Extremismusforscherin: „Infodemie" im Windschatten der Pandemie legt zu

Eine obskure Koalition aus Impfgegnern, Rechtsextremen, Reichsbürgern, Verschwörungstheoretikern und besorgten Bürgern habe sich weltweit online organisiert und trage ihren Protest gegen Corona-Maßnahmen auf die Straße.

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Beinahe wöchentlich kommt es zu Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen.
© ERWIN SCHERIAU

Wien, Klosterneuburg – Rechtsextreme Netzwerke und Verschwörungstheoretiker-Gruppen nutzen Unsicherheiten und Ängste rund um die Corona-Pandemie, um mit Desinformationskampagnen in sozialen Medien gezielt neue Mitglieder zu rekrutieren. Gegen den auf Politik, Wissenschaft, Minderheiten oder Technologien gerichteten Hass lässt sich laut der Extremismusforscherin Julia Ebner vor allem mit digitaler Bildung und Zivilcourage ankommen, aber auch die großen Social-Media-Plattformen müssen mitspielen.

Wovor die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als globale „Infodemie" oder die Vereinten Nationen als „Tsunami des Hasses und der Fremdenfeindlichkeit" gewarnt haben, ist eingetreten. Eine obskure Koalition aus Impfgegnern, Rechtsextremen, Reichsbürgern, Verschwörungstheoretikern und besorgten Bürgern organisiert sich weltweit online und trägt ihren Protest gegen Corona-Maßnahmen wie Lockdowns und Impfungen auf die Straße. So ideologisch verschieden diese Gruppierungen zum Teil sein mögen, der Radikalisierungsprozess neuer Mitglieder folgt immer einem bestimmten Muster, erklärte die für das Londoner Institute for Strategic Dialogue tätige österreichische Expertin am Donnerstagnachmittag im Rahmen des vom Institute of Science and Technology (IST) Austria veranstalteten Online-Vortrags „Das neue Zeitalter der Desinformation und Radikalisierung".

„Bestehende Informationslücken wollen gefüllt werden"

„Es startet immer mit der Rekrutierung in die extremistische Gruppe, aber dann kommt als wichtiger nächster Schritt der Prozess der Sozialisierung", so Ebner, die für ihr als „Wissenschaftsbuch des Jahres 2020" ausgezeichnetes Buch „Radikalisierungsmaschinen" zahlreiche extremistische Bewegungen online infiltrierte, von Dschihadisten über Neonazis bis zu Frauenhassern und Verschwörungstheoretikern. Ist man Teil dieser Gruppe bzw. einer „exklusiven Subkultur", sei die ideologische Indoktrinierung oft nur ein Nebenprodukt des noch wichtigeren Soziallebens.

Der Zulauf zu Verschwörungstheoretiker-Gruppen erklärt sich für Ebner unter anderem darin, dass bestehende Informationslücken gefüllt werden wollen, die vor allem zu Beginn einer Krise bestehen. Hinzu kommen Gefühle von Einsamkeit, Langeweile, Machtlosigkeit, Aussichtslosigkeit und ein Mangel an Perspektiven, die von solchen Gruppierungen kompensiert werden. Das schaffen sie, indem sie ein Gefühl von Zugehörigkeit und familiärer Bindung vermitteln und Sündenböcke präsentieren, die vermeintlich an der Krise schuld sind. Die kruden, aber vehement vorgetragenen Narrative richten sich gegen Minderheiten wie Migranten oder Juden, staatliche Akteure wie China, Vertreter der „Elite" wie Bill Gates oder George Soros, das „Establishment" wie die WHO oder große Pharmafirmen sowie gegen Technologien wie den neuen Mobilfunkstandard 5G. Übergriffe auf asiatische Minderheiten oder das Kippen von Mobilfunkmasten würden zeigen, dass sich die so angestachelten Proteste nicht auf Online-Foren beschränken.

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Geheimer Versuch, Kontrolle über Bevölkerung zu erlangen

Eine typische Basis von Verschwörungstheorien – führend vorangetrieben etwa vom Netzwerk „QAnon" – ist es, dass im Geheimen versucht werde, Kontrolle über die Bevölkerung zu erlangen: „Es gibt die Theorie, dass Bill Gates uns allen durch die Vakzine Mikrochips implantieren will, um die Weltbevölkerung zu überwachen", erläuterte Ebner eines der bekanntesten Beispiele.

Damit sich die Verschwörungstheorien verbreiten, braucht es ein entsprechendes Online-Ökosystem. Ein Hauptproblem sieht die Expertin in den großen sozialen Netzwerken. Obwohl Twitter und Facebook mittlerweile härter gegen Gewaltaufrufe und Verschwörungstheorien vorgehen und sich rechtsextreme Gruppen zunehmend über eigens kreierte Plattformen organisieren, erfolge die Koordination von Protesten oft noch immer über die reichweitenstärkeren etablierten Social Media-Kanäle. Und deren Geschäftsmodell basiere nun einmal darauf, die menschliche Aufmerksamkeit an sich zu reißen. Wegen ihrer reißerischen Inhalte befänden sich Extremisten daher in einer besseren Ausgangsposition.

Bewegungen verschwinden mit Ende der Pandemie nicht

In ihrer Forschungsarbeit kooperiert die Expertin aber dennoch mit Facebook und Co., um etwa anonymisiert den Dialog mit Menschen zu suchen, die Desinformationskampagnen starten. Zwar gebe es bei diesen Versuchen der Deradikalisierung erste Erfolge, aber zur Prävention weiterer Eskalationen, Gewalt und Falschinformationen bedürfe es einer weitreichenden Kombination aus digitaler Bildung und Zivilcourage.

Die Hoffnung, dass einschlägige Bewegungen, die von den Ängsten und Unsicherheiten in Krisenzeiten profitieren, mit dem Ende der Pandemie wieder verschwinden, kann die Fachfrau nicht teilen. „Corona ist auch eine wirtschaftliche Krise. Die Verschwörungstheorien werden andauern, und Politiker weiterhin beschuldigt werden." (APA)


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