme verpuffen könne, wenn größere Teile der Bevölkerung sie nicht beherzigen. Dazu komme, dass auch schon alleine Maßnahmen im Handel von Branche zu Brache in ihrer Wirkung unterschiedlich seien, zeigen Studien.

Erfolg von Maßnahmen schwer zuordenbar

Überall dort, wo auch beraten wird, ist die Ansteckungsgefahr natürlich entsprechend höher. Schiebt man aber im Bau- oder Supermarkt nur den Einkaufswagen durch die Gänge, sehe das anders aus. Am Ende des Tages werde es nun auch bei dem neuen Lockdown in Wien, Niederösterreich und im Burgenland sehr schwierig zu bewerten, welche Maßnahme wo welchen konkreten Effekt gebracht hat, räumte der Wissenschafter ein.

Da nun in den Osterferien etwa die Schul- und Berufsgruppentests der Lehrer wegfallen, werde es für die zuletzt sehr treffsicheren Prognosen ebenfalls schwieriger. Zeiten, in denen Veränderungen eintreten, wie die kommenden Wochen mit voraussichtlich auch höheren Temperaturen, brächten immer mehr Unsicherheit in den Modellrechnungen mit sich. "Es wird jetzt eine Phase mit höherer Volatilität geben", so Klimek.

Wagner mahnt restliche Bundesländer zur Vorsicht

Zur Vorsicht auch in den anderen Bundesländern mahnte der Mikrobiologe Michael Wagner von der Uni Wien am Donnerstag. "Wenn sich B.1.1.7 ("britische Variante", Anm.) durchsetzt, sind die in wenigen Wochen da, wo die Ost-Bundesländer jetzt sind".

Beobachtungen aus anderen Ländern hätten gezeigt, dass ein Verlangsamen der Ausbreitung der britischen Variante sehr viel Sinn macht, um vorher möglichst viele Menschen zu impfen. Wagner: "Es ist ein kompletter Trugschluss, zu glauben, dass wir bereits aufmachen können, wenn wir die älteren Menschen geimpft haben."

Es zeige sich jetzt, dass auf den Intensivstationen immer jüngere Patienten liegen, "das war auch von vielen Experten vorhergesagt, dass das bei sehr vielen Infektionen passiert und wird jetzt durch B.1.1.7 noch verstärkt". Sind mehr Junge infiziert, landen im Schnitt auch mehr auf den Intensivstationen. "Der einzige Weg hinaus ist das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu halten bis zumindest die erwachsene Bevölkerung geimpft ist", betonte Wagner, der sich auf das Öffnungsprojekt in Vorarlberg in der Form nicht eingelassen hätte. Vor allem die Lockerungsschritte in den Innenräumen seien hier heikel.

Inzidenz unter 50 hätte ruhigen Sommer ermöglicht

"Testen ist im Moment überlebenswichtig, aber Testen alleine ist nicht ausreichend, mit B.1.1.7 und den Ausgangszahlen die wir haben", sagte Wagner: "Wir hätten unter diese (Sieben-Tages-Inzidenz von, Anm.) 50 kommen müssen, dann hätten wir einen relativ entspannten Frühling und Sommer haben können." Dann hätte auch die Kontaktnachverfolgung wieder besser gegriffen und der saisonale Effekt bei der Eindämmung besser mitgeholfen. "Die Ungeduld – auch in der Bevölkerung", führe letztlich zu einer Prolongierung der vielfach schwierigen Situation.

Wie die nun im Osten über Ostern konzipierten "späten" Maßnahmen wirken werden, liege stark daran, ob den Menschen der Ernst der Lage und die Gefahr einer Überlastung der Intensivstationen wieder bewusst wird. "Ich will nicht akzeptieren, dass uns so kurz vor den Ziel – die Impfungen gibt es ja – jetzt die Kräfte verlassen könnten." (APA)


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