Kranke Politiker waren lange ein Tabu

Dass Politiker so offen mit ihren gesundheitlichen Problemen umgehen wie Gesundheitsminister Anschober, war in Österreich lange Zeit unvorstellbar. Erst in den jüngsten Jahren hat sich das geändert.

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Bruno Kreisky war von 1970 bis 1983 Bundeskanzler. Sein Nierenleiden verschwieg der Sozialdemokrat.
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Wien – Politikerrücktritte aus Gesundheitsgründen wie nun jener von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) sind in Österreich noch immer eine Seltenheit. Lange waren Erkrankungen tabuisiert und wurden geheim gehalten, etwa das Nierenleiden von Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ), das ihn Anfang der 1980er-Jahre regelmäßig zur Dialyse zwang. Außenminister Alois Mock (ÖVP) versuchte seine Parkinson-Erkrankung zu verheimlichen. Erst in den letzten Jahren hat sich das geändert.

Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP) ging 2011 nach einer Lungenembolie. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (beide SPÖ) machten ihre Krebserkrankungen öffentlich, gaben ihre Ämter aber nicht auf. Bundespräsident Thomas Klestil blieb ebenso, trotz einer Lungenembolie 1996. Nachdem er zwei Herzinfarkte erlitten hatte, starb er 2004 zwei Tage vor Ende seiner zweiten Amtszeit.

In der Zweiten Republik gibt es viele weitere Beispiele von Politikern, die trotz schwerer Erkrankungen im Amt blieben. Dazu gehören etwa die Bundespräsidenten Theodor Körner, Adolf Schärf und Franz Jonas oder auch Bundeskanzler Julius Raab (ÖVP).

Anschober war hingegen immer offen mit dem Druck umgegangen, den hohe Politikerpositionen mit sich bringen. Im Herbst 2012 begab er sich wegen Burnouts für mehrere Monate in Krankenstand und sprach auch offen darüber. Sein nunmehriger Rückzug habe nichts damit zu tun, betonte er am Dienstag, sondern sei auf generelle Überarbeitung in seiner Position als Gesundheitsminister in der Corona-Krise zurückzuführen. (APA)


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