Zu groß für ein Klavier: Pianist Igor Levit literarisch begleitet

Journalist Florian Zinnecker hat den Pianisten Igor Levit ein Jahr lang begleitet – und mit „Hauskonzert“ ein bemerkenswertes Buch darüber und über die Gegenwart geschrieben.

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Igor Levit, geboren 1987, zählt zu den bedeutendsten Pianisten der Gegenwart.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck – Im April 2010 legte der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull den internationalen Flugverkehr lahm – und beförderte Igor Levits Karriere. Der damals 22-jährige Pianist nahm an einer Konzertreise junger Musiker durch die chinesische Provinz teil – und war einige Tage früher angereist. Während seine Kolleginnen und Kollegen auf Europas Flughäfen festsaßen, absolvierte er unter bisweilen abenteuerlichen Bedingungen ein Mörderprogramm. Und er machte die einflussreiche Musikkritikerin Eleonore Büning auf sich aufmerksam. Auch sie wurde von der isländischen Aschewolke zum Umplanen gezwungen.

Wenige Wochen später veröffentlicht Büning in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Porträt über Levit. Darin standen wuchtige Sätze. Sätze, die auch eine hochrenommierte Kritikerin wie Büning nur einmal schreiben konnte. „Igor Levit, im Gegensatz zu all den anderen netten, schmiegsamen, gut aussehenden Notenabspielern, die für eine Weile von der PR-Maschinerie nach oben gespült werden, hat das Zeug dazu, einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts zu werden. Besser gesagt, er ist es schon.“ Da hatte Levit weder sein Konzertexamen bestanden noch einen Plattenvertrag. Doch Levit wurde den Vorschusslorbeeren gerecht.

Seit gut einem Jahrzehnt ist er beinahe omnipräsent. Als Konzertpianist auf den bedeutendsten Bühnen der Klassikwelt, als „recording artist“ und in den Medien, in den klassischen genauso wie auf digitalen Plattformen. Vor allem auf Twitter, wo ihm rund 140.000 Menschen folgen, hat Levit die „Blase“ der klassischen Musik schon lange verlassen. Levit äußert sich zu politischen Themen. Er zeigt klare Haltung gegen Rechts, beklagt Fremdenhass, Deutschtümelei und deren Duldung durch etablierte Parteien und Institutionen.

Eigentlich war es nach mehreren gefeierten und vielfach ausgezeichneten Alben, nach Talkshowauftritten und Zeitungsartikeln ohne Zahl nur eine Frage der Zeit, bis auch der Buchmarkt auf Levit aufmerksam wurde. Nun ist mit „Hauskonzert“ das erste Buch von und über Levit erschienen. Der Zeit-Journalist Florian Zinnecker hat ihn über mehrere Monate begleitet, lange Gespräche mit ihm und vielen seiner Weggefährten geführt. Angedacht war eine teilnehmende Beobachtung des Pianisten durch das Beethoven-Jahr 2020. Levit hatte dessen Klaviersonaten komplett eingespielt. Auftritte in aller Welt waren in enger Taktung geplant. Der erste Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 machte alles Planen zu Makulatur. „Hauskonzert“ wurde zum Buch über eine Ausnahmebegabung in einer globalen Ausnahmesituation. Und zum Buch über Bedrohung: über den bedrohlichen Stillstand im Kulturlockdown, dem Levit mit jenen „Hauskonzerten“ auf Twitter begegnete, die dem Buch nun seinen Titel geben – und für die er inzwischen mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Aber auch über die Angriffe, die Levit erfahren hat. Die reichen vom nur scheinbar beiläufigen Antisemitismus in besser betuchten Abendgesellschaften bis zur offenen Drohung, ihn, „die Judensau“, bei einem Auftritt in Wiesbaden von der Bühne zu schießen. Im Herbst vergangenen Jahres „argumentierte“ die Süddeutsche Zeitung in einer Konzertkritik gegen Levit mit Anwürfen, die sich kaum nicht-antisemitisch lesen lassen. Das Blatt bat nach einigem Zögern doch noch um Entschuldigung.

„Hauskonzert“ kommt seinem Protagonisten sehr nahe. Es dürfte auch den Leserinnen und Lesern nahegehen. Obwohl man, sofern einem die hitzigen Feuilleton-Debatten der vergangenen Monate einigermaßen vertraut sind, wenig wirklich Neues erfährt.

Das Buch ist keine klassische Biografie. Zinnecker schreibt locker, beinahe salopp und nahe am Umgangssprachlichen – und fasst den Text in knappe Absätze. Er flicht viel direkte Rede in den Text und springt episodisch in der Zeit zurück, erzählt etwa von der Abfuhr, die Grigory Sokolov dem jungen Levit erteilte. Der Klaviergigant riet dem damals 16-Jährigen, er solle es doch mit Flöte probieren. Und von Levits Begeisterung für den Rapper Eminem, der ihm vormachte, was es heißt, selbstbewusst „ich“ zu sagen.

Doch trotz aller biografischer Rückblenden ist „Hauskonzert“ vornehmlich ein Buch über die Gegenwart. Nicht über Corona, sondern über das Leben in Deutschland, wo der 1987 im sowjetischen Gorki geborene Levit seit 1995 lebt; über schleichende, rasante und erschreckende gesellschaftliche Veränderungen, über Fremdenfeindlichkeit und Selbstermächtigung; über die Besitzstandswahrer im Kultur- und Medienbetrieb, die das Außerordentliche von einst feiern – und das Außerordentliche von heute als Profilierungssucht oder PR-Maßnahme abtun. Und natürlich ist „Hauskonzert“ auch ein Buch über Musik geworden: über Beethoven, Mahler, Max Reger und Feruccio Busoni, über Saties „Vexations“ und Ronald Stevens „Passacaglia on DSCH“. Über Musik, die – wie mehrfach angemerkt wird – eigentlich zu groß für ein Klavier ist, die überfordern kann und aufrütteln und trösten; Musik, die nicht nur gespielt und gehört, sondern gedacht und immer weitergedacht werden will. Im Konzertsaal. Auf Twitter. Im Zug. Selbst auf dem Klo. Dorthin flüchtete sich Igor Levit, als ihm Florian Zinnecker den Vorschlag für ein gemeinsames Buch machte. Als er zurückkam, wollte er es probieren. Auch für diesen mutigen Schritt muss man Igor Levit dankbar sein.

📚 Biografie Igor Levit/Florian Zinnecker: Hauskonzert. Hanser, 304 Seiten, 24,70 Euro.


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